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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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VI. Artus

Artus war von Karidol aufgebrochen, um dem roten Ritter nachzuziehen, welchen die Tafelrunde in ihre Genossenschaft aufnehmen wollte. An den Ufern des Plimizöl lässt er sich wegen der Nähe von Monsalväsche und des Gralsheeres von seinen Rittern geloben, ohne seine ausdrückliche Erlaubnis nicht zu streiten. Parzival, den der Zufall dahin führt, versinkt beim Anblick dreier Blutstropfen im Schnee ganz in Gedanken an Kondwiramur. So findet ihn ein Knappe Kunnewarens, der es als einen Schimpf für die Tafelrunde beschreit. Segramors wirkt sich Erlaubnis zum Kampf aus, wird aber von dem bewusstlosen Parzival abgestochen. Gleiches Schicksal hat Keie, der im Fall den rechten Arm und das linke Bein zerbricht, womit Kunnewarens Schmach an ihm gerochen ist. Gawan reitet unbewaffnet hinaus, erkennt Parzivals Zustand und wirft ein Tuch über die Blutstropfen. Parzival kommt zu sich und reitet mit Gawan zu Artus und seine Ritter bitten ihn, Genoss der Tafelrunde zu werden, die zwar zu Nantes geblieben ist, hier aber durch ein rund geschnittenes Tuch vorgestellt wird. Über dem Festmahl erscheint Kondrie la Sorziere, die ungeheuere Botin des Grals, erklärt die Tafelrunde für entehrt durch die Mitgliedschaft Parzivals (dessen Namen und Geschlecht hier zuerst verlautete) und flucht diesem, weil er bei Anfortas Qual und den Wundern des Grals nicht gefragt habe. Dann lädt sie zur Befreiung der vier zu Chatelmerveil gefangen gehaltenen Königinnen ein. Gleich darauf erscheint Kingrimursel und fordert Gawanen, als den Mörder seines Herrn und Vetters Kingrisin, zum Zweikampf, der nach vierzig Tagen zu Schampsenzon vor dem König Vergulacht von Askalon Statt haben soll. Klamide wird auf Parzivals Fürsprache mit Kunnewaren verlobt. Ekuba, die heidnische Königin von Ianfuse, erzählt Parzival von seinem Bruder Feirefiß. Parzival verzichtet auf die Tafelrunde, gelobt sich dem Gral und reitet traurig und an Gott verzweifelnd hinweg. Auch Gawan rüstet sich zu seiner Fahrt, Ekuba schifft sich ein, Artus zieht gen Karidol und Orilus mit Klamide gen Brandigan, wo seine Hochzeit mit Kunnewaren feierlich begannen wird.


   Wenn ich euch nun sagen soll, (280, 1)
Wie Artus von Karidol
Und von seinem Lande schied,
Wie ihm die Tafelrunde riet -:
Er ritt, so tut die Mär und kund, (280, 5)
Auf seinem und auf fremdem Grund
Nun schon den achten Tag umher,
Jenen aufzusuchen, der
Sich nennen ließ den Ritter rot
Und ihm so viel Ehre bot. (280, 10)
Denn ihn shcied von langem Gram
Der Ithern das Leben nahm,
Und Klamiden und Kingronen
Sandte zu den Bretonen
An seinen Hof zu guter Stunde. (280, 15)
Er wollt ihn an die Tafelrunde
Laden, ihr Genus zu werden:
Drum scheut' er keinerlei Beschwerden.

   Er sucht' ihn über Berg und Tal.
Es hatten alle zumal, (280, 20)
Die jemals Schildesamt erprobt,
Dem König Artus angelobt:
Wo sie sähen Ritterschaft,
Dass sie, bei ihres Eides Kraft,
Gegen niemand föchten, (280, 25)
Wenn sie's nicht erbitten möchten,
Dass er sie ließe streiten.
Er sprach: "Wir müssen reiten
In manches Land, das kühne Degen
Zählt, die uns bestreiten mögen:
Da droht uns mancher scharfe Speer. (281, 1)
Wollt ihr dann rennen kreuz und quer
Wie freche Rüden, deren Band
Abgestreift des Meisters Hand,
Das geschäh mir nicht zu Willen; (281, 5)
Den Tollmut will ich stillen.
Ich geb euch Urlaub, tut es Not;
Bis dahin haltet mein Verbot."

   Dies Gelübde habt ihr wohl vernommen.
Nun hört, wohin uns ist gekommen (281, 10)
Parzival der Waleis.
Über Nacht der Schnee war leis
Doch dicht auf ihn herab geschneit.
Es war jedoch nicht Schneiens Zeit,
Wenn ich die Kunde recht vernahm. (281, 15)
Artus der maienhafte Mann,
Was man je von ihm sang und sprach,
Das geschah an einem Pfingstentag,
Oder in des Maien Blütenzeit.
Wie man mit süßer Luft ihn freut! (281, 20)
Meine Märe hat viel andern Brauch:
Sie kleidet sich in Schnee wohl auch.

   Seine Falkner von Karidöl
Ritten Abends an den Plimizöl
Beizen. Schaden traf sie dort: (281, 25)
Ihnen flog der beste Falke fort;
Der hob hinweg sich balde
Und blieb die Nach tim Walde:
Überkröpfung verbrockte,
Dass kein Köder mehr in lockte.

   Er blieb die Nacht bei Parzival. (282, 1)
Ihnen war der Wald unkund zumal;
Auch litten beide sehr an Frost.
Als der Tag erschien im Ost,
War ihm ganz verschneit der Weg. (282, 5)
Da ritt er durch das Waldgeheg
Pfadlos über Stock und Stein.
Der Tag gab immer lichtern Schein;
Auch hellte sich des Waldes Raum;
Doch lag gefällt ein mächtger Baum (282, 10)
Auf einem Plan, zu dem er bog
(Und Artus Falken nach sich zog),
Wo wohl tausend Gänse lagen;
Da vernahm man ihr Gagagen.
Hurtig flog er unter sie, (282, 15)
Der Falk, und traf die eine hie,
Dass sie ihm mit Not entging,
Unterm Ast des Baumes Schutz empfing.
Ihrem hohen Flug geschah da Weh.
Aus ihren Wunden auf den Schnee (282, 20)
Fielen drei Blutstropfen rot:
Die schufen Parzivalen Not.

   Seine Treue sah man da:
Als er die Blutszähren sah
Auf dem Schnee, der war so weiß, (282, 25)
Da gedacht er: "Wer hat seinen Fleiß
Gewandt auf diese Farben klar?
Kondwiramur, dir fürwahr
Nur gleichen diese Farben.
Mich lässt Gott an Glück nicht darben,
Da ich hier Dein ein Gleichnis fand. (283, 1)
Gepriesen möge Gottes Hand
Und seine ganze Schöpfung sein!
Konwiramur, hier liegt dein Schein.
Da der Schnee dem Blute Weiße bot, (283, 5)
Das Blut den Schnee gefärbt so rot,
Konwiramor,
Dem vergleicht sich dein beau Korps:
Das erlass ich dir nicht."
Ihm schwebte vor ihr Angesicht, (283, 10)
Wie ers jene Nacht sah prangen,
Zwei Zähren an den Wangen,
Das dritt an ihrem Kinne.
Er pflag getreuer Minne
Zu ihr ohn alles Wanken. (283, 15)
So versank er in Gedanken,
Dass er da hielt mit Unbedacht:
Ihn zwang der starken Minne Macht.
Solche Not gab ihm sein Weib.
Dieser Farbe glich der Leib (283, 20)
Von Pelrapär der Königin:
Die nahm ihm die Besinnung hin.

   So hielt er da, als ob er schlief'.
Erkennt ihr ihn, der zu ihm lief?
Kunnewars Garzon war ausgesandt: (283, 25)
Er sollte gegen Laland,
Als er vor dem Wald gewahrte
Einen Helm mit mancher Scharte,
Und einen Schild arg verhauen
Und zwar im Dienst seiner Frauen.
In voller Rüstung hielt ein Held (284, 1)
Wie zur Tjost hier aufgestellt
Mit hoch empor gekehrtem Schaft.
Der Garzon lief heim aus aller Kraft.
Sicher hätt ihn nicht verschrien (284, 5)
Dieser Knapp, erkennt' er ihn,
Dass er seiner Herrin Ritter wär.
Als träfe Bann und Acht ihn schwer,
Hetzt' er das Volk hinaus an ihn:
Er wollt ihm schaffen Ungewinn. (284, 10)
So verging er sich an höfschem Brauch;
Nun, los war seine Herrin auch.

   Höret wie der Knappe schrie:
"Fi, o fi! Fi, o fi!
Fi, verzagte Tafelrunder! (284, 15)
Zählt man Gawan für ein Wunder,
Und diese Ritter allzumal
Zu ehrenwerter Degen Zahl,
Und Artusen, den Breton?"
Also rief der Garzon. (284, 20)
"Die Tafelrunde steht entehrt!
Die Schnüre hat man euch versehrt."
Die Ritter hoben großen Schall:
Man hörte fragen überall
Welch Waffenwerk da wär getan. (284, 25)
Nun hörten sie, ein einzger Mann
Halte dort, zur Tjost bereit.
Da gereute sie der Eid,
Den jüngst Artus hatt empfangen.
So schnell, es war nicht mehr gegangen,
Lief hinaus oder sprang (285, 1)
Segramors, der stets nach Streiten rang.
Wo der glaubte Kampf zu finden,
Mit Stricken musste man ihn binden,
Sonst wollt er bei dem Tanze sein. (285, 5)
Nirgend ist so breit der Rhein,
Säh er am andern Gestade
Kämpfen, er würde nach dem Bade
Nicht tasten, ob es warm ob kalt,
Ins Wasser spräng der Degen bald. (285, 10)

   Eilends lief der Jüngling
Zu Artusens Zeltbering,
Da noch der werte König schlief.
Segramors ihm durch die Schnüre lief.
Zu des Zeltes Türe drang er ein, (285, 15)
Von Zobel ein Decklaken fein
Entriss er ihnen, die da lagen
Und noch süßen Schlafes pflagen,
So dass sie mussten wachen
Und seines Unfugs lachen. (285, 20)
Seiner Base rief er: "Königin,
Ginover, Gebieterin,
Wohl weiß die Welt, wir sind verwandt;
Auch ist es kund in manchem Land,
Um Fürsprache fleh ich dich. (285, 25)
So hilf mir, Herrin, und sprich
Ein Wort bei Artus, dass dein Gatte
Eine Gnade mir gestatte:
Ein Abenteuer ist nicht fern;
Ich wär zur Tjost der Erste gern."

   Zu Segramors Herr Artus sprach: (286, 1)
"Du weißt, wie mir dein Mund versprach,
Nach meinem Willen zu verfahren
Und dich vor Vorwitz zu bewahren.
Wird von dir hier eine Tjost getan, (286, 5)
Darnach will mancher andre Mann,
Dass ich ihn lasse reiten,
Sich auch Preis zu erstreiten.
Doch damit schwächt sich unsre Wehr.
Bald nahn wir Anfortasens Heer, (286, 10)
Das von Monsalväsche fährt
Und seinen Wald mit Kämpfern wehrt.
Da wir nicht wissen, wo die stehn,
So kann uns Schaden viel geschehn."

   Ginover bat Artus so, (286, 15)
Dass Segramors wurde froh.
Da sie ihm das Abenteur erwarb,
Dass er da nicht vor Freude starb
War viel, so hatte sich der Held.
Da hätt er wahrlich um kein Geld (286, 20)
Belassen all des Ruhmes Zoll,
Den diese Fahrt ihm bringen soll.

   Der junge Stolze sonder Bart,
Sein Ross und er gewappnet ward.
Aus fuhr Segramors roi (286, 25)
Galoppierend über jeune Bois,
Sein Ross hoch über Stauden sprang.
Manche goldne Schelle klang
An der Deck und an dem Mann:
Man hätt ihn wohl nach dem Fasan
Geworfen in ein Dornicht. (287, 1)
Wer ihn zu suchen wär erpicht,
Der fänd ihn wieder am hellen
Klang der läutenden Schellen.

   So fährt der unberatne Held (287, 5)
Zu dem, den Minnezauber hält.
Doch schlägt und sticht er keinen Schlag
Bis ihm sein Mund den Frieden brach.
Besinnungslos hielt Parzival.
Ihn zwang des Blutes dreifach Mal, (287, 10)
Dazu die strenge Minne,
Die auch mir oft raubt die Sinne
Und mir das Herz unsanft bewegt.
Ach ein Weib ists, die mir Not erregt:
Will sie mich also zwingen (287, 15)
Und mir nimmer Hilfe bringen,
So muss ich wohl mich ihr entziehn
Und von ihrem Troste fliehn.

   Nun hört auch von jenen beiden,
Von ihrem Kommen, ihrem Scheiden. (287, 20)

   Segremors sprach also:
"Ihr gebahret, Herr, als wärt ihr froh,
Dass hier ein König liegt mit seinem Heer.
Die beiden wiegen euch nicht schwer:
Dafür müsst ihr mir Buße geben (287, 25)
Ich verliere denn mein Leben.
Ihr seid auf Streit zu nah geritten;
Doch will ich erst euch höflich bitten:
Ergebt euch meiner Gewalt,
Sonst wäg ich solchen Lohn euch bald,
Dass euer Fallen rührt den Schnee. (288, 1)
Besser, ihr ergebt euch eh."

   Parzival der Drohung schwieg;
Frau Minne gab ihm andern Krieg.
Die Tjost zu bringen warf sein Pferd (288, 5)
Segramors der Degen wert.
Auch wandte sich das Kastilian,
Drauf Parzival der kühne Mann
Noch der Besinnung ohne saß
Und das Blut mit Augen maß. (288, 10)
Da ward sein Blick davon gekehrt
Und der Preis ihm neuerdings gemehrt:
Denn als er nicht mehr sah das Blut,
Zu sich selber kam der Degen gut.

   Hier ritt Segramors Roi. (288, 15)
Parzival nahm den Speer von Troyes,
Der zäh war und feste,
Dazu bemalt aufs Beste,
Wie er ihn vor der Klause fand:
Den senkt' er nieder mit der Hand. (288, 20)
Eine Tjost empfängt er durch den Schild,
Die er mit einer Tjost vergilt,
Dass Segramors der Recke
Lag auf der schnee'gen Decke,
Und der Speer doch ganz verblieb, (288, 25)
Der ihn aus dem Sattel trieb.
Parzival ritt ohne Fragen
Hin, wo die Tropfen lagen:
Als sie sein Auge wieder fand,
Frau Minne knüpft' ihn an ihr Band.
Er sprach dabei nicht das noch dies; (289, 1)
Besinnung wieder von ihm ließ.

   Segramors Kastilian
Hob sich zu seinem Stall hindann;
Er selbst auch musste sich erheben, (289, 5)
Wollt er sich zur Ruh begeben.
Sonst legt man sich um auszuruhn,
Das pflegt ihr selber wohl zu tun.
Welche Ruhe fand er in dem Schnee?
Darin zu liegen tät mir weh. (289, 10)
Zum Schaden stets gesellt sich Spott;
Dem Glücklichen half immer Gott.

   Des Königs Heer lag wohl so nah,
Dass es Parzivalen sah
Und was mit ihm geschehen war. (289, 15)
Er ließ den Sieg der Minne gar,
Die Salomonen auch bezwang.
Jetzo währt' es nicht mehr lang
Bis Segramors ins Lager kam;
Ob ihm einer gut war oder gram, (289, 20)
Er empfing sie alle gleich:
Austeilt' er scheltend manchen Streich.

   Er sprach: "Habt ihr noch nicht gewusst,
Dass der Kampf Gewinn hat und Verlust
Und einer meist bei Tjosten fiel? (289, 25)
Im Sturm sinkt halt der beste Kiel.
Ihr hört mich wohl nicht sagen,
Mein zu harr'n werd er nicht wagen,
Wenn er erkenne meinen Schild.
Zu übel hat mir mitgespielt
Der noch da draußen Tjost begehrt: (290, 1)
Der Degen ist wohl Preises wert."

   Keie der kühne Mann
Bracht es bei dem König an,
Dass Segramors verloren habe: (290, 5)
Draußen halt' ein übler Knabe,
Der Tjost begehre wie vorher:
"Mir läg es auf der Seele schwer,
ging' es ungestraft ihm hin!
Wenn ich euch so würdig bin, (290, 10)
So lasst mich fragen, wes er gehrt,
Der dort den Speer empor gekehrt
Noch hält vor euerm Weibe.
Versagt ihr mirs, ich bleibe
IN euerm Dienst keine Stunde. (290, 15)
Beschimpft ist die Tafelrunde,
Wenn man ihm nicht die Zeiten wehrt.
Seine Kraft an unserm Ruhme zehrt.
Gebt mir zu streiten Urlaub:
Wären wir alle blind und taub, (290, 20)
Ihr müsstets wehren, es ist Zeit!"
Artus erlaubte Kei'n den Streit.

   Gewappnet ward der Seneschalt.
Da wollt er schwenden den Wald
In der Tjost auf diesen künftgen Gast. (290, 25)
Der trägt schon von der Minne Last,
Da ihn bezaubert Schnee und Blut;
Sich versündigt wer ihm mehr noch tut.
Auch höht es nicht der Minne Preis,
Die so ihn bannt in ihren Kreis.

   Frau Minne, wie tut ihr so, (291, 1)
Dass ihr den Traurgen machet froh
Mit schnell verrauschter Freude,
Ihn verkommen lasst im Leide?

   Wie steht euch das, Frau Minne, (291, 5)
Dass ihr mannhafte Sinne,
Des hohen Mutes Zuversicht
Zu Schanden machet und zunicht?
Das Geringste wie das Beste,
Was auf der Erde Veste (291, 10)
Widerstreitet eurer Macht,
Ihr habt es bald zu Fall gebracht.
Wir müssen eure Meisterschaft
Erkennen, groß ist eure Kraft.

   Ein Ding, Frau Minne, ehrt euch sehr, (291, 15)
Ein einziges; das achtet mehr:
Frau Freude sei euch beigesellt,
Sonst ist es schwach um euch bestellt.

   Frau Minne, ihr seid ungetreu;
Die Unart ist so alt als neu. (291, 20)
Manches Weib habt ihr entehrt,
Die des verwandten Manns begehrt.
Durch Euch hat an dem Lehensmann
Oft der Lehnsherr missgetan,
Oft der Freund an dem Gesellen, (291, 25)
Solche Sitte muss euch fällen,
Oft der Dienstmann an dem Herrn.
Frau Minne, das sei euch fern,
Dass ihr den Leib der Gier ergebt,
Wofür die Seele Schmerz durchbebt.

   Frau Minne, dass ihr mit Gewalt (292, 1)
So die Jugend machet alt,
Die noch an Jahren dürftig ist,
Das ist Tücke, die man nicht vergisst.

   Diese Rede ziemte keinem Mann, (292, 5)
Als der nie Trost von euch gewann.
Wär mir eure Hilfe kund,
So säumig lobt' euch nicht mein Mund.
Ihr habt mir Mangel nur zum Ziel gesetzt,
Meiner Augen Schärfe so verwetzt, (292, 10)
Dass ich euch nicht mehr trauen kann;
Nie nahmt ihr meiner Not euch an.
Doch seid ihr mir zu hoch und hehr,
Als dass ich je so töricht wär,
Euch zu schelten in des Zornes Hitze: (292, 15)
Ihr drückt uns mit so scharfer Spitze,
Belastet uns, wir tragens kaum.
Heinrich von Veldeck unterm Baum
Hat schön von eurer Art gedichtet:
Hätt er uns lieber unterrichtet (292, 20)
Wie man eure Gunst behaltne soll!
Er gab uns Unterweisung wohl
Wie man euch mög erwerben.
Durch Einfalt muss verderben
Manches Thoren hoher Fund. (292, 25)
Wird mir selber Solches kund,
Des zeih ich euch, Frau Minne:
Ihr seid ein Schloss ob klugem Sinne.
Wider Euch hilft weder Schild noch Schwert,
Schnell Ross, noch Veste turmbewehrt:
Ihr werdet Meister aller Wehr. (293, 1)
Auf der Erd und auf dem Meer
Was entrinnet euerm Kriege
Ob es fließe, ob es fliege?

   Frau Minne, Ihr wart auch zugegen, (293, 5)
Da Parzival der kühne Degen
Durch eure Kraft den Sinn verlor;
Er ward durch große Treu ein Thor.
Die süße klare Königin
Sandt Euch als Botin her an ihn, (293, 10)
Die Sein gedenkt zu Pelrapär.
Kardeißen, fils Tampentär,
Ihrem Bruder, nahmt ihr auch das Leben.
Soll man euch solche Zinse geben,
Wohl mir, dass ihr mir nichts geborgt, (293, 15)
Wenn ihr so für eure Schuldner sorgt.

   Für uns alle nahm ich hier das Wort;
Nun hört, was sich begeben dort.

   Kei, der kraftreiche Mann,
Gewappnet ritt er stolz heran. (293, 20)
Man sah wohl, dass er Kampf begehrte;
Auch mein ich, dass ihm Kampf gewährte
König Gahmuretens Kind.
Wo nun zwingende Frauen sind,
Die sollten Heil ihm erflehn: (293, 25)
Durch ein Weib ists ihm geschehn,
Dass ihm Minne nahm die Sinne.
Kei hielt vor dem Anlauf inne,
Zu dem Waleisen sprach er da:
"Da es, Herr, euch geschah,
Dass ihr den König habt geschmäht, (294, 1)
So tut wie man euch freundlich rät,
Denn sicher ist es euer Heil:
Nehmt euch selber an ein Hundeseil
Und lasst euch vor ihn ziehen. (294, 5)
Ihr könnt mir nicht entfliehn,
Ich bring euch doch bezwungen dar:
So nimmt man euer übel wahr."

   Den Waleisen zwang der Minne Kraft
Zu schweigen. Keie zog den Schaft (294, 10)
Zurück und stieß ihm einen Schwang
Ans Haupt, dass laut der Helm erklang.
Er sprach: "Ich bringe dich zum Wachen.
Willst du ohne Leilachen
Hier schlafend halten deinen Stand? (294, 15)
Anders fügt es meine Hand:
Auf den Schnee wirst du gelegt.
Der Säcke von der Mühle trägt,
Wollte man ihn also bläuen,
Seiner Trägheit würd ihn bald gereuen." (294, 20)

   Frau Minne, seht sein besser nach:
Dies geschieht zu eurer Schmach.
Ein Bauer spricht, wenn sie ihn schelten:
"Meinem Herren soll dies gelten."
Er gehts ihm klagen, darf er sprechen. (294, 25)
Frau Minne, gönnt ihm sich zu rächen,
Diesem werten Waleisen.
Lasst ihm aus euern Zauberkreisen,
Enthebt ihn eurer schweren Last,
So wehrt sich, wett ich, dieser Gast.

   Kei, der heftig auf ihn schoss, (295, 1)
Kehr't ihm um und um das Ross:
Als ihm vor Augen nicht mehr lag
Sein süßes, saures Ungemach,
Das seinem Weib zu gleichen schien, (295, 5)
Von Pelrapär der Königin,
Ich meine den gefärbten Schnee,
Frau Besinnung kehrt' ihm da wie eh,
Er wurde sein bewusst aufs neue.
Galoppieren lies sein Ross Herr Keie, (295, 10)
Tiostierend ritt er her;
Im Anlauf senkten sie den Speer.

   In der Tjost brach Kei dem Helden jetzt,
Wie er sich zielend vorgesetzt,
Ein weites Fenster durch den Schild. (295, 15)
Den Stoß der Waleis ihm vergilt:
Kei, Artusens Seneschall,
Nahm vom Gegenstoß den Fall
Auf den Baum, zu dem die Gans entrann,
Dass das Ross und der Mann (295, 20)
Beide litten harte Not:
Der Mann ward wund, das Ross lag tot.
Zwischen dem Sattel und einem Stein
Den rechten Arm, das linke Bein
Zerbrach Herr Kei von diesem Fall. (295, 25)
Sattel, Gurt, die Schellen all
Zerbrach ihm diese Niederlage.
Zwei Schläge vergalt mit einem Schlage
Der Waleis: Den von Kunnewaren,
Und den er selber hart erfahren.

   Dem nichts von Falschheit war bekannt, (296, 1)
Ihn lehrte Treue, dass er fand
Schneeigen Blutes Zähren drei,
Die ihn machten Sinnes frei.
Seine Gedanken an den Gral (296, 5)
Und das der Köngin gleiche Mal,
Beides schuf ihm gleiche Not;
Doch war strenger, die ihm Minne bot.
Trauern und Minne
Zerbricht die zähsten Sinne. (296, 10)
Sollen dies Abenteuer sein?
Sie hießen besser beide Pein.

   Kühne Leute sollten Keiens Not
Beklagen: Mannheit ihm gebot
Sich zu erdreisten manchen Streit. (296, 15)
Man singt in manchen Landen weit,
Kei, Artusens Seneschant,
Wär ein arger Höllenbrand.
Des sagt ihm meine Märe los.
Es war der Würdigkeit Genoss: (296, 20)
Stimmen mir auch Wen'ge bei;
Ein getreuer, kühnen Mann war Kei,
Das Zeugnis gibt ihm mein Mund.
Ich tu euch mehr wohl von ihm kund.
Artusens Hof war ein Ziel (296, 25)
Für der fremden Leute viel,
Von verschiednem Tun und Trachten;
Nicht alle konnte man achten.
Wer nur zu betriegen sann,
Kei sah ihn mit dem Rücken an;
Doch welcher Kurtoisie beging, (297, 1)
Nur werte Kompagnie empfing,
Einen solchen konnt er ehren,
Ihm jeden Wunsch gewähren.

   Eingestanden sei es zwar, (297, 5)
Dass Herr Kei ein Merker war.
Er meint' es gut mit seinem Herrn,
Schirmt' ihn durch seine Rauheit gern;
Den Lecker und den falschen Wicht
Litt er bei Ehrenmännern nicht: (297, 10)
Ein Hagelschauer war er ihnen
Und stach sie schärfer als die Bienen.
Seht, die beschrieen Keiens Preis;
Weil er getreu war und weis,
Fiel ihn ihr Hass verläumdend an. (297, 15)
Von Thüringen Fürst Hermann,
Wie ich dein Ingesind befinde,
Ein Teil hieß besser Ausgesinde.
Dir wär auch eines Keien Not,
Da wahre Milde dir gebot (297, 20)
Deinen Hof so bunt zu mischen,
Dass zu den Werten, Höfischen
Auch viel Verächtliche dringen.
Darum muss Herr Walther singen
"Gut und Böse, guten Tag." (297, 25)
Wo man also singen mag,
Da sind die Falschen geehrt,
Noch Herr Heinrich von Rispach.
Nun höret zu, ich hole nach

   Was sich am Plimizöl begab. (298, 1)
Da holten sie Herrn Keien ab:
Er ward in Artus Zelt getragen.
Seine Freunde kamen ihn zu klagen,
Frauen viel und mancher Mann. (298, 5)
So kam auch mein Herr Gawan
Zu dem Zelt, wo Keie lag.
Er sprach: "O weh, unselger Tag!
Dass jemals diese Tjost geschah,
Denn einen Freund verlor ich da." (298, 10)
Er klagt' ihn herzlich und gut.
Keie sprach im Unmut:
"Herr, wollt ihr mir Beileid sagen?
So sollten alte Weiber klagen.
Ihr seid der Neffe meines Herrn: (298, 15)
Ich wollt euch ferner dienen gern;
Nie schlug ich einen Dienst euch ab,
Da mir Gott gesunde Glieder gab.
Da ließ ich mich nichtlange bitten,
Ich habe viel für euch gestritten, (298, 20)
Und tät es künftig, sollt es sein.
Nun klagt nicht mehr, lasst mir die Pein.
Euer Ohm, der König hehr,
Trifft nimmer solchen Keien mehr.
Mich zu rächen seid ihr zu hoch geboren; (298, 25)
Hättet Ihr 'nen Finger nur verloren,
Mein Haupt hätt ich dafür gewagt.
Seht, ob ihr glaubt was ich gesagt.

   "Kehrt euch nicht an mein Hetzen.
Er weiß unsanft zu letzen,
Der noch unflüchtig draußen hält; (299, 1)
Nicht trabt noch galoppiert der Held.
Auch ist wohl hier kein Frauenhaar
So mürbe weder noch so klar,
Es wäre doch ein festes Band (299, 5)
Am Streit zu hindern eure Hand.
Ein Mann, der solche Demut übt,
Zeigt, dass er seine Mutter liebt;
Zum Kampf hielt ihn der Vater an.
Folgt der Mutter, Herr Gawan: (299, 10)
Vor scharfen Schwertern werdet bleich,
Mannlich zu streiten hütet euch."

   So fiel den hoch belobten Mann
An der unbewehrten Seite an
Sein Wort; der konnt es nicht vergelten; (299, 15)
Der Wohlgezogne kann das selten,
Denn ihm verschließt die Scham den Mund,
Die nie dem Schamlosen kund.

   Gawan zu Keien sprach:
"Wo man schlug oder stach, (299, 20)
Ward ich je dabei gesehn,
Wer meine Farbe wollt erspähn,
Der sah wohl nie, dass ich erblich,
Nicht vor Schlag noch vor Stich.
Du zürnest mit mir ohne Not: (299, 25)
Ich bins, der stets dir Freundschaft bot."
So schritt Herr Gawan aus dem Zelt:
Bringen hieß sein Ross der Held:
Sonder Schwert, ohne Sporen
Bestiegs der Degen wohlgeboren.

   Er kam wo er den Waleis fand, (300, 1)
Des Sinn noch war der Minne Pfand.
Drei Tjoste durch den Schild er trug,
Die zweier Helden Hand ihm schlug;
Auch hatt ihn Orilus verletzt. (300, 5)
So ritt heran Herr Gawan jetzt,
Sonder Galoppieren;
Auch wollt er nicht tjostieren:
Er wollte gütlich nur ersehn
Mit wem denn Kampf hier wäg geschehn. (300, 10)

   Den Fremdling grüßte Gawan zwar,
Doch nahm sein Parzival nicht wahr.
Wie konnt es anders auch sein?
Frau Minne nahm ihn völlig ein,
Den Frau Herzeleid gebar: (300, 15)
Wie es angestammt ihm war
Musst er vom Sinne scheiden
Kraft angeerbter Leiden
Von des Vaters und der Mutter Art:
Der Waleis wenig inne ward (300, 20)
Was des Heern Gawanens Mund
Ihm da mit Worten machte kund.

   König Lotens Sohn begann:
"Herr, ihr tut zu viel daran,
Dass ihr mir den Gruß versagt. (300, 25)
Ich bin doch nicht so ganz verzagt,
Dass ichs wohl anders fügen kann.
Ihr habt den Freund mir und den Mann
Und den König selbst entehrt,
Mit manchem Schimpf uns beschwert;
Doch erwerb ich euch die Huld, (301, 1)
Dass euch der König schenkt die Schuld,
Wollt ihr nach meinem Rate leben
Und mir Gesellschaft zu ihm geben."

   Den Gahmuret erzeugte, (301, 5)
Nicht Flehn noch Drohn ihn beugte.
Der höchste Preis der Tafelrunde
Hatt auch von Liebesmöten Kunde:
Unsanft hatt er sie erkannt,
Da er sich das Messer durch die Hand (301, 10)
Stach: Das schuf der Minne Kraft
Und weibliche Genossenschaft.
Auch war er von des Todes Banden
Durch eine Königin erstanden,
Da Lähelein der kühne Held (301, 15)
In stolzer Tjost ihn einst gefällt.
Zu Pfande setzte da für ihn
Ihr Haupt die süße Königin;
Die getreue Schöne hieß
Reine Ingüs de Bachtarließ. (301, 20)
Da dachte mein Herr Gawan:
"Vielleicht, dass Minnie diesen Mann
Bezwingt, wie sie mich einst zwang,
Dass sie fest sich um ihn schlang,
Sinn und Gedanken ihm bestrickte." (301, 25)
Er merkte, wohin der Walais blickte,
Wohin er stets das Auge trug.
Ein Sureiner Seidentuch
Gefüttert mit gelbem Zindale,
Das schwang er auf die blutgen Male.

   Der Schleier barg das schnee'ge Blut; (302, 1)
Nicht sah es mehr der Degen gut.
Da gab zurück ihm Witz und Sinn
Von Pelrapär die Königin;
Jedoch sein Herz beheilt sie dort. (302, 5)
Wollt ihr vernehmen nun sein Wort?

   Er sprach: "O weh, Herrin und Weib,
Wer benahm mir deinen schönen Leib?
Erwarb im Kampfe meine Hand
Deine werte Minne, Kron und Land? (302, 10)
Bin ichs, der dich von Klamide
Erlöste? Ich fand Ach und Weh
Und seufzend heiße Herzensbrunst
Je deiner Hilfe. Augendunst
Hat dich bei lichter Sonne hie (302, 15)
Mir entführt, ich weiß nicht wie."

   Er sprach: "O weh, wo blieb mein Speer,
Den ich mitgebracht hieher?"
Da sprach mein Herr Gawan:
"Ihr habt ihn in der Tjost vertan." (302, 20)
"Mit wem?", sprach der Degen wert,
"Habt Ihr doch weder Schild noch Schwert.
Wie sollt ich Preis an euch erjagen?
Doch muss ich euern Spott ertragen:
Ihr lernt vielleicht mich besser kennen: (302, 25)
Ich war auch wohl bei Lanzenrennen.
Find ich an Euch auch keinen Streit,
Doch sind die Lande wohl so weit,
Ich mag den drang im Kampfe kühlen,
Noch Beides, Angst und Freude fühlen."

   Da sprach zu ihm mein Her Gawan: (303, 1)
"Die Rede, die ich hier getan,
War lauter und minniglich,
Mit keiner Tück trübt sie sich.
Ich verdiene noch was ich begehre. (303, 5)
Ein König liegt hier mit dem Heere,
Viel schönen Fraun und edeln Herrn.
Gesellschaft leist ich euch gern
Geliebts euch, hinzureiten,
Und bewahr euch auch vor Streiten." (303, 10)
"Dank euch, Herr; ihr redet fein;
Ich will dafür erkenntlich sein.
Ihr bietet Kompanie mir;
Wer ist eur Herr und wer seid ihr?"

   "Ich heiße Herren einen Mann, (303, 15)
Von dem ich große Lehn gewann,
Die mein Mund euch nicht verschweigt.
Er war mir immer so geneigt,
Dass er mirs ritterlich erbot.
Seine Schwester hat der König Lot, (303, 20)
Die mich zur Welt hat gebracht.
Was mir von Gott war zugedacht,
Das dienet alles seiner Hand:
König Artus ist er genannt.
Meinen Namen trag ich unverstohlen, (303, 25)
Er bleibt auch keinem Land verhohlen;
Leute, die mich kennen,
Pflegen Gawan mich zu nennen.
Ich und mein Name dient' euch gern,
Bleibt üble Deutung nur fern.

   "Bist du es," sprach er da, "Gawan? (304, 1)
Wie wenig ich mich rühmen kann,
Dass du so wohl hier tust an mir!
Sagen hört' ich stets von dir,
Du hast nach allen wohlgetan. (304, 5)
Doch will ich deinen Dienst empfahn,
Vielleicht, dass ichs vergelte.
Sag an, wes sind die Zelte?
Dort ist so manches aufgeschlagen.
Liegt Artus hier, so muss ich klagen, (304, 10)
Dass ich nicht mit Ehren ihn
Darf sehen, noch die Königin,
Ich räche denn zuvor die Schläge,
Die ich im Herzen trauernd hege
Seit ich schied; aus diesem Grund: (304, 15)
Mir lachte eines Mägdleins Mund;
Die schlug darum der Seneschalt,
Dass von ihr niederstob ein Wald."

   "Unsanft ist das gerochen,"
Sprach Gawan, "ihm ist zerbrochen (304, 20)
Der rechte Arme, das linke Bein.
Reit her, sieh Ross und auch den Stein.
Hier noch Splitter auf dem Schnee
Des Speers, nach dem du fragtest eh."
Da Parzival die Wahrheit sah, (304, 25)
Weiter frug und sprach er da:
"Ich verlasse mich auf dich, Gawan,
Ob dies war derselbe Mann,
Der solche Schmach beging an mir:
So reit ich wo du willst mit dir." -
"Ich will nicht lügen deinetwegen. (305, 1)
In einer Tjost ist auch erlegen
Segramors, ein kühner Held;
Seiner Tat war immer Preis gesellt.
Das geschah, eh Keie ward bezwungen: (305, 5)
An beiden hast du Preis errungen."

   Zusammen ritten sie hindann,
Der Waleis und Gawan.
Viel Volk zu Ross und auch zu Fuß
Bot ihnen ehrenvollen Gruß, (305, 10)
Gawanen und dem Ritter rot,
Wie es ihre Zucht gebot.
Er führt' ihn in sein Zelt zuhand.
Frau Kunneware de Lalant,
Ihr Zelt schier an das seine ging: (305, 15)
Die ward froh, mit Freud empfing
Die Magd den Ritter, der gerochen
Was einst Kei an ihr verbrochen.
Ihren Bruder nahm sie an die Hand
Und Frau Jeschuten von Karnant. (305, 20)
So sah sie kommen Parzival;
Dem wars durch manches Eisenmal
Wie tauge Rosen angeflogen.
Den Harnisch hatt er abgezogen.
Er sprang auf, als er die Frauen sah: (305, 25)
Zu ihm sprach Kunneware da:

   "Gott zuerst, darnach auch mir
Sollt ihr willkommen sein, da ihr
Euch so mannlich habt bewährt.
Mir war zu lachen gar verwehrt,
Eh Euch mein Blick, mein Herz erkannt: (306, 1)
Alle Freuden hat mir da gebannt
Kei, der mich deswegen schlug;
Gerochen habt ihr das genug.
Ich küsst' euch, wär ich Küssens wert." (306, 5)
"Das hätt ich selber jetzt begehrt;"
Sprach Parzival, "wenn ihrs erlaubt,
Eures Grußes bin ich froh, das glaubt."

   Sie küsst' und ließ ihn nicht mehr stehn.
Ihrer Jungfraun eine hieß sie gehn, (306, 10)
Dass sie ihr reiche Kleider brächte,
Die jüngst sie selber schnitt zurechte
Aus Pfellel von Ninive,
Dass sie König Klamide,
Ihr Gefangner, künftig trage. (306, 15)
Die Jungfrau brachte sie, mit Klage,
Dem Mantel fehle noch die Schnur.
An ihre blanke Seite fuhr
Kunnewar: Ein Schnürlein
Fand sie dort, das zog sie drein. (306, 20)
Er bat um Urlaub, dass er sich
Den Rost abspüle: Sicherlich
Seine Haut war licht und rot sein Mund.
Als er angekleidet stund,
Da war er lauter und klar; (306, 25)
Wer ihn sah, der sprach fürwahr,
Recht eine Blume sei der Mann.
Seine Farbe hohes Lob gewann.

   Herrlich stand ihm seine Tracht;
Einen grünen Smaragd
Schob sie ihm vor sein Halsgewand; (307, 1)
Auch gab ihm Kunnewarens Hand
Eines teuern Gürtels Zier.
Auf der Borte sah man manches Tier
IN edeln Steinen erglühn; (307, 5)
Die Schnalle war ein Rubin.
Wie stands dem Jüngling sonder Bart,
Als er damit gegürtet ward?
Die Märe meldet, schmuck genug.
Das Volk ihm holden Willen trug. (307, 10)
Wer ihn sah, Weib oder Mann,
Ihn wert zu halten begann.

   Da die Messe ward getan,
König Artus kam heran
Mit der ganzen Tafelrunde, (307, 15)
Die niemand riet mit falschem Munde.
Sie hatten alle wohl vernommen,
Der rote Ritter wär gekommen
Zu Gawanens Pavillon.
Dahin ging Artus der Breton. (307, 20)

   Der zerbläute Antanor
Sprang dem König immer vor,
Dass er den Waleis sehen möchte.
Er frug: "Seid ihr es, der mich rächte,
Und Kunnewaren de Laland? (307, 25)
Viel Preis erwarb eure Hand.
Keien wird es nun gereun,
Es ist getan mit seinem Dräun;
Ich fürchte wenig seinen Schlag:
Der rechte Arm ist ihm zu schwach."

   Da sah der junge König reich (308, 1)
Ohne Flügel Engeln gleich,
Wie er blühend auf der Erde ging.
Mit seinem Ingesind empfing
Ihn Artus minniglich und wohl. (308, 5)
Gutes Willens waren voll
Alle die ihn hier ersahn.
Sein Urteil würden sie bejahn,
Zu seinem Lob sprach niemand nein;
Er hatte minniglichen Schein. (308, 10)

   Artus hub zum Waleis an;
"Ihr habt mir Lieb und Leid getan.
Doch habt ihr mir der Ehre mehr
Gesendet und gebracht hieher,
Als ich je von einem Mann empfing; (308, 15)
Ich dient euch noch mit keinem Ding.
Und hättet ihr nicht mehr getan
Als dass die Herzogin gewann,
Jeschute, ihres Mannes Huld.
Gerne hätt ich auch die Schuld (308, 20)
Keis wider euch gerochen,
Hätt ich früher euch gesprochen."
Da sagt' ihm Artus ihre Bitten,
Um die sei alle sei'n geritten
So fern her über Berg und Tal. (308, 25)
Da baten sie ihn allzumal
Bis er mit Hand und Munde
Verhieß der Tafelrunde
Ritterliche Geselligkeit.
Der Herrn Gesuch war ihm nicht leid,
Er mocht es wohl zufrieden sein: (309, 1)
Drum gab er seinen Willen drein.

   Höret, urteilt nun und sprecht,
Ob die Tafelrund ihr Recht
Bewahrte heut. Seit manchem Tag (309, 5)
Hing Artus dieser Sitte nach:
Kein Ritter durfte mit ihm essen,
Wenn Aventüre noch vergessen
War, an seinen Hof zu kommen.
Aventür genug ward heut vernommen, (309, 10)
Man darf zur Tafelrunde gehn.
Blieb sie gleich zu Nantes stehn,
Man sprach ihr Recht auf blumgem Feld;
Nicht störte Staude noch Gezelt.
So hatt es Artus geboten, (309, 15)
Der den Ritter ehren wollt, den roten,
Seiner Würdigkeit zu Lohn.
Ein Pfellel aus Akraton,
Fern aus der Heidenschaft gebracht,
Ward zum Tischtuch gemacht; (309, 20)
Nicht breit, doch kreisrund wars geschnitten
Nach der Tafelrunde Sitten.
Denn so höfisch waren sie,
Vom Ehrensitze sprach man nie,
Die Sitze waren alle gleich. (309, 25)
Auch gebot Artus der König reich,
Dass man Ritter und Frauen
An dem Kreise dürfe schauen.
Alles was da Preis besaß,
Magd, Weib und Mann zu Hofe aß.

   Da kam die Köngin Ginover (310, 1)
Mit schöner Frauen viel daher,
Manch edle Fürstin in den Reihn;
Sie hatten minniglichen Schein.
Auch war der Tafel Kreis so weit, (310, 5)
Dass ungedrängt und sonder Streit
Manche Frau bei ihrem Freunde saß.
Artus, zu aller Falschheit lass,
Führte den Waleis an der Hand.
Kunneware de Laland (310, 10)
Ging ihm zur andern Seite,
Die er von Harm befreite.
Artus sah den Waleis an;
Hört, wie der König da begann:

   "Ich will euern klaren Leib (310, 15)
Küssen lassen mein Weib.
Ihr würdet niemand zwar drum bitten,
Ihr kommt von Pelrapär geritten:
Da ist des Küssens schönstes Ziel.
Nur um eins ich bitten will: (310, 20)
Dass ihr vergeltet diesen Kuss
In euerm Hause," sprach Artus.
"Ich tu wie ihr mich bittet, dorten,"
Sprach der Waleis, "und aller Orten.
Ein wenig trat sie ihm entgegen (310, 25)
Und empfing mit einem Kuss den Degen.
"So sei verziehen," sprach sie da,
"Das Leid, das mir von euch geschah:
Viel Kummer habt ihr mir gegeben,
Da ihr Itheren nahmt das Leben."

   Diese Sühne schöpfte Tränentau (311, 1)
Ins Aug der königlichen Frau,
Denn Ithers Tod tat Frauen weh.
Man setzte König Klamide
Ans Ufer zu dem Plimizöl. (311, 5)
Bei ihm saß Iofreit fils Idöl.
Zwischen Klamide und Gawan
Der Waleis seinen Platz gewann.
Diese Aventüre weiß,
Dass an der ganzen Tafel Kreis (311, 10)
Niemand Mutterbrüste sog,
Dessen Tugend minder trog:
Kraft und Tugend trug fürwahr
Der Waleis und ein Antlitz klar.
Wer Männer kennt, der muss gestehn, (311, 15)
Manche Frau hat sich besehn
In trüberm Spiegel, denn sein Mund.
Von seiner Farbe sei euch kund
Am Kinn und an den Wangen,
Sie wär zu einer Zangen (311, 20)
Wohl gut; sie wüsste festzuhalten
Und ließe Unbestand nicht walten.
Ich meine Fraun, die wanken,
Von dem zu jenem schwanken:
Die Frauen fesselte sein Glanz. (311, 25)
Ihr Unbestand verschwand da ganz,
Ihr Blick getreulich an ihm hing,
Durch die Augen in ihr Herz er ging.

   Ihm waren Mann und Weib ergeben:
So lebt' er würdigliches Leben
Bis an das klagenswerte Ziel. (312, 1)
Hier kam von der ich sprechen will,
Eine Maid, um Treue hoch zu loben,
Scheint ihre Zucht uns gleich zu toben.
Ihre Botschaft Herzen viel durchschnitt. (312, 5)
Nun höret wie die Jungfrau ritt:
Ein Maultier wie ein Kastilian,
Fahl, doch scheckig um und an,
mit geschlitzter Nase, verbrannt
Wie ein Pferd aus Ungerland. (312, 10)
Ihr Zaum und all ihr Reitgerät
War schön gestickt und wohl genäht,
Dazu kostbar und reich.
Das Maul ging eben und gleich.
Nicht fräulich war ihr Erscheinen. (312, 15)
Weh, was mag ihr Kommen meinen?
Sie kam jedoch, das musste sein:
Sie bracht Artusens Heere Pein.

   Die Jungfrau war der Künste voll,
Alle Sprachen sprach sie wohl, (312, 20)
Französisch, Heidnisch und Latein.
Sie hatt erlernt obendrein
Dialektik und Geometrie;
Auch von Astronomie
War ihr manche Kunst bekannt; (312, 25)
Kondrie wurde sie genannt.
Sorziere war der Zunamen
Der am Munde nicht Lahmen,
Denn er sprach ihr genug,
Die viel hoher Freuden niederschlug.

   Diese Magd an Künsten reich (313, 1)
Sah doch denen wenig gleich,
Die man beau gens nennt.
Ein Brautlachen von Gent,
Lazurfarben und noch blauer, (313, 5)
Trug der Freuden Hagelschauer.
Es war ein Mantel wohl geschnitten
Nach französischen Sitten:
Darunter sah man Pfellel gut.
Von Lunders einen Pfauenhut (313, 10)
Unternäht mit Plialt
(Der Hut war neu, die Schnur nicht alt),
Der hing ihr an dem Rücken.
Ihre Botschaft glich einer Brücken,
Die Jammer über Freude trug: (313, 15)
Behanges raubte sie genug.

   Über den Hut ihr Zopf sich schwang
Bis auf das Maultier: Er war lang,
Schwarz und fest, nicht allzu klar,
Lind wie der Schweine Rückenhaar. (313, 20)
Genaset war sie wie ein Hund;
So ragten auch ihr aus dem Mund
Zwei Eberzähne spannenlang.
Jedwede Augenbraue schwang
Sich in langen Zöpfen nieder. (313, 25)
Wahr sprech ich, ob der Zucht zuwider,
Dass ich so muss von Frauen sagen;
Keine andre darf es von mir klagen.

   Kondrie hatt Ohren wie die Bären;
Zu scheuchen zärtliches Begehren
War ihr Antlitz rau genug. (314, 1)
Eine Geisel in der Hand sie trug;
Die hatte seidner Schwenkel viel;
Ein Rubin war der Stiel.
Von Farbe wie des Affen Haut (314, 5)
Trug Hände diese schöne Braut;
Die Nägel waren nicht zu licht,
Denn die Aventüre spricht,
Sie sahn wie Löwenklauen aus.
Um Sie gabs selten Kampf und Strauß. (314, 10)

   So ritt sie zu des Kreises Rund,
Des Leids Beginn, der Freuden Schlund.
Sie hatte bald den Wirt erkannt.
Kunneware de Lalant
Aß mit König Artus; (314, 15)
Die Königin von Janfus
Mit Frau Ginoveren aß.
Artus der König herrlich saß.
Kondrie ritt vor den Britten hin;
Ansprach sie auf französisch ihn; (314, 20)
Wenn ichs im Deutschen sagen soll,
Ihre Botschaft tut mir auch nicht wohl:

   "Fils dü Roi Utpandragon,
Dir selbst und manchem Breton
Hast du geworben Schande. (314, 25)
Die Besten aller Lande
Säßen hier, ein würdger Kreis,
Fiele nicht dies Gift in euern Preis.
Hin ist die Tafelrunde:
Ein Falscher ist im Bunde.
König Artus, hoch erhob (315, 1)
Über deine Genossen sich dein Lob;
Dein steigender Preis, er sinkt,
Deine schnelle Würde hinkt,
Dein hohes Lob wird tief geneigt, (315, 5)
Da Falsch an deinem Preis sich zeigt.
Der Preis der Tafelrunde
Muss erlahmen seit der Stunde,
Dass ihr aufnahmt Parzivalen,
An dem die Ritterzeichen prahlen. (315, 10)
Ihr nennt ihn nach dem Ritter rot,
Der von Nantes fand den Tod;
Doch ungleich sind die zwei gewesen:
Von keinem Held ward je gelesen,
Der so höchlich war zu preisen." (315, 15)
Von dem König ritt sie zum Waleisen.

   Sie sprach zu ihm: "Ihr sollt mir büßen,
Dass ich versagen muss mein Grüßen
Artusen und den Rittern sein.
Verflucht sei euer lichter Schein (315, 20)
Und eures Wuchses Männlichkeit.
Hätt ich Heil und Seligkeit,
So blieben sie euch teuer.
Ich dünk euch ungeheuer
Und bin geheurer doch als ihr. (315, 25)
Herr Parzival, nun saget mir,
Wie sich das begeben hat:
Da ihr den traurgen Fischer saht
Freudlos sitzen, ungetröstet,
Dass ihr des Leids ihn nicht erlöstet?

   "Er zeigt' euch seines Jammers Last: (316, 1)
O ihr ungetreuer Gast!
Seine Not sollt euch erbarmen.
Möcht euch der Mund verarmen,
Der Zunge, mein' ich, drinne, (316, 5)
Wie eur Herz ist rechter Sinne!
Der Hölle hat euch vorbestimmt
Der im Himmel gibt und nimmt:
So soll euch auch auf Erden
Der Guten Abscheu werden. (316, 10)
Ihr Glücksverwiesner, Heilverbannter,
Vom Preis verlassner, ungekannter,
Ihr seid an Ehre lahm und schwank
Und an der Würdigkeit so krank,
Euch kann kein Arzt mehr Heil gewähren. (316, 15)
Ich will auf euerm Haupte schwören,
Stabt mir jemand solchen Eid,
Nie sah man größern Trug bis heut
An einem also schönen Mann.
Ihr tücksche Angel, Natternzahn! (316, 20)
Gab euch nicht der Wirt das Schwert,
Des ihr niemals wurdet wert?
Doch statt zu fragen, schwiegt ihr still:
Ihr seid des Höllenhirten Spiel.
Ehrloser Mann, Herr Parzival! (316, 25)
Trug man euch nicht vor den Gral,
Schneidendes Silber, blutgen Speer!
Ihr Freudenziel, des Leids Gewähr!

   "Hättet ihr zu Monsalväsch gefragt,
Eine Stadt im Heidenlande ragt,
Tabronit, die jeden Wunsch erfüllt: (317, 1)
Da hätt euch Fragen mehr enthüllt.
Feirefiß Anschewein
Hat des Landes Köngin rein
In scharfem Ritterkampf erworben. (317, 5)
An dem ist nicht die Kraft verdorben,
Die euer beider Vater trug.
Eur Bruder ist wunderbar genug:
Wohl ist schwarz zumal und blank
Der Köngin Sohn von Zaßamank. (317, 10)

   "Nun gedenk ich auch an Gahmureten,
Des Herz nie Falschheit hat betreten.
Von Anschau euer Vater hieß,
Der euch ein ander Vorbild ließ;
Denn wie ihr habt geworben: (317, 15)
Ihr seid am Preis verdorben.
Hätt eure Mutter je gesündigt,
So hätte mir eur Tun verkündigt,
Ihr könntet nicht sein Sohn sein.
Doch nein, sie lehrte Treue Pein. (317, 20)
Glaubt von ihr das Allerbeste
Und dass eur Vater ehrenfeste
War, zu aller Treue weise,
Und weitfängig hohem Preise.
Die Welt erfüllt' er rings mit Schalle; (317, 25)
Großes Herz und kleine Galle,
Darob war seine Brust ein Dach.
Er war Reus und Netz und fängig Fach:
Seine Kraft, sein hoher Mut
Stellten nach dem Preise gut.
Nun ist eur Preis zu Fall gekommen. (318, 1)
O weh mir, hätt ichs nie vernommen,
Dass der Sohn von Herzeleiden
Sich vom Preise mochte scheiden!"

   Kondrie war selbst des Kummers Pfand, (318, 5)
Dass sie die Hände weinend wand
Und eine Zähre die andre schlug:
Groß Leid sie in den Augen trug.
Treue lehrte so die Maid
Klagen ihres Herzens Leid. (318, 10)
Sie kehrte wieder zu dem Wirt,
Wo sie noch andres melden wird.

   Sie sprach: "Ist hier kein Ritter wert,
Des kühner Mut nach Preis begehrt
Und nach hoher Minne Zier? (318, 15)
Ich weiß der Königinnen vier
Und vierhundert Jungfrauen,
Die man gerne möchte schauen.
ZU Chatel Merveil ists wo sie sind.
All Aventür ist nur ein Wind (318, 20)
Gegen die; wer die Gefahr nicht scheute,
Der fände hoher Minne Beute.
Schafft mir die weite Reise Pein,
Ich will doch heunte dort noch sein."
Traurig war die Magd, nicht froh; (318, 25)
Ohn Urlaub schied sie daunen so.
Die oft noch weinend um sich schaut,
"Weh!", ruft sie endlich überlaut,
"Weh Monsalväsch, du Jammers Ziel,
Weh, dass dich niemand trösten will!"

   Kondrie la Sorziere, (319, 1)
Die unsüße, gleichwohl fiere,
Den Waleis schwer bekümmert hat.
Was half ihm kühnes Herzens Rat,
Und wahre Zucht und Mannheit? (319, 5)
Der Beschämung bleib er nicht befreit,
All seines Tuns gereut' ihn doch.
Wahre Bosheit mied ihn noch,
Denn Scham gibt Preis zu Lohne
Und wird einst der Seele Krone; (319, 10)
Scham will alle Zucht bewahren.
Weinen sah man Kunnewaren,
Dass Parzival, den Degen wert,
Kondrie beschimpft hatt und entehrt,
Ein Geschöpf so wunderlich. (319, 15)
Vor Herzeleid ergossen sich
Der Augen viel der werten Frauen,
Die man weinend musste schauen.

   Kondrie hats ihnen angetan.
Die ritt hinweg: Da ritt heran (319, 20)
Ein Ritter, der trug hohen Mut.
All seine Rüstung war so gut
Vom Fuß empor bis an das Haupt,
Dass man sie teur und kostbar glaubt.
Reich ist der Helmschmuck, den er führt, (319, 25)
Ritterlicher Harnisch ziert
Das Ross wie auch des Helden Leib.
Er fand sie alle, Mann und Weib,
Bekümmert in dem Kreise hie;
Dem ritt er zu; vernehmet wie:
Sein Mut stand hoch, doch Jammers voll. (320, 1)
Wie kann das sein? Ich weiß es wohl:
Mannheit gab ihm hohen Sinn;
Den Jammer lehrte Herzleid ihn.

   Er kam dem Kreise zugesprengt. (320, 5)
Ward da der Degen wohl gedrängt?
Viel Knappen sprangen näher gleich:
Da empfingen sie den Degen reich.
Sein Schild wie er war unbekannt;
Den Helm er nicht vom Haupte band. (320, 10)
Dem alle Freude war verwehrt,
Er trug in seiner Hand das Schwert,
Doch bedeckt von der Scheiden.
Da fragt' er nach den beiden:
"Wo ist Artus und Gawan?" (320, 15)
Die zeigten ihm die Junger an.

   Da ging er durch die weite Schar.
Sein Wappenrock war reich und klar,
Mit lichtem Pfellel wohl geschmückt.
Als er den Wirt hatt erblickt (320, 20)
Stand er still und sprach also:
"Gott mache König Artus froh!
Dazu den Herrn und Frauen,
Die meine Augen schauen,
Biet ich dienstbereiten Gruß, (320, 25)
Den ich einem nur versagen muss:
Dem will ich nicht zu Diensten stehn,
Sein Hass mag wider mich ergehn:
Was er mit Hassen leisten kann,
Mein Hass ist seinem Hasse Mann.

   "Wer der sei, will ich euch sagen. (321, 1)
Wohl bin ich Armer zu beklagen,
Dass er so verwundet hat mein Herz:
Durch ihn ist allzu groß sein Schmerz.
Das ist hier der Herr Gawan, (321, 5)
Der sonst wohl hohen Preis gewann.
Er hatte Würdigkeit errungen;
Doch Unpreis hat ihn jetzt bezwungen,
Da seine Gier so weit ihn trug,
Dass er meinen Herrn im Gruß erschlug: (321, 10)
Judas küssender Verrat
Verführt' ihn zu der Missetat.
Es geht viel tausend Herzen nah.
Meuchelmörderisch war da
An meinem lieben Herrn getan. (321, 15)
Leugnet das Herr Gawan,
Mit Kampf er sich befreien mag
Von heut am vierzigsten Tag
Vor dem König von Askalon
In der Hauptstadt Schamfanzon. (321, 20)
Kampflich fordr ich ihn heraus
Mit mir zu fechten Kampf und Strauß.

   "Dass er sichs nicht entschlage,
Und des Schildes amt dort trage,
Will ich ihn ferner mahnen (321, 25)
Beim Helm und bei den Fahnen,
Und allem Brauch der Ritterschaft.
Die hat zwei Schätze großer Kraft:
Rechte Scham und stete Treu;
Der beiden Preis ist alt und neu.
Von Scham soll sich nicht scheiden (322, 1)
Gawan, will er bekleiden
Noch die edle Tafelrunde,
Die hier steht zu dieser Stunde,
Denn um ihr Recht wärs getan (322, 5)
Säß ein Treulose dran.
Ich bin zu schelten nicht gekommen:
Glaubt mir, denn ihr habts vernommen,
Ich fordre Kampf für Schelten.
Da soll der Tod nur gelten (322, 10)
Oder Leben mit Ehren,
Wem das Glück es will gewähren."

   Der König schwieg und war unfroh;
Doch entgegnet' er der Rede so:
"Herr, Gawan ist mein Schwestersohn: (322, 15)
Wär er tot, ich ginge schon
Selbst in den Kampf, eh sein Gebein
Beschimpft und ehrlos sollte sein.
Wills Gott, so macht euch Gawans Hand
Wohl im Kampfe dort bekannt, (322, 20)
Dass er Treue hält und ehrt
Und sich aller Bosheit hat erwehrt.
Hat euch anders jemand Leid
Getan, so wärs nicht an der Zeit,
Dass ihr ihn schmähtet sonder Schuld. (322, 25)
Denn erwirbt er eure Huld
Und beweist, dass er unschuldig ist,
So habt ihr hier in kurzer Frist
Von ihm gesagt, was euerm Preise
Schadet, sind die Leute weise."

   Beaukorps, der stolze Mann (323, 1)
(Dessen Bruder war Gawan),
Der sprang empor und sprach zuhand:
"Herr, ich stelle mich zum Pfand,
Wohin ihr immer Gawan fordert. (323, 5)
Sein Schmähn hat mich mit Zorn durchlodert.
Lasst ihr ihn der Schmach nicht frei,
Haltet euch an mich, sein Pfand ich sei,
Ich will für ihn den Kampf bestehn.
Es kann mit Worten nicht geschehn, (323, 10)
Dass man höhern Preis erniedre
Als den Gawan trägt, der Biedre."

   Er ging zu seinem Bruder hin,
Füßfällig bat er ihn;
Hört wie er zu dem Bruder sprach: (323, 15)
"Gedenke, dass du manchen Tag
Mir halfst zu großer Würdigkeit.
Lass mich für dich in diesem Streit
Ein kampfliches Geisel sein.
Soll ich dann im Kampf gedeihn, (323, 20)
Stets wird dirs Ehre bringen."
Er wollt ihn flehend zwingen
Bei Bruderlieb und Ritterpreis.
Gawan sprach: "Ich bin so weis,
Dass ich dir, Bruder, nicht gewähren (323, 25)
Kann dein brüderlich Begehren.
Was mir der Streit soll, weiß ich nicht,
Auch bin ich nicht auf Streit erpicht:
Ungerne wollt ich dir versagen:
Doch müsst ichs ewig Schande tragen."

   Beaukorps fuhr zu bitten fort; (324, 1)
Da sprach der Gast an seinem Ort:
"Hier bietet Kampf mir ein Mann,
Des ich Kunde nie gewann.
Was hätt ich wider ihn zu klagen? (324, 5)
Stark, kühn, sonder Zagen;
Reich, getreu und minniglich,
Ist er das alles völliglich,
So taugt er wohl zum Bürgen;
Doch ich will ihn nicht würgen. (324, 10)
Mein Herr und nächster Vetter ists,
Des Tod mich mahnet solchen Zwists.
Unsre Väter Brüder hießen,
Die nichts einander ließen.
Kein gekrönter König ist so hehr, (324, 15)
Dem ich nicht ebenbürtig wär,
Ihm kampflich Rede zu stehn,
Der Rache Pflicht zu begehn.
Ich bin ein Fürst aus Askalon,
Der Landgraf von Schamfanzon, (324, 20)
Und heiße Kingrimursel.
Tönt Herrn Gawans Lob so hell,
So kann er nimmer sich entschlagen
Gegen mich den Schild zu tragen.
Ich geb ihm Frieden durch mein Land, (324, 25)
Nur nicht von meiner eignen Hand.
Der Friede, den ich ihm verheiße,
Gilt allwärts außerm Kampfeskreise.
Gott nehm euch all in Schutz und Hut;
Nur einen Nicht: Ihr kennt ihn gut."

   So schied der wohl gelobte Mann (325, 1)
Von des Plimizöls Plan.
Da Kingrimursel ward genannt,
Da war er allen wohl bekannt:
Voll von seines Namens Preis (325, 5)
War das Land in weitem Kreis;
Sie sprachen alle, Herrn Gawan
Dürf im Kampf wohl Sorge nahn;
Kraft genug und Mannheit habe
Der Fürst, der dort von hinnen trabe. (325, 10)
Auch schuf es Manchem große Not,
Dass man ihm hier nicht Ehre bot;
Doch solche Botschaft ist gekommen,
Ihr habt es selber wohl vernommen,
Dass leicht ein Gast des Wirtes Gruß (325, 15)
Diesen Tag entbehren muss.

   Von Kondrien erst vernahm man recht
Parzivals Namen und Geschlecht,
Dass eine Köngin ihn gebar,
Und der Anschewein ihr Gatte war.
Da hub wohl mancher an: "Ich weiß (325, 20)
Dass er sie vor Kanvoleis
Ritterlich erworben hat
Mit mancher Tjost, die er tat,
Und seiner Mannheit unverzagt (325, 25)
Ihm erwarb die wonnigliche Magd.
Anflise, die geehrte,
Auch Gahmureten lehrte,
Kurtoisie und reine Sitte:
Nun freue sich ein jeder Brite,
Dass der Held uns ist gekommen, (326, 1)
Da so viel Preises ward vernommen
Von ihm, und Gahmureten auch;
Würdigkeit war stets sein Brauch."

   Artusens Heer war an dem Tage (326, 5)
Gekommen Freude so wie Klage:
Ein so gezweites Leben
War den Helden hier gegeben.
Sie standen auf überall:
Man sah sie trauern allzumal. (326, 10)
Die Besten gingen wo im Kreis
Sie Gawan und den Waleis
Beieinander fanden stehn:
Sie wollten sie zu trösten sehn.

   Klamide den Degen wohlgeboren, (326, 15)
Gedäucht', er hätte mehr verloren
Als einer, der da möchte sein;
Allzu scharf wär seine Pein.
Da hub er an zu Parzival:
"Wärt ihr auch König bei dem Gral, (326, 20)
Doch müsst ich sprechen sonder Spott:
Di Heidenstadt Tribalibot
Und des Kaukasas goldreicher Grund,
Was je von Reichtum las ein Mund,
Dazu des Grales Herrlichkeit, (326, 25)
Die ersetzten nicht das Herzeleid,
Das ich vor Pelrapär gewann,
Ich armer, unselger Mann!
Mich schied von Freuden eure Hand.
Hier ist Kunware de Laland:
Auch ist als ihrem Ritter euch (327, 1)
So ergeben die Fürstin reich,
Dass sie andern Dienst nicht will,
Mag sie auch lohnen Rittern viel.
Doch verdröß es billig ihren Sinn, (327, 5)
Dass ich ihr Gefangner bin
So lange Zeit gewesen.
Soll ich zum Glück genesen,
So helft, dass sie sich mein erbarme
Und mich heile von dem Harme, (327, 10)
Der mich eurethalben quält,
Seit ich der Freuden Ziel verfehlt.
Getroffen hätt ichs, säumtet ihr:
Nun helft mir zu dem Mägdlein hier."

   "Das tu ich," sprach der Waleis, (327, 15)
"Wenn sie bitten zu erhören weiß.
Ich tröst euch gern: Denn die ist mein,
Um die ihr wollt unselig sein,
Sie, die trägt den beau krops,
Kondwiramor." (327, 20)
Von Janfus die Heidin,
Artus und die Königin,
Kunneware de Laland
Und Frau Jeschute von Karnant,
Die traten tröstend hinzu. (327, 25)
Was wollt ihr, dass man weiter tu?
Kunwaren gab man Klamide:
Dem war nach ihrer Minne weh.
Er gab sich ihr zu Lohne
Und ihrem Haupt die Krone.

   Als das die von Janfuse sah, (328, 1)
Zu dem Waleis sprach die Heidin da:
"Kondrie nannt uns einen Mann,
Der als Bruder wohl euch freuen kann.
Seine Kraft reicht weit und breit, (328, 5)
Zweier Kronen Herrlichkeit
Dient mit Furcht seiner Hand
Auf dem Meer wie auf dem Land:
Assagog und Zaßamank,
Zwei mächtge Reiche weit und lang. (328, 10)
Seinem Reichtum vergleicht
Sich nur des Baruchs vielleicht,
Oder auch Tribalibot.
Man betet ihn an als einen Gott.
Seine Haut ist wunderlich: (328, 15)
Nicht weiß noch schwarz, wie ihr und ich,
Nein, er ist schwarz und weiß zugleich.
Ich kam gefahren durch sein Reich:
Wohl große Mühe wandt' er an;
Von der Fahrt, die ich hieher getan, (328, 20)
Mich abzuziehn; doch nicht vermocht er.
Seiner Mutter Muhmentochter
Bin ich: Er ist ein König hehr.
Vernehmt von ihm der Wunder mehr.
Nie heilt wer Sitz vor seinen Tjosten, (328, 25)
Er lässt sich seinen Preis auch kosten:
Kein mildrer Mann ward je geboren.
Die Falschheit hat das Spiel verloren
Bei Feirefiß Anschewein;
Oft litt er Fraun zu Ehren Pein.

   "Zwar hatt ich wenig Freunde hier, (329, 1)
Doch reist ich her aus Neubegier
Nach Aventür und Ritterwerke.
Nun seh ich, blüht die höchste Stärke
In euch, dass alle die Getauften (329, 5)
Durch euern Preis sich Lob erkauften,
Wenn euch edler Anstand zählt,
Und wie sich Schönheit vermählt
In euch mit mannlichem Brauch;
Der Kraft gesellt ihr Jugend auch." (329, 10)
Der reichen weisen Heidin
Gab Unterweisung den Gewinn,
Dass sie gut französisch sprach.
Der Waleis begann darnach.

   Also sprach er zu ihr: (329, 15)
"Gott lohn euch, Herrin, dass ihr hier
Mich so freundlich trösten wollt;
Mir zahlt doch Kummer nur den Sold:
Warum, lasst euch bescheiden.
Ich mag das Leid nicht leiden, (329, 20)
Das sich mir angekündigt:
Dass sich Maucher nun versündigt
An mir, der meinen Schmerz nicht rät,
Und mich mit seinem Spott belädt.
Mir kann kein Heil mehr geschehn (329, 25)
Bis ich den Gral hab ersehn,
Es wäre kurz oder lang.
Mich jagt dahin der innre Drang;
Auch wendet nichts mir den Entschluss,
So lang ich bin und leben muss.

   "Trug Bescheidenheit und Zucht (330, 1)
Mir den Spott der Welt als Frucht,
So traf es wohl sein Rat nicht ganz:
Mir riet der werte Gurnemans,
Dass ich unbescheidne Frage miede, (330, 5)
Und mich von allem Vorwitz schiede.
Viel werte Ritter seh ich hier:
Bei eurer Zucht, nun ratet mir,
Wie erwerb ich wieder eure Huld?
Man warf mir eine schwere Schuld (330, 10)
Hier mit strengen Worten vor.
Wessen Huld ich drum verlor,
Der ist mir ohne Grund nicht gram.
Wenn ich zu Preis einst wieder kam,
So seht, ob ihr darnach mich schätzt: (330, 15)
Von euch zu scheiden eil ich jetzt.
Ihr gelobtet mir Genossenschaft,
Dieweil ich blüht' in Preises Kraft:
Deren seid nun frei. Hin zu dem Orte,
Wo meine grüne Freude dorrte! (330, 20)
Mein Herz soll tiefen Jammers pflegen,
Den Augen geb es immer Regen,
seit ich auf Monsalväsch verließ,
O Gott, wie manche klare Magd! (330, 25)
Was je von Wundern ward gesagt,
Viel größere Wunder hat der Gral.
Der Wirt trägt seufzerreiche Qual.
Ach hilfeloser Anfortas
Was half dir, dass ich bei dir saß!"

   Was sollen sie hier länger stehn? (331, 1)
Es muss nun an ein Scheiden gehn.
Da sprach der Waleis
Zu Artus dem Bretaines,
Den Rittern und den Frauen, (331, 5)
Ihren Urlaub woll er schauen
Und Heil erwünschen allen.
Niemand wollt es gefallen,
Dass er so traurig ritt hindann.
Leid war sein Scheiden Weib und Mann. (331, 10)

   Artus gelobt' ihm in die Hand,
Käm je in solche Not sein Land
Wie es von Klamide gewonnen,
So woll er ihm zu Hilfe kommen.
Auch bedaur' er, dass ihm Lähelein (331, 15)
Nahm zweier reichen Kronen Schein.
Viel Dienste mancher noch ihm bot;
Den Helden trieb hindann die Not.

   Kunnewar die schöne Magd
Nahm den Degen unverzagt (331, 20)
Und führt' ihn an der Hand hindann.
Da küsst' ihn mein Herr Gawan.
Auch sprach der Held verwegen
Zu dem kraftreichen Degen:
"Ich weiß wohl, Freund, du musst nun fahren, (331, 25)
Darfst dich in manchem Kampf nicht sparen.
Gebe Gott dir Glück im Streit,
Und mir noch einst Gelegenheit
Dir zu dienen, wie ich es begehre.
Dass seine Kraft mir das gewähre!"

   Der Waleis sprach: "Weh, was ist Gott? (332, 1)
Wär der gewaltig, solchen Spott
Gäb er uns beiden nicht fürwahr!
Wär er nicht aller Kräfte bar.
Ich war mit Dienst ihm untertan, (332, 5)
So lang ich bin und denken kann.
Ich will ihm künftig Dienst versagen:
Hat er Hass, den will ich tragen.
Freund, kommt deine Kampfeszeit,
Ein Weib beschütze dich im Streit. (332, 10)
Die müsse segnen deine Hand,
An der du Keuschheit hast erkannt
Und weibliche Güte,
Ihre Minne dich behüte.
Weiß nicht, wann ich dich wieder sehe; (332, 15)
Ich wünsche, dass dir Heil geschehe."

   Zu Nachbarn gab ihr Scheiden
Nun Trauer diesen beiden.
Kunneware de Laland
Führt' ihn wo das Zelt ihr stand. (332, 20)
Sein Gerät ließ sie ihm bringen:
Ihre linden Hände hingen
Es um dem Gahmuretens-Sohn.
Sie sprach: "Ich schuld euch solchen Lohn,
Da der König von Brandigan (332, 25)
Mich euerthalb zur Braut gewann.
Sonst gibt mir eure Würdigkeit
Not und seufzerreiches Leid.
Wenn ihr euch Trauerns nicht erwehrt,
Eure Sorg an meiner Freude zehrt."

   Nun war sein Ross mit Stahl verdeckt, (333, 1)
Ihm selber neue Not erweckt.
Auch hat der Degen wohlgetan
Lichtweißen Eisenharnisch an,
Teuer, aller Mängel bar; (333, 5)
Korsett und Wappenrock, das war
Schön geschmückt mit Gestein.
Seinen Helm nur allein
Hatt er nicht aufgebunden.
Da küsst' er unumwunden (333, 10)
Kunnewar die klare Magd;
Also ward mir gesagt.
Da geschah ein traurig Scheiden
Von den liebenden beiden.

   Wir lassen reiten unsern Helden; (333, 15)
Was die nächsten Abenteuer melden,
Das geht ihn so genau nicht an;
Doch hört ihr einst was er begann,
Wohin er fuhr und wo er blieb.
Wem Kampf und Ritterspiel nur lieb, (333, 20)
Denk unterdessen nicht an ihn,
Rät ihm das sein stolzer Sinn.
Kondwiramor,
Dein minniglicher beau korps,
Wie oft der Degen sein gedenkt, (333, 25)
Was er dir Aventüren schenkt!
Schildesamt um den Gral
Übt nun der Held, den mit Qual
Einst Frau Herzeleid gebar,
Der auch des Grals Anerbe war.

   Da fuhr des Ingesindes viel (334, 1)
Zu einem mühvollen Ziel:
Das Schloss zu erschauen,
Wo vierhundert Jungfrauen
Und vier Königinnen hehr (334, 5)
Gefangen hielt ein Zauberer.
Das Schloss heißt Schatelmerveil.
Was ihnen dort ward zu Teil,
Nicht beneid ich ihnen das;
Ich bin doch Frauenlohnes lass. (334, 10)

   Da sprach der Grieche Klias:
"Ich bins, der da den Boden maß."
Das gestand er öffentlich:
"Der Türkowite fällte mich
Hinters Ross zu meiner Schmach. (334, 15)
Von vier Königinnen sprach
Er mir, die da gefangen sind;
Zwei sind alt, und zwei noch Kind.
Di eine heißet Itonje,
Die andre heißet Kondriê, (334, 20)
Die dritte heißet Arnive,
Die vierte Sangive."
Die Neugier trieb sie hinzugehn;
Doch konnt' es anders nicht geschehn,
Sie mussten Schaden dort erjagen; (334, 25)
Den Schaden will ich mäßig klagen.
Wer um Frauen duldet Not und Streit,
Das gibt ihm Freude, wenn auch Leid
Wohl mitunter überwiegt:
So geht es wo die Minne kriegt.

   Auch Gawan machte sich bereit, (335, 1)
Er wappnete sich für den Streit
Vor dem König von Askalon.
Leid war es manchem Breton;
Von mancher Frau und mancher Magd (335, 5)
Ward es herzlich auch beklagt,
Dass er zum Kampf sollt reisen.
An Würdigkeit verwaisen
Sah man die Tafelrunde.
Gawan erwog zur Stunde, (335, 10)
Womit er möchte siegen.
Harte Schilde wohlgediegen
(Gleich galt ihm wie die Farbe war)
Brachten Kaufleute dar
Auf Säumern, doch nicht wohlfeil; (335, 15)
Dreie wurden ihm zum Teil.
Auch erwarb der Degen hochgemut
Sieben Ross zum Kampfe gut,
Zwölf scharfe Speere von Angram
Sich der Held zu Freunden nahm, (335, 20)
Starke Rohrschäfte drein
Von Oraste Gentesein,
Aus einem Moor im Heidenland.
Gawan nahm Urlaub zuhand
Und fuhr hinweg mit Mannheit. (335, 25)
Artus gab willig und bereit
Zu der Fahrt ihm reichen Sold,
Licht Gestein und rotes Gold
Und Silber manchen Sterling;
Viel Mühen er entgegen ging.

   Nach der Heimat schiffte da (336, 1)
Sich ein die junge Ekuba;
Die reiche Heidin mein ich.
Allwärts hin zerstreute sich
Das Volk von dem Plimizöl. (336, 5)
Artus fuhr gen Karidöl;
Doch nahmen von ihm Urlaub eh
Kunnewar und Klamide.
Orilus der Herzog auserkannt
Und Frau Jeschute von Karnant (336, 10)
Nahmen Urlaub auch sofort;
Doch verblieben sie noch dort
Bis zum dritten Tag bei Klamiden:
Des Hochzeit sollte da geschehn;
Jedoch nicht laut, nur insgeheim: (336, 15)
Sie wurde größer bald daheim.
Denn wie ihm seine Milde riet,
Viel Ritter, welche Reichtum mied,
Nahm er mit in seiner Schar
Und die Fahrenden alle gar. (336, 20)
Daheim in seinem Lande
Mit Ehren ohne Schande
Verteilt' er ihnen seine Habe,
Versagte niemand karg die Gabe.

   Auch Frau Jeschute fuhr zumal, (336, 25)
Und Orilus ihr Gemahl,
Klamiden zu Lieb gen Brandigan.
Das ward zu Ehren getan
Kunnewar, der Königin:
Der ward die Krone da verliehn.

   Nun hoff ich, sinnge Frauen gut, (337, 1)
Haben sie getreuen Mut,
Die dies einst geschrieben sehn,
Sie werden mir wohl eingestehn,
Dass ich Frauen besser schildern mag (337, 5)
Als ich einst von einer sprach.
Belakane, die Königin,
Tadelsohne war ihr Sinn
Und zu aller Falschheit lass,
Da ein toter König sie umsaß. (337, 10)
Frau Herzeleiden füllt' ein Traum
Mit Seufzern aus des Herzens Raum.
Wie groß war Ginoverens Klage
An Itherens Todestage!
Auch fühlt ich ihren Kummer mit, (337, 15)
Da Jeschute solche Schmach erlitt,
Des Königs Tochter von Karnant,
Eh ihre Unschuld ward erkannt;
Misshandelt wurde Kunnewar
Und gerauft ihr schönes Haar: (337, 20)
Das wurde beiden wohl ersetzt;
Sie haben Preis für Schande jetzt.

   Diese Märe führe fort ein Mann,
Der Aventüre schlichten kann
Und Reime weiß zu sprechen, (337, 25)
Zu paaren und zu brechen.
Ich täts und zu brechen.
Ich täts euch gerne weiter kund,
Geböt und lohnt' es mir ein Mund,
Den aber kleinre Füße tragen
Als die mein Ross mit Sporen schlagen.

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