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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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V. Anfortas

Mit schnellem, ziellosem Ritt gelangt Parzival Abends an einen See, wo er Fischer nach der Herberge fragt. Der eine, reich gekleidet, doch traurig, bescheidet ihn zu einer nahen Burg, wo er selber Wirt sein werde. Er reitet dahin: Ein Knappe lässt, als er hört, dass ihn der  Fischer gesandt habe, die Zugbrücke nieder. Im Burghof wächst Gras, ein Zeichen, dass hier fröhliche Ritterspiele selten begangen werden. Er wird gut empfangen und mit dem Mantel der Königin, Repnase de Schoie, bekleidet. Ein Mann ruft ihn gebieterisch zum Könige: Ergrimmt ballt Parzival die Faust, wird aber beruhigt, weil es dieses Mannes amt sei, ihre Traurigkeit durch Scherze zu erheitern. Im Saale findet er hundert Kronleuchter und ebenso viel Ruhebetten, auf jedem vier Ritter. Auf drei marmornen Feuerherden brennt Aloeholz. Der Wirt, der in Pelzwerk gehüllt bei der mittlern Feuerstatt auf einem Spannbette (Feldbette) ruht, lässt Parzival neben sich Platz nehmen. Ein Knappe trägt eine bluttriefende Lanze durch den Saal, bei deren Anblick alles in Jammer ausbricht. Nun beginnt der Dienst, d.i. die Bewirtung. Durch eine Stahltüre treten zwei Jungfrauen ein, auf goldnen Leuchtern brennende Kerzen tragen; die eine ist Klarischanze, Gräfin von Tenabrock, die andere Garschiloie von Grünland. Ihnen folgen zwei Herzoginnen, jedwede setzt einen Helfenbeinstollen vor den König hin. Diese vier tragen braunen Scharlach, die folgenden acht sind in grünen Samt von Assagog gekleidet. Viere davon tragen Lichter voraus, die vier andern ein Tischblatt aus durchsichtigem Granatjachant, das sie auf die Tafel legen. Zwei Gräfinnen, Floire von Nonel und Anflise von Reil, bringen scharfe silberne Messer; bei ihnen vier Jungfrauen mit Lichtern. Sechs andere wie die vorigen in geteilten Röcken, halb Plialt, halb Seide von Ninive, begleiten, in Gläsern brennenden Balsam tragend, die in arabischen Pfellel gekleidete jungfräuliche Königin, Repanse de Schoie, von welcher der Gral, ihrer Reinheit willen, sich tragen zu lassen würdigte. Diesen setzte sie auf einem grünen Achmardizeuge vor den König, tritt dann zurück und steht mit der Krone in der Mitte der vierundzwanzig Jungfrauen. Darauf werden hundert Tische, je einer für vier Ritter, herein getragen und gedeckt; an jedem reicht ein Kämmerer in goldenem Becken das Handwasser, und ein Junker eine weiße Zwickel zum Abtrocknen; dem Wirt und Parzival bietet sie ein Grafensohn kniend. Bei jeder Tafel schneiden zwei Knappen kniend vor, zwei andere tragen Trank und Speise zu. Vier Wagen mit goldenen Trinkgeschirren fahren im Saale umher, vier Ritter setzen sie auf die Tische, ein Schaffner hebt sie hernach wieder ab. Hundert Knappen nehmen vor dem Gral Brot in weiße Tücher und verteilen es auf die Tische. Von dem Gral kommt auch sonst Trank und Speise, was und so viel nur ein Jeder zu essen oder zu trinken begehrt. Wohl bemerkt Parzival dies Wunder des Königs Schmerz und die allgemeine Trauer bei solchem Reichtum, aber der Lehre Gurnemans eingedenk fragt er nicht, auch dann nicht, als ihm der König ein kostbares Schwert schenkt und dabei seiner schweren Verwundung erwähnt. Als das Mal zu Ende geht, wird das Gerät wieder in gleicher Ordnung hinausgeschafft, und die Königin und ihre Jungfrauenentfernen sich, wie sie gekommen waren. Parzival blickt ihnen nach und sieht durch die offene Türe einen schönen schneeweißen Greis (Titurel) auf einem Spannbette ruhen. Vom Wirt entlassen, bringen ihn Ritter in ein kerzenhelles Schlafgemach mit prächtigem Bette, wo er von Edelknaben gelabt wird. In der Nacht quälen ihn ängstliche Träume, am Morgen erwacht er, vermisst die Dienerschaft und entschläft wieder. Spät erwacht, sieht er seine Rüstung und zwei Schwerter vor dem Bette liegen. Er wappnet sich und geht hinaus; sein Ross ist vor der Steige angebundne, Schwert und Schild lehnt dabei. Vergebens ruft er und sucht nach den Leuten: Niemand zeigt sich: Nur Spuren im Gras und Tau: Er reitet hinaus: Gleich zeiht ein Knappe die Brücke auf, schilt ihn eine Gans, dass er den Wirt nicht gefragt habe und schlägt das Tor vor ihm zu. Einer klagenden Frauenstimme folgend, findet er Sigune auf einer Linde den gebalsamten Leichnam des Geleibten in den Armen haltend. Von ihr erfährt er, dass er zu Monsalväsche gewesen ist, wohin man nur unfreiwillig gelangen kann, und welche Bewandtnis es mit dem geschenkten Schwerte hat. Sie preist ihn über alles glücklich, wenn er gefragt habe; als sie aber hört, dass die Frage unterblieben ist, schilt sie ihn aufs Heftigste und will nichts mehr von ihm hören. Traurig reitet Parzival weiter und begegnet Jeschuten, welcher er die seinethalb eingebüßte Huld des Gemahls wieder erwirbt, indem er ihn besiegt und zu Kunnewaren schickt, darnach aber ihre Unschuld freiwillig beschwört. Orilus findet Artus am Plimizöl.


   Wer nun will hören wo er bleibt, (224, 1)
Den Aventür von Haus vertreibt,
Der mag großer Wunder viel
Vernehmen, eh er kommt ans Ziel.
Lasst reiten Gehmuretens Kind. (224, 5)
Wo nun getreue Leute sind,
Die wünschen Heil ihm und Gedeihn:
Er muss nun leiden hohe Pein;
Vielleicht auch Freud und Ehre.
Eins schuf ihm Herzensschwere: (224, 10)
Er mied ein Weib, die er besaß,
So edel, dass kein Mund je las
Oder meldete die Märe,
Dass eine schöner, besser wäre.
Gedanken an die Königin (224, 15)
Trübten ihm den frohen Sinn:
Er hätt ihn längst schon ganz verloren,
Wär er nicht herzhaft geboren.

   Selbst trug das Ross den Zaum empor
Über Blöcke, Sumpf und Moor; (224, 20)
Nicht führt' es seines Reiters Hand.
Uns macht die Aventür bekannt,
Er ritt denselben Tag so weit,
Ein Vogel hätte Arbeit,
Wollt er's auf einmal überfliegen. (224, 25)
Will mich die Märe nicht betriegen,
So glich sein Ritt kaum so einem Flug
Des Tages, da er Ithern schlug,
Und später, als er von Graharz
Ritt in das Königreich Brobarz.

   Hört nun wo er Herberg nahm. (225, 1)
An einen See er Abends kam,
Fischer ankerten daran;
Ihnen war das Wasser untertan.
Wohl hörten mochten sie sein Fragen, (225, 5)
Unsern vom Gestade lagen
Sie noch, da sie ihn reiten sahn.
Einen sah er in dem Kahn
In so herrlichem Gewande,
Dienten ihm alle Lande, (225, 10)
Es wäre schwerlich noch so gut.
Von Pfauenfedern war sein Hut.
An diesen Fischer wandt er sich,
Und ermahnt' ihn bittentlich,
Dass er ihm riete, Gott zu Ehren (225, 15)
Und seine Zucht zu bewähren,
Wo er träfe Herberg an.
Zur Antwort gab der traurge Mann.

   Er sprach: "Herr, unbewusst ist mir,
Wo dreißig Meilen weit von hier (225, 20)
Das Land bebaut und urbar sei.
Ein Haus nur kenn ich nahebei;
Zur Herberg darf ich es empfehlen;
Auch könnt ihr heut kein andres wählen.
Dort, wo die Felsen enden (225, 25)
Müsst ihr zur Rechten wenden.
Wenn ihr hinkommt an den Graben,
Der lässt euch schon nicht weiter traben.
Heißt die Brücke nieder senken,
So mögt ihr in den Burghof lenken."

   Er tat wie ihm der Fischer riet; (226, 1)
Mit Urlaub er dannen schied.
Der sprach: "Wenn ihr euch nicht verirrt,
So bin ich selber euer Wirt;
So danket wie wir euch verpflegen. (226, 5)
Nur hütet euch vor falschen Wegen:
Ihr könntet bei der Halde
Irr reiten im Walde;
Unlieb geschäh mir doch daran."
Da hob sich Parzival hindann (226, 10)
Und fand mit wackerm Traben
Den Weg bis an den Graben.
Da war die Zugbrück aufgezogen,
Die Burg um Feste nicht betrogen,
Wie auf der Drechselbank gedreht. (226, 15)
Beschwingt nur oder vom Wind geweht
Dräng ein Feind hinein mit Sturm.
Manch hoher Saal, manch schlanker Turm
Stand da in wunderbarer Wehr:
Und zögen alle Völker her, (226, 20)
Sie gäben drin um solche Not
In dreißig Jahren noch kein Brot.

   Ein Knappe hatt ihn wahrgenommen
Und frug ihn, wo er hergekommen,
Und was er suche vor dem Wall? (226, 25)
"Der Fischer," sprach da Parzival,
"Hat mich zu euch hergesandt.
Ich neigte dankend seiner Hand,
Da sie mir Herberg hier geschenkt.
Er will, dass ihr die Brücke senkt,
Dass ich reite zu euch ein." (227, 1)
"Herr, ihr sollt willkommen sein.
Da der Fischer es versprach,
Man beut euch Ehr und Gemach,
Ihm der euch sandte zu Gefallen," (227, 5)
Sprach der Knapp und ließ die Brücke fallen.

   In die Burg ritt der Kühne,
Auf weiten Angers Grüne
Unzerstampft im Ritterspiel;
Kurzen Grases stand da viel. (227, 10)
Da ward nicht oft turniert, gestritten,
Mit Panieren hin und her geritten
Wie auf dem Anger zu Abenberg.
Selten war solch fröhlich Werk
Da geschehn in langer Zeit: (227, 15)
Sie hatten Not und Herzeleid.

   Der Gast jedoch des nicht entgalt:
Ihn empfingen Ritter jung und alt;
Kleine Junker volle Zahl
Sprang ihm nach dem Zaum zumal; (227, 20)
Ein jeder täte gern das Beste.
Sie hielten ihm den Stegreif feste,
Dieweil er abstieg von dem Ross.
Ritter führten ihn ins Schloss
Wo sie ihm schufen gut Gemach. (227, 25)
Unlange währt' es darnach
Bis er mit Zucht entwappnet ward.
Da sie den Jungen ohne Bart
Ersahen also minniglich,
Glücklich pries ihn männiglich.

   Um Wasser bat der junge Mann: (228, 1)
Da er den Rost sich hindann
Gewaschen von Gesicht und Händen,
Da schien er Jung und Alt zu blenden
Wie eines zweiten Tages Helle: (228, 5)
So saß der wonnige Geselle.
Man trug ihm einen Mantel dar,
Der von arabschem Pfellel war
Und von allem Tadel frei;
Offen blieb der Schüre Reih. (228, 10)
Als ihn überwarf der Degen,
Er bracht ihm neues Lob zuwegen.

   Da sprach der Kammerwärter klug:
"Repans de Schoi wars, die ihn trug,
Meine Frau die Königin. (228, 15)
Er sei von ihr euch geliehn,
Denn euch ist noch kein Kleid geschnitten.
Wohl mocht ich sie's mit Ehren bitten,
Denn ihr seid ein werter Mann,
Wenn ichs recht ermessen kann." (228, 20)
"Gott lohn euch, Herr, dass ihr mir traut.
Wenn ihr recht mich beschaut,
So war das Glück mir immer hold:
Gottes Kraft gibt solchen Sold."
Man schenkt' ihm ein und pflegt' ihn so, (228, 25)
Die Traurgen waren mit ihm froh;
Ein jeder bot ihm Lieb und Ehr.
Da war auch aller Fülle mehr
Als er zu Pelrapäre fand,
Das von Kummer schied des Helden Hand.

   Sein Rüstzeug war beiseit getragen: (229, 1)
Das wollt er später schier beklagen,
Da er Scherzes hier sich nicht versah.
Allzu vorlaut mahnte da
Ein immer wortreicher Mann (229, 5)
Den edeln Fremdling wohlgetan
Zum Wirt, als spräch er es im Zorn.
Das Leben hätt er schier verlorn
Von dem jungen Parzival.
Da er sein Schwert von lichtem Stahl (229, 10)
Nicht mehr bei sich liegen fand,
Da zwang er so zur Faust die Hand,
Dass den Nägeln Blut entfloss
Und ihm den Ärmel übergoss.
"Nicht doch, Herr," sprach die Ritterschaft, (229, 15)
"Dieser Mann uns gern zu lachen schafft,
Wie traurig wir auch anders sei'n;
So mögt ihr wohl ihm freundlich sein.
Ihr habt nichts andres vernommen,
Als der Fischer sei gekommen. (229, 20)
Geht hin, ihr seid sein werter Gast;
Schüttet ab des Zornes Last."

   Hundert Kronen nieder hingen
In dem Saal, zu dem sie gingen,
Mit vielen Kerzen besteckt; (229, 25)
So war auch rings überdeckt
Mit kleinen Kerzen die Wand.
Hundert Ruhbetten fand
Man an den Seiten aufgeschlagen,
Darauf hundert Kissen lagen.
Je vier Gesellen trug ein Sitz; (230, 1)
Die Plätze unterschied ein Schlitz.
Davor ein Teppich bilderhell:
Le Fils dü Roi Frimutel
Besaß doch Reichtum unermessen. (230, 5)
Eines Dings war nicht vergessen:
Sie hatte nicht das Gold gedauert,
Von Marmor waren aufgemauert
Drei viereckge Feuerrahmen.
Da brannt ein Holz, das man mit Namen (230, 10)
Nannte lignum aloe.
Wer hat so große Feuer je
Hier gesehn zu Wildenberg?
Es war fürwahr einkostbar Werk.
Der kranke Wirt selber hat (230, 15)
Vor der mittlern Feuerstatt
Auf einem Spannbett Platz genommen.
Es war zur Fehde gekommen
Zwischen ihm und der Freude;
Sein Leben war ein morsch Gebäude. (230, 20)

   In den Saal gegangen
Ward da gar wohl empfangen
Von dem, der ihn dahin gesandt,
Parzival der Weigand.
Ihn ließ der Wirt nicht lange stehn, (230, 25)
Er bat ihn, nah heran zu gehn
Und zu sitzen: "Hier an meine Seite;
Wies' ich euch in größre Weite,
Das hieß' euch allzu fremd getan."
So sprach der jammersreiche Mann.

   Des Wirtes Reichtum heischte leider (231, 1)
Große Feur und warme Kleider.
Weit und lang, von Zobel fein,
So musste aus und innen fein,
So musste aus und innen sein
Der Mantel und der Pelz darauf. (231, 5)
Der geringste Balg war teur zu Kauf;
Schwarz- und Grauwerk fand man da.
Um das Haupt des Wirtes sah
Man die gestreifte Mütze gehn,
Von Zobel, teuer zu erstehn. (231, 10)
Arabsche Borten gingen
Oben in goldnen Ringen,
Und von der Spitze nieder schien
Als Knopf ein leuchtender Rubin.

   Ritter saßen da genug, (231, 15)
Als man Jammer vor sie trug.
Herein zur Tür ein Knappe sprang,
Eine Lanze trug er, die war lang,
(Die Sitte war zur Trauer gut);
Die Schneide nieder tropfte Blut (231, 20)
Und lief am Schaft bis auf die Hand,
Wo es am Ärmel verschwand.
Da ward geweint überall
Und geschrieen in dem Saal,
Dass dazu mit Kehl und Augen (231, 25)
Kaum dreißig Völker möchten taugen.
Also trug er den Speer
An den vier Wänden umher
Bis wieder zu des Saales Tür,
Wo der Knappe sprang hinfür.
Da war des Volkes Not gestillt, (232, 1)
Das erst von Jammer stand erfüllt,
Da es die Lanze hat erkannt,
Die der Knappe trug in seiner Hand.

   Mag es euch nicht verdrießen, (232, 5)
Will ich die Mär erschließen,
Dass ihr vernehmet und erfahrt,
Wie herrlich da gedienet ward.

   Zu Ende an dem langen Saal
Auf ging eine Tür von Stahl: (232, 10)
Zwei werte Kinder traten ein;
Vernehmt, wie die geschaffen sei'n:
Dass sie wohl gäben Minnesold,
Wem sie um Dienste würden hold.
Das waren Jungfrauen klar, (232, 15)
Kränzlein über bloßem Haar:
Die Blumen hielt ein lichtes Band.
Jedwede trug in der Hand
Einen Leuchter von Gold.
Ihr Haar in blonden Locken rollt. (232, 20)
Auf jedem Leuchter brennt ein Licht.
Vergessen wollen wir nicht
Von der Jungfraun Kleid zu sagen,
Das sie vor den Rittern tragen.
Die Gräfin von Tenabrock, (232, 25)
Von braunem Scharlach war ihr Rock;
So war auch ihr Gespiel geziert.
Das weite Kleid war affischiert
Mit zweien Gürteln, da wo schlank
Die Frauen sind und schmal und schwank.

   Hinzu tritt eine Herzogin (233, 1)
Und ihr Gespiel. Sie trugen hin
Kleiner Stollen zween von Helfenbein.
Ihr Mund gab feuerroten Schein.
Alle Vier neigten sich; (233, 5)
Nun setzten zwo behendiglich
Vor den wirt die Stollen hin:
Das war ihr Dienst, wie es schien.
Dann traten sie gepaart zurück
Und waren klar und hell von Blick. (233, 10)

   Die Viere trugen gleiches Kleid.
Nun versäumen nicht die Zeit
Andrer Frauen zwei Mal vier.
Was hatten die zu schaffen hier?
vier mussten große Kerzen tragen; (233, 15)
Die andern durftens nicht versagen;
Sie trugen einen teuern Stein,
Die Sonne warf hindurch den Schein.
Sein Namen ist uns wohl bekannt:
Es war ein Granatjachant, (233, 20)
So lang und breit, dass er wohl litt,
Als ihn so dünne zerschnitt,
Der zum Tischblatt ihn zersägte,
An dem der Wirt zu essen pflegte.
Die Jungfraun traten alle acht (233, 25)
Vor den Wirt, indem sie sacht
Wie zum Gruß ihr Haupt bewegten.
Die Viere dann die Tafel legten
Auf der Stollen Helfenbein so klar,
Das zuvor herein getragen war.
Man sah sie züchtig wieder gehn (234, 1)
Und bei den ersten vieren stehn.

Röcke grün wie Gras zu schauen
Trugen diese acht Frauen
Aus edelm Samt von Assagauch, (234, 5)
Lang und weit, so wills der Brauch.
Ein teurer Gürtel schmal und lang
In der Mitte sie zusammen zwang.
Dieser acht Jungfrauen klug,
Auf dem Haupt jegliche trug (234, 10)
Ein Blumenkränzlein wohlgetan.
Von Nonel der Graf Iwan
Und Jernis, der Herr von Reile,
Ihre Töchter über manche Meile
Hatte der Gral in Dienst genommen. (234, 15)
Man sah die Jungfrauen kommen
In gar wonniglichem Staat.
Zwei Messer, schneidig wie ein Grat,
Trugen die Jungfrauen hehr
Auf zwo Zwickeln daher. (234, 20)
Von Silber ist die Kling und weiß,
Und nicht versäumt von Künstlerfleiß,
Geschärft, gewetzt zu solcher Glätte,
Dass es wohl Stahl geschnitten hätte.
Vor dem Silber trugen Frauen wert, (234, 25)
Die auch der Gral zum Dienst begehrt,
Lichter, dass es heller sei,
Vier Kinder alles Tadels frei.
So gingen diese Sechse nun:
Höret, was sie sollen tun.

   Sie grüßten. Zwei trugen dar (235, 1)
Auf die Tafel wunderklar
Das Silber und legtens nieder.
Dann gingen sie mit Züchten wieder
Zu den ersten Zwölfen hin. (235, 5)
Wenn ich recht berichtet bin,
Hier sollen achtzehn Frauen stehn.
Nun sieht man neue Sechse gehn
In Kleidern, die man schwer bezahlt;
Es war zur Hälfte Plialt, (235, 10)
Zur Hälfte Pfell von Ninnive.
Sie und die Sechs, der ich eh
Erwähnt, geteilt war ihre Tracht,
Jeder Teil aus anderm Stoff gemacht.

   Nach diesen kam die Königin. (235, 15)
Ein Glanz von ihrem Antlitz schien,
Sie wähnten all es wolle tagen.
Ein Kleid sah man die Jungfrau tragen
Von Pfellel aus der Arabie.
Auf grünem Kissen von Achmardi (235, 20)
Trug sie des Paradieses Fülle
So den Kern wie die Hülle.
Das war ein Ding, das hieß der Gral,
Irdschen Segens vollster Strahl.
Repanse de Schoie hieß (235, 25)
Von der der Gral sich tragen ließ.
Der Gral war von solcher Art:
Sie hat das Herz sich rein bewahrt,
Der man gönnt des Grals zu pflegen:
Sie durfte keine Falschheit hegen.

   Lichter kamen vor dem Gral: (236, 1)
Die waren schön und reich zumal.
Sechs lange Gläser hell und klar,
Drin brannte Balsam wunderbar.
Da sie gemessnen Schritts herfür (236, 5)
Zur Tafel kamen von der Tür,
Die Königin verneigte sich
Und jede Jungfrau züchtiglich,
Die da Balsamgläser trug.
Die Köngin ohne Falsch und Trug (236, 10)
Setzte vor den Wirt den Gral.
Die Märe spricht, dass Parzival
Sie hab andächtig lang beschaut,
Der der Gral war anvertraut;
Er hatt auch ihren Mantel an. (236, 15)
Die Sieben gingen auch hindann
Und standen bei den achtzehn Ersten.
Da nahmen alle die Hehrste
Zwischen sich: Zwölf standen ihr
Zu beiden Seiten, sagt man mir. (236, 20)
Da stand die Magd die Krone tragend
Schön aus den Gespielen ragend.

   All den Rittern zumal,
Die da saßen in dem Saal
Ließ man von Kämmerlingen (236, 25)
In goldnen Becken Wasser bringen.
Je vier bediente Einer
Und ein Junker, ein kleiner,
Der eine weiße Zwickel trug.
Man sah da Reichtum genug.
Der Tafeln mussten hundert sein, (237, 1)
Die man zur Türe trug herein.
Man setzte jegliche schier
Vor der werten Ritter vier;
Tischlachen blendend weiß (237, 5)
Legte man darauf mit Fleiß.

   Der Wirt nun selber Wasser nahm;
Er war an frohem Mute lahm.
Da wusch sich Parzival zugleich.
Eine seidne Zwickel bilderreich (237, 10)
Hielt ein Grafensohn ihm hin;
Den sah man hurtig niederknien.

   Wo keine Tafel war gestellt,
Vier Knappen sah man da gesellt,
Dass sie zu dienen nicht vergäßen (237, 15)
Denen, die da oben säßen.
Zween mussten kniend schneiden;
Die andern durftens nicht vermeiden,
Sie trugen Trank und Speise dar
Und nahmen ihrer dienend wahr. (237, 20)

   Hört mehr von Reichtum sagen.
Vier Karossen mussten tragen
Manchen goldnen Becher dar
Jedem Ritter, der zugegen war.
Die wurden rings umher gerollt; (237, 25)
Von vier Rittern ward das Gold
Auf die Tafeln hingesetzt.
Ein Schaffner folgte zuletzt;
Dem war es aufgetragen,
Alles wieder in den Wagen
Zu setzen, wenn gedienet wäre. (238, 1)
Nun vernehmet andre Märe.

   Hundert Knappen man gebot,
Dass sie in weiße Zwickeln Brot
Kniend nähmen vor dem Gral. (238, 5)
Zurück dann traten sie zumal
Und verteilten vor die Tafeln sich.
Man sagte mir, so sag auch ich
Auf euern eigenen Eid:
Vor dem Grale war bereit (238, 10)
(Sollt ich damit betrügen,
So helfet ihr mir lügen)
Wonach einer bot die Hand,
Dass er alles stehen fand,
Speise warm, Speise kalt, (238, 15)
Speise neu und wieder alt,
Frisch und Fleisch, Wild und Zahm.
Es ist kein wahres Wort daran
Hör ich manchen sprechen;
Der will sich viel erfrechen. (238, 20)
Der Gral war alles Segens Born,
Weltlicher Süße volles Horn:
Es tat es dem beinahe gleich
Was man erzählt vom Himmelreich.

   In kleine Goldgefäße kam (238, 25)
Was man zu jeder Speise nahm,
Pfeffer, Salz und Agraß.
Der Genügsame, der Fraß,
Alle hatten da genug;
Höflich man es vor sie trug.
Moraß, Wein, Sinopel rot, (239, 1)
Wonach den Napf ein jeder bot,
Was er Trinkens mochte nennen,
Das konnt er drin erkennen
Alles durch des Grales Kraft. (239, 5)
Die herrliche Gesellschaft
Ward bewirtet von dem Gral.
Wohl bemerkte Parzival
Den Reichtum und das große Wunder;
Doch nicht zu fragen unterstund er. (239, 10)

   Er gedachte: "Treulich riet
Mir Gurnemans, bevor ich schied,
Viel zu fragen sollt ich meiden;
Man wird mich hier wohl auch bescheiden
Wie es dort bei ihm geschah. (239, 15)
So hör ich ohne Frage ja
Wie es um diese Leute steht."
Wie er so dachte, sieh, da geht
Ein Knappe her und bringt ein Schwert,
Die Scheide tausend Marken wert; (239, 20)
Das Gehilz war ein Rubin;
Auch war die Klinge wie es schien
Großer Wunder Täterin.
Seinem Gaste gab der Wirt es hin
Und sprach: "Es half mir in der Not (239, 25)
Manches Mal, bevor mich Gott
So schwer am Leibe hat verletzt.
Ich hoffe, dass es euch ersetzt
Was hier fehlt an eurer Pflege;
Führt es künftig allewege:
Ihr seid, erkennt ihr seine Art, (240, 1)
Im Streite wohl damit verwahrt."

   Weh, dass er da vermied zu fragen!
Das muss ich noch für ihn beklagen.
Denn da das Schwert ihm ward gegeben, (240, 5)
Das mahnt' ihn, Frage zu erheben.
Auch jammert mich sein edler Wirt,
Dass er der Qual nicht ledig wird,
Der ihn enthoben hätte Fragen.
Nun war hier sattsam aufgetragen. (240, 10)
Die's anging, griffens wieder an
Und trugen das Geschirr hindann.

   Die vier Karossen lud man da;
Jedes Fräulein seinen Dienst versah,
Erst die letzten, dann die ersten. (240, 15)
Sie traten alle mit der Hehrsten
Wieder hin zu dem Gral.
Vor dem Wirt und Parzival
Verneigte sich die Königin
Und all die Jungfraun wie vorhin (240, 20)
Und trugen wieder aus der Tür
Was sie mit Zucht gebracht herfür.

   Parzival blickt ihnen nach:
Da sieht er in dem Vorgemach
Eh sie die Türe zutun, (240, 25)
Auf einem Spannbette ruhn
Den allerschönsten alten Mann,
Des er Kunde je gewann.
Ich greif es traun nicht aus der Luft,
Er war noch grauer als der Duft.

   Wer der Greis gewesen, (241, 1)
Das hört ihr künftig lesen,
Dazu der Wirt, die Burg, das Land,
Die werden euch von mir genannt
Künftig, wenn es an der Zeit, (241, 5)
Bescheidentlich, ohn allen Streit,
Und sogleich unverzogen.
Ich sage die Sehen sonder Bogen.

   Die Sehne dient zum Gleichnis hier.
Behende scheint der Bogen dir, (241, 10)
Doch ist schneller was die Sehne jagt.
Hab ichs nicht unbedacht gesagt,
So gleicht die Sehen schlichten Mären,
Womit wir gern zufrieden wären;
Denn wer die Krümme wandelt viel, (241, 15)
Der führt uns allzu spät ans Ziel.
Wenn ihr den Bogen spannen saht,
Erst war die Sehne schlicht und grad;
Sie muss sich dehnen, muss sich biegen,
Soll der Schuss zum Ziele fliegen. (241, 20)
Doch wer die Märe schießt dem Thoren,
Der hat sein Dehnen auch verloren:
Sie findet nirgend eine Statt
Und gar geräumigen Pfad
Zu einem Ohr ein, zum andern aus. (241, 25)
Lieber bleib ich zu Haus,
Als dass ich den mit Mären dränge,
Denn ich sagte oder sänge
Besser wohl einem Bock
Oder einem Ulmenstock.

   Ich will euch besser doch bedeuten (242, 1)
Von den jammerhaften Leuten,
Die hier besucht hat Parzival.
Man sah da selten Freudenschall,
Weder Tanz noch Ritterspiel. (242, 5)
Ihrer Trübsal war so viel,
Sie dachten auf Erholung nicht.
Oft wohnt die Volkszahl minder dicht,
Doch tut ihr manchmal Freude wohl;
Hier waren alle Winkel voll (242, 10)
Und auch der Hof, wo man sie sah.
Der Wirt sprach zu dem Gaste da:
"Nun ist eur Bette wohl bereit,
Drum rat ich, wenn ihr müde seid,
Euch zur Ruhe zu begeben." (242, 15)
Nun sollt ich Zeterschrei erheben
Um ihr so getanes Scheiden!
Hier wächst Unheil ihnen beiden.

   Vor des Wirtes Bette trat
Auf den Teppich hin und bat (242, 20)
Um den Urlaub Parzival;
Gute Nacht ihm bot der Wirt zumal.
Auf sprang die Ritterschaft in Eil;
Ihn zu geleiten kam ein Teil.
Da führten sie den jungen Mann (242, 25)
In ein Schlafgemach hindann:
Das war also ausstaffiert,
Mit einem Bette geziert,
Dass mich die Armut schmerzlich müht,
Da der Erde solcher Reichtum blüht.

   Dem Bett war Armut teuer; (243, 1)
Als glüht' er in Feuer
Gab drauf ein Pfellel lichten Strahl.
Die Ritter bat da Parzival;
Sie möchten auch zur Ruhe gehn; (243, 5)
Denn ein Bett sah er hier nur stehn.
Mit Urlaub gingen sie hindann.
Hier hebt ein andrer Dienst sich an.

   Viel Kerzen und sein klar Gesicht
Wetteifernd gaben helles Licht: (243, 10)
Wie möchte heller sein der Tag?
Vor seinem Bett ein andres lag,
Ein Polster drauf: Da setzt' er sich.
Jungherren gar behendiglich
Entschuhn ihm Beine, die sind blank: (243, 15)
Mancher ihm zu Hilfe sprang.
Auch zog ihm das Gewand herab
Mancher wohl geborne Knab:
Es waren schmucke Herrlein.
Zur Türe traten jetzt herein (243, 20)
Vier klare Jungfrauen,
Die sind gesandt zu schauen,
Ob man den Herrn auch wohl verpfläge,
Und ob er sanft gebettet läge.
Die Märe meldet sonder Trug, (243, 25)
Eine helle Kerze trug
Ein Knappe Jeglicher voran.
Parzival der schnelle Mann
Sprang unters Decklachen.
Sie sprachen: "Ihr sollt wachen
Uns zu Lieb noch eine Weile." (244, 1)
Verborgen hatt er in der Eile
Unter der Decke sich ganz;
Nur seines Antlitzes Glanz
Gab ihren Augen Hochgenuss (244, 5)
Eh sie empfingen seinen Gruß.
Ihnen schufen auch Gedanken Not,
Dass ihm sein Mund war so rot
Und dass vor Jugend niemand wahr
Da nahm auch nur ein halbes Haar. (244, 10)

   Diese vier Jungfrauen klug,
Hört was Jegliche trug:
Morass, Wein und Lautertrank
Trugen drei auf Händen blank;
Die vierte Jungfraue weis (244, 15)
Trug Äpfel aus dem Paradeis
Auf blanker Zwickel vor ihn hin.
Diese sah man niederknien.
Er hieß das Mägdlein sitzen:
Sie sprach: "Lasst mich bei Witzen; (244, 20)
Ich könnt euch sitzend nicht bedienen,
Und darum sind wir hier erschienen."
Süßer Red er nicht vergaß;
Der Herr trank, einen Teil er aß;
Dann gingen sie mit Urlaub wieder. (244, 25)
Da legte Parzival sich nieder.
Die Junker setzten vor ihn
Die Kerzen auf den Teppich hin,
Da sie ihn entschlafen sahn;
Also eilten sie hindann.

   Parzival lag nicht allein: (245, 1)
Gesellt bis zu des Morgens Schein
War ihm strenges Herzeleid.
Aller Kummer künftger Zeit
Hat seine Boten ihm gesandt, (245, 5)
Dass Schreck den Blühnden übermannt;
Seine Mutter bracht einst so in Not
Der Traum von Gahmuretens Tod.
So verbrämt war ihm der Traum,
Mit Schwertschlägen um den Saum, (245, 10)
Mit Tjosten oben reich gestickt:
Von Lanzen auf sein Herz gezückt
Litt er im Schlafe manchmal Not.
Lieber zwanzig Mal den Tod
Hätt er dulden mögen wach: (245, 15)
So gab den Sold ihm Ungemach.

   Der Ängstigungen Strenge
Musst ihn wecken auf die Länge.
Ihm schwitzten Adern und Gebein.
Auch drang der Tag durchs Fenster ein. (245, 20)
Da sprach er: "Weh, wo sind die Kinde,
Dass ich sie nicht vor mir finde?
Wer soll mir reichen mein Gewand?"
So erharrte sie der Weigand
Bis er abermals entschlief. (245, 25)
Niemand sprach, niemand rief,
Sie blieben all verborgen.
Wieder zu mittem Morgen
War erwacht der junge Mann;
Vom Bette sprang er schnell hindann.

   Auf dem Teppich sah der Werte (246, 1)
Seine Rüstung liegen und zwei Schwerte:
Eins das der Wirt ihm geben ließ,
Das andre war von Gahevieß.
Da hub er zu sich selber an: (246, 5)
"Weh, wer hat mir dies getan?
Gewiss, ich soll mich wappnen drein.
Ich litt im Schlafe solche Pein;
Wachend ist mir Arbeit
Heute sicher auch bereit. (246, 10)
Wenn diesen Wirt ein Feind bedroht,
So leist ich gerne sein Gebot,
Und ihr Gebot mit Treuen,
Die den Mantel, diesen neuen,
Mir geliehen hat aus Güte. (246, 15)
Stünde so ihr Gemüte,
Dass sie Dienst von mir begehrte,
Wie gern ich den gewährte!
Doch nicht um Minnelohns Gewinn,
Denn mein Weib die Königin (246, 20)
Ist von Antlitz wohl so klar
Wie sie, und mehr noch, das ist wahr."

   Er hilft sich selber, weil er muss,
Wappnet sich von Haupt zu Fuß,
Dass er fertig sei zum Streite; (246, 25)
Zwei Schwerter schnallt er an die Seite.
Der werte Degen ging hinaus;
Da war sein Ross vor dem Haus
Angebunden, Schild und Speer
Stand dabei; das freut' ihn sehr.

   Eh Parzival der Weigand (247, 1)
Sich des Rosses unterwand,
Der Held in manche Kammer lief,
Wo er nach den Leuten rief.
Niemand hörte, sah er da, (247, 5)
Daran ihm großes Leid geschah.
Der Degen kam in übeln Zorn.
Da lief er in den Burghof vorn,
Wo er gestern stieg vom Pferde. (247, 10)
Da war Gras und Erde
Von manchem Hufschlag berührt
Und aller Tau hinweggeführt.

   Der junge Mann mit lautem Rufen
Kehrte zu des Hauses Stufen.
Mit manchem Scheltworte (247, 15)
Sprang er zu Ross. Die Pforte
Fand er weit offen stehn
Und große Stapfen aus ihr gehn.
Die Brücke war hinab gelassen:
Hinüber ritt er seiner Straßen. (247, 20)
Ein verborgner Knappe zog das Seil:
Der Schlagbrücke Vorderteil
Brachte schier sein Ross zu Fall.
Das Haupt wandte Parzival:
Da wollt er gerne sich befragen: (247, 25)
"Der Sonne Hass sollt ihr tragen"
Sprach der Knapp. "Ihr seid eine Gans
Hättet ihr gerührt den Flans
Und hättet den Wirt gefragt!
Nun bleibt euch großer Preis versagt."

   Der Gast rief um Erklärung: (248, 1)
Da ward ihm nicht Gewährung.
Wie viel er bat, wie lang er rief,
Der Knappe tat, als ob er schlief'
Und schlug die Pforte vor ihm zu. (248, 5)
Allzu früh für seine Ruh
Schied da hinweg, der nun mit Leid
Bezahlte seine frohe Zeit:
Die bleib ihm nun verborgen.
Er hatt um bittre Sorgen (248, 10)
Gedoppelt, als den Gral er fand,
Mit seinen Augen, ohne Hand
Und ohne Würfel zumal.
Weckt ihn Kummer nun und Qual,
Des war er früher ungewohnt; (248, 15)
Ihn hatte Trübsal noch verschont.

   Parzival verfolgte da
Die Hufspur, die er vor sich sah.
"Die von mir," dacht er, "reiten,
Die werden mannlich streiten (248, 20)
Heut um des Wirtes Ehre.
Sie verschmähen es, sonst wäre
Ihre Schar mit mir wohl nicht geschwächt:
Ich wollt in keinem Gefecht
Von ihnen weichen in der Not, (248, 25)
Dass ich verdiente mein Brot,
Und auch dies wonnigliche Schwert,
Das ihr Herr mir hat verehrt,
Und das ich unverdient noch trage.
Sie wähnen wohl, ich wär ein Zage."
Der aller Falschheit tat entgegen, (249, 1)
Hielt sich an den Hufschlägen.
Dass er so scheidet, jammert mich;
Nun erst aventürt es sich.

   Die Fährt allmählich ihm zerrann: (249, 5)
Hier schieden, die ihm sind voran.
Die Spur ward schmal, erst war sie breit,
Er verlor sie ganz: Das war ihm leid.
Da erfuhr der junge Mann
Davon er Herzeleid gewann. (249, 10)

   Der Degen kühn und ohne Zagen
Hört' eine Frauenstimme klagen.
Nass von Tau noch war das Gras.
Vor ihm auf einer Linde saß
Ein Weib, die Treu gebrach in Not. (249, 15)
Erbalsamt lag ein Ritter tot
Ihr zwischen beiden Armen.
Wollt es einen nicht erbarmen,
Der sie so säh in Schmerzen,
Das geschäh aus falschem Herzen. (249, 20)

   Sein Ross der Ritter zu ihr wandte,
Der sie immer nicht erkannte:
Sie war doch seiner Muhme Kind.
Was irdsche Treue nur ersinnt,
Das ward vor ihrer Treu zunicht. (249, 25)
Nun grüßt sie Parzival und spricht:
"Herrin, mir ist herzlich leid,
Dass ihr so bekümmert seid.
Könnt euch mein Dienst davon befrein,
Zu eurem Dienste wollt ich sein."

   Sie dankt' ihm mit des Jammers Sitten (250, 1)
Und frug: "Wo kommt ihr hergeritten?"
Sie sprach: "Es folgte schlimmen Rat
Wer noch je die Reise tat
Her in diesen öden Wald. (250, 5)
Unkundem Gaste mag hier bald
Großen Schadens viel geschehn;
Gehört oft hab ich und gesehn
Von Leuten, die den Tod hier nahmen
Und wehrlich doch zu sterben kamen. (250, 10)
Hinweg, wenn ihr das Leben liebt!
Nur sagt, wo diese Nacht ihr bliebt?"
"Eine Meile nur von hier, nicht mehr,
Steht eine Burg, wie keine hehr
Durch alle Pracht und Herrlichkeit: (250, 15)
Die ließ ich erst vor kurzer Zeit."

   Sie sprach: "Der euch Vertraun will schenken,
Den sollt ihr nicht mit Lügen kränken.
Eur Schild muss euch als fremd bekunden;
Ihr hättet Wald zuviel gefunden (250, 20)
Von gebautem Lande hergeritten.
Dreißig Meilen weit ward nie verschnitten
Zu einem Hause Holz noch Stein.
Nur eine Burg steht dort allein,
Reich an allem was die Erde preist. (250, 25)
Wer die zu suchen sich befleißt,
Der kann sie leider niemals finden:
Doch sind viele, die sichs unterwinden.
Es muss unwissend geschehn
Soll jemand die Burg ersehn.
Die ich euch, Herr, wohl nicht bekannt. (251, 1)
Monsalväsch ist sie genannt.
Terre de Salväsch genennt wird
Das Reich, ob welchem herrscht der Wirt.
Das vererbte der alte Titurel (251, 5)
Seinem Sohn, dem König Frimutel:
So hieß der werte Weigand;
Den Preis erwarb oft seine Hand.
Auch gab ihm eine Tjost den Tod,
Den ihm die Minne gebot. (251, 10)
Vier werte Kinder ließ er nach:
Drei haben Gut, doch Ungemach;
Der vierte wählte Armut:
So büßt er seinen sündgen Mut;
Er heißt mit Namen Trevrezent. (251, 15)
Aufortas sein Bruder lehnt,
Denn sitzen kann er nicht noch gehn,
Auch weder liegen noch stehn,
Der auf Monsalväsche wohnt;
Groß Unheil hat sein nicht geschont." (251, 20)

   Sie sprach: "Wart ihr gekommen dar
Zu der jämmerlichen Schar,
Vielleicht wär nun der Wirt befreit
Von seinem lang getragnen Leid."
Zu der Jungfrau sprach der Waleis laut: (251, 25)
"Groß Wunder hab ich da geschaut
Und viel Frauen wohlgetan."
An der Stimm erkannte sie den Mann.

   Da sprach sie: "Du bist Parzival.
Nun sage, sahest du den Gral
Und den Wirt, den Freudeleeren? (252, 1)
Lass liebe Kunde hören.
Ist sein Jammer noch zu stillen,
Wohl dir, der sel'gen Reise willen!
So weit die Lufte Land umfangen, (252, 5)
So weit soll deine Hoheit langen.
Dir dienet alles, Zahm und Wild,
Aller Erdenwunsch ist dir gestillt."

   Parzival der Weigand
Sprach: "Woran habt ihr mich erkannt?" (252, 10)
Da sprach sie: "Sieh, ich bins, die Magd,
Die dir ihr Leid schon hat geklagt,
Dir deinen Namen nannte.
Verschmäh nicht die Verwandte:
Deine Mutter ist mir Muhme, (252, 15)
Aller Erdenreinheit Blume,

Ob lautern Tau sie nie empfing.
Gott lohn's, dass dir so nahe ging
Mein Freund, den eine Tjost mir schlug.
Hier hab ich ihn. Not genug (252, 20)
Hat mir Gott an ihm gegeben,
Dass er nicht länger sollte leben.
Er war reich an Mannesgüte:
Aus seinem Tod mein Leid erblühte;
Auch hat sich mir von Tag zu Tage (252, 25)
Schmerzlich um ihn erneut die Klage."

   "O weh, wo blieb dein roter Mund!
Bist dus, Sigune, die mir kund
Tat so getreulich, wer ich war?
Dein lockig langes braunes Haar,
Das ist von deinem Haupt geschwunden. (253, 1)
Da ich dich in Briziljan gefunden,
Da warst du noch so minniglich,
Obwohl schon Jammer warb um dich.
Jetzt verlorst du Farb und Kraft. (253, 5)
Dieser traurigen Gesellschaft
Verdröße mich, sollt ich sie haben:
Lass diesen Toten uns begraben."
Die Augen nässten ihr das Kleid.
Auch hätt ihr wohl zu keiner Zeit (253, 10)
Lunete solchen Rat gegeben.
Die reit der Herrin: "Lasst am Leben
Diesen Mann, der euern schlug:
Er gibt euch wohl Ersatz genug."
Sigune wollte kein Ersetzen (253, 15)
Wie Frau'n, die Wechsel mag ergetzen,
Die mir zu nennen nicht behagen.
hört mehr Sigunens Treue sagen.

   Die sprach: "Soll mir noch Freude werden,
Die wird mir, wenn ihn die Beschwerden (253, 20)
Lassen, den unselgen Mann.
Sollt er Hilf von dir empfahn,
Fürwahr, so bist du Preises wert;
Du trägst am Gürtel auch sein Schwert.
Kennst du auch des Schwertes Gaben? (253, 25)
Du magst zum Streit wohl furchtlos traben.
Ihm liegen seine Schärfen recht.
Ein Schmied von edelm Geschlecht,
Trebüschet, schufs mit eigner Hand.
Ein Brunnen steht bei Karnant;
Drum heißt des Landes König Lach. (254, 1)
Das Schwert besteht den ersten Schlag,
Doch von dem andern brichts entzwei.
Bringst du's zum Brunnen, wieder neu
Wird es von des Wassers Guss. (254, 5)
Doch von der Quelle nimm den Fluss,
Am Fels, eh ihn beschien der Tag.
Der Brunnen heißt auch selber Lach.
Wenn nicht versplittert sind die Stücken,
Man muss sie recht zusammendrücken (254, 10)
Indem der Brunnen sie benetzt;
Ganz und noch viel schärfer jetzt
Wird gleich ihm Falz und Schneide sein
Und jedes Mal behält den Schein.
Doch das Schwert bedarf ein Segenswort: (254, 15)
Das fürcht ich, ließest du dort.
Hat's jedoch dein Munde lernt,
So gedeiht und wächst und kernt
Des Heiles Fülle stets bei dir.
Lieber Vetter, glaube mir, (254, 20)
So dienet immer deiner Hand
Was Wunders dort dein Auge fand;
So muss dir die Krone
Des höchstens Heils zum Lohne
Ob allen Würdgen werden; (254, 25)
Was man wünschen mag auf Erden
Wird dir völlig gegeben:
So reich mag niemand leben,
Der sich dir vergleichen kann,
Hast du der Frag ihr Recht getan."

   "Keine Frage," sprach er, "tat ich da." (255, 1)
"O weh, dass euch mein Auge sah,"
Sprach die jammersreiche Magd,
"Da ihr zu fragen habt gezagt!
So große Wunder, wie ihr saht, (255, 5)
Dass eur Mund da keine Frage tat!
Ihr sahet doch den hehren Gral,
Saht edler Frauen reiche Zahl,
Die werte Garschiloie
Und Repans de Schoie, (255, 10)
Schneidendes Silber, blutgen Speer.
O weh, was kommt ihr zu mir her?
Unseliger, verfluchter Mann!
Ihr tragt des giftgen Wolfes Zahn,
An dem die Galle bei der Treue (255, 15)
So früh sich zeigt zu später Reue.
Euch hätt eur Wirt erbarmen sollen,
An dem Gott Wunder wirken wollen:
So fragtet ihr nach seiner Not.
Ihr lebt und seid am Heile tot." (255, 20)

   Da sprach er: "Liebe Base, zeigt
Besser, dass ihr mir geneigt.
Ich büß es, wenn ich was verbrach."
"Das sei euch erlassen," sprach
Sigune. "Mir ist wohl bekannt, (255, 25)
In Monsalväsch an euch verschwand
Ehr und ritterlicher Preis.
Ihr findet nun in keiner Weis
Antwort fernerhin bei mir."
So scheid da Parzival von ihr.

   Dass er zu fragen war so lass, (256, 1)
Als er bei dem traurgen Wirte saß,
Das musste da in Treuen
Den kühnen Degen reuen.
Seine Not war groß, der Tag war heiß, (256, 5)
Er begann zu triefen von Schweiß.
Den Helm, sich zu lüsten, band
Er ab und trug ihn in der Hand;
Auch entstrickt' er die Vinteilen sein;
Durch Eisenrost war licht sein Schein. (256, 10)

   Er kam auf eine frische Spur:
Vor ihm, wenig Schritte nur,
Ging ein Ross gar wohl beschlagen,
Und ein barfuss Pferd, das musste tragen
Eine Frau, die vor ihm ritt (256, 15)
In einem hinkenden Schritt.
Von Mangel schien das Pferd gequält,
Man hätt ihn durch die Haut gezählt
Seien Rippen allzumal:
Wie ein Härmlein war es fahl. (256, 20)
Eine Halfter trugs von Bast,
Zu den Hufen fiel die Mähne fast,
Die Augen tief, die Gruben weit.
Der Gaul war von langem Leid
Abgehetzt und abgeschreckt, (256, 25)
Oft hatt ihn Hunger Nachts erweckt.
Er war dürr wie Zunder;
Sein Gehn war ein Wunder,
Zumal die Werte, die ihn ritt,
Wohl selten noch solch Pferd beschritt.

   Das Geschirr und das Gereite (257, 1)
War schmal ohn alle Breite,
Schellen, Sattelbogen
Zerstückt und verborgen.
Sie hatt an Üppigkeit nicht Teil; (257, 5)
Ihr Obergurt war ein Seil:
Dem war sie doch zu wohl geboren.
Hier ein Zweig und dort ein Dorn
Hatt ihr das Kleid zerrissen.
Wo's von Zerren war zersplissen, (257, 10)
Da sah er viel der Stricke,
Darunter lichte Blicke,
Ihre Haut noch weißer denn ein Schwan.
Sie hatte nichts als Hadern an:
Wo ihr die geschützt die Haut, (257, 15)
Da wurde sie so blank erschaut;
Das Übrige litt von Sonne Not.
Wie es auch kam, ihr Mund war rot:
Den sah man solche Farbe tragen,
Man hätte Feuer draus geschlagen. (257, 20)
Wo man sie mocht anreiten,
Stets wars zur bloßen Seiten:
Nannte sie einer Vilan
Der hätt ihr Unrecht getan,
So wenig hatte sie an ihr. (257, 25)
unverdient, das glaubet mir,
Trug die Frau so großen Hass,
Die nie der reinsten Zucht vergaß.
Noch viel von ihrer Armut
Sagt' ich leicht; es ist schon gut: (257, 30)
Ich nähm doch ihren bloßen Leib
Für manches wohl geschmückte Weib.

   Da Parzival den Gruß ihr bot, (258, 1)
Sie erkannt' ihn gleich und wurde rot.
Er war der schönste Mann im Land,
Drum hatte sie ihn bald erkannt.
Sie sprach: "Ich hab euch einst gesehn; (258, 5)
Groß Leid ist mir davon geschehn.
Möcht euch mehr Freund und Ehren
Gott immerdar gewähren
Als ihr verdient habt an mir.
Nun hat mein Kleid nicht solche Zier, (258, 10)
Als da ihr mich zuerst ersaht.
Herr, wenn ihr mir nicht genaht
Wäret zu derselben Zeit,
So hätt ich Ehre sonder Streit."

   Da sprach er: "Frau, bedenkt es wohl, (258, 15)
Wer euern Unmut dulden soll.
Nimmer ward (so viel ich weiß)
Euch noch andrer Frau mit Fleiß
Schande zugefügt von mir
(Es wär mir selber keine Zier), (258, 20)
Seit ich den Schild zuerst gewann
Und auf Waffentaten sann.
Doch ist mir euer Kummer leid."
Sie ritt in solcher Traurigkeit,
Die Tränen netzten ihre Brüste (258, 25)
Anmutig wie an einer Büste:
Sie standen hoch und blank und weiß;
Sie könnte keines Drechslers Fleiß
Schöner bilden sicherlich.
War sie gleich so minniglich,
Sie musst' ihn doch erbarmen. (259, 1)
Mit den Händen, mit den Armen
Begann sie sich zu decken
Vor Parzival dem Recken.

   Da sprach er: "Herrin, nehmt um Gott, (259, 5)
Denn ich biet es ohne Spott,
An euern Leib mein Überkleid."
"Herr, und wär das außer Streit,
Dass all mein Glück daran hinge,
Doch wagt' ich nicht, dass ichs empfinge. (259, 10)
Wollt ihr uns Tötens machen frei,
So reitet schnell an mir vorbei:
Obwohl ich minder meinen Tod
Beklagen würd als eure Not."
"Frau, wer nähm uns das Leben? (259, 15)
Das hat uns Gottes Macht gegeben.
Und heischt' es auch ein ganzes Heer,
So stünd ich doch für uns zu Wehr."

   Sie sprach: "Es heischts ein werter Degen:
Der ist so tapfer und verwegen, (259, 20)
Dass eurer Sechs ihn nicht bestreitet:
Mir ist leid, dass ihr hier bei mir reitet.
Ich bin einmal sein Weib gewesen;
Jetzt taugte mein erkümmert Wesen
Des Helden Dirne nicht zu sein; (259, 25)
So schuf er mir mit Zürnen Pein."
Da hub er zu der Frauen an:
"Sagt an, wer ist bei euerm Mann?
Denn flöh ich jetzt nach euerm Rat,
Das däucht' euch selber Missetat.
Wenn ich einst fliehen lerne, (260, 1)
So sterb ich wohl so gerne."

   Da sprach die bloße Herzogin:
"Ich bin hier ganz allein um ihn:
Das hilft euch nicht, wenn Streit sich hübe." (260, 5)
Nichts als Hadern und die Schiebe
War an der Frauen Hemde ganz.
Bei Armut trug sie den Kranz
Weiblicher Zucht in Blüte.
Sie pflag so einer Güte, (260, 10)
Dass aller Falsch an ihr verschwand.
Er verstrickte der Finteilen Band,
Den Helm er mit den Schnüren,
Zum Kampf ihn zu führen,
Auf dem Haupt zurechte rückte. (260, 15)
Das Ross, das sich bückte,
Schrie dem Pferde zu mit lautem Schall.
Der da ritt vor Parzival
Und vor der bloßen Frauen,
Vernahms, und wollte schauen (260, 20)
Wer bei seinem Weibe ritte.
Das Ross mit Zornessitte
Warf er herum mit aller Kraft.
Mit vorgelegtem Lanzenschaft
Hielt der Herzog Orilus (260, 25)
Zur Tjost bereit, mit festem Schluss
Und rechter mannlicher Wehr.
Von Gahevieß war sein Speer:
Die Farben zeigt' er oft genug,
Die er auch in seinem Wappen trug.

   Seinen Helm wirkte Trebüschet. (261, 1)
Der Schild war zu Toled,
In König Kailetens Land,
Geschmiedet diesem Wiegand;
Rand und Buckel hatten Kraft. (261, 5)
Zu Alexandrien in der Heidenschaft
War gewirkt ein Pfellel gut,
Davon der Herzog hochgemut
Trug so Kleid als Wappenrock.
Seine Decke war zu Tenabrock (261, 10)
Aus harten Ringen geschaffen.
Sein Stolz war sichtbar in den Waffen.
Der Eisendecke Bezug
War ein Pfellel, man schlug
Ihn an, dass er nicht wohlfeil wär. (261, 15)
Ihm waren reich udn doch nicht schwer
Hosen, Halsberg, Härsenier.
In manches Eisenschillier
War gewappnet dieser kühne Mann,
Gewirkt zu Bealzenan, (261, 20)
In der Hauptstadt von Anschau.
Die Kleider dieser bloßen Frau
Glichen seinen nicht in Stoff und Schnitt,
Die hinter ihn so traurig ritt,
Und es leider jetzt nicht besser hatte. (261, 25)
Von Soissons war die Harnischplatte;
Sein Ross war von Brumbane
De Salwäsch bei der Montane;
In einer Tjost Roi Lähelein
Erwarb es da, der Bruder sein.

   Parzival war auch bereit: (262, 1)
Galoppierend ritt er in den Streit
Gegen Orilus de Lalander.
Auf dessen Schilde fand er
Einen Wurm, als ob er lebte. (262, 5)
Ein andrer Drache schwebte
Auf seinen Helm gebunden;
Drachen wurden auch gefunden
Goldgetrieben, zierlich klein
(Mit manchem kostbaren Stein (262, 10)
War ein jeder ausgeschmückt,
Von Rubin ihm Augen eingedrückt)
Auf dem Helm und auf dem Kleid.
Den Anlauf nahmen da weit
Die beiden Helden unverzagt. (262, 15)
Von keinem ward erst widersagt,
Da sie der Treu schon ledig waren.
Da sah man in die Lüfte fahren
Starke Splitter von den Schäften.
Mein Ehrgeiz käm zu Kräften, (262, 20)
Hätt ich solche Tjost gesehn
Wie hier die Märe lässt geschehn.

   Da ward in vollem Lauf geritten
Und eine neue Tjost gestritten.
Sich gestand Frau Jeschute (262, 25)
Nie sah die Tjost so gute.
Die hielt da, rang die Hände;
Die freudenlos elende
Gönnte beiden keinen Schaden.
Man sah in Schweiß die Rosse baden.
Sie wollten beide Preis erringen. (263, 1)
Den Glanz der blitzenden Klingen,
Das Feur, das aus den Helmen sprang
Bei manchem kräftigen Schwang,
Sah man leuchten fern und nah. (263, 5)
Die besten Kämpfer waren da
Im Kampf zusammen gekommen,
Mög es schaden, möge frommen
Den Kühnen Kampf erfahren.
Wie bereit die Rosse waren, (263, 10)
Darauf sie beide saßen,
Des Sporns sie nicht vergaßen,
Noch des Schwertes von lichtem Stahl,
Preis verdient hier Parzival,
Dass er sich also wehren kann (263, 15)
Vor hundert Drachen und dem Mann.

   Ein Drache wurde versehrt,
Mit mancher Wunde beschwert:
Der auf Orilus Helme lag.
So durchleuchtig, dass der Tag, (263, 20)
Hindurch warf seinen vollen Schein,
Stob nieder mancher Edelstein.
Das geschah zu Ross und nicht zu Fuß.
Jeschuten ward des Mannes Gruß
Wieder erobert mit dem Schwert (263, 25)
Durch diesen Degen kühn und wert.
Die Ringe vor den Knien zerstoben,
Da sie so oft einander schoben,
Ob sie gleich von Eisen waren.
Sie wussten kampflich zu gebahren.

   Dem einen reizt' es den Zorn, (264, 1)
Dass seiner Frauen wohl geborn
Jüngst Gewalt war geschehn,
Die ihn zum Vogt doch hatt ersehn;
Ihm ist ihr Schutz und Schirm verliehn. (264, 5)
Er wähnt', ihr weiblicher Sinn
Hätte sich von ihm gekehrt,
Also dass sie hätt entehrt
Keuschheit und Reine
IN verbotenem Vereine. (264, 10)
Das verzieh er ihr nicht;
Auch erging sein Gericht
So über sie, dass größre Not
Kein Weib noch litt, bis auf den Tod,
Und alles doch ohn ihre Schuld, (264, 15)
Er durft ihr freilich seine Huld
Versagen, wenn er wollte;
Niemand ihn hindern sollte,
Da der Mann des Weibes Meister ist.
Doch unser Held, der das vergisst, (264, 20)
Jeschuten mit dem Schwerte
Orilusens Huld begehrte.
Sonst pflegt mans gütlich zu erbitten;
Doch er vergaß der Schmeichelsitten.
Unrecht haben beide nicht. (264, 25)
Der was krumm ist und was schlicht
Erschuf, der möge beiden
Den Kampf so gnädig scheiden,
Dass es ohne Tod ergehe;
Sie tun doch sonst sich wehe.

   Nun stieg der Kampf zur Härte. (265, 1)
Sie wehrten mit dem Schwerte
Kühn den Preis einander.
Dük Orilus de Lalander
Stritt nach früh erlernten Sitten. (265, 5)
Wo hat ein Mann so viel gestritten?
Er hatte Kunst genug und Kraft;
Drum war er manchmal sieghaft
Geworden, wie es heut auch ging.
Das gab ihm Mut: Er umfing (265, 10)
Den jungen starken Parzival.
Doch der ergriff auch ihn zumal
Und hob ihn aus dem Sattel so:
Wie eine Garbe Haferstroh
Hatt er ihn untern Arm geschwungen: (265, 15)
Schnell war er von dem Ross gesprungen
Und drückt' ihn über einen Klotz.
Da ließ besiegt von seinem Trotz,
Der solcher Not war ungewohnt:
"Du büßest, dass so übel lohnt (265, 20)
Dieser Frau dein blöder Zorn.
Sieh, nun bist du verlorn,
Wenn du ihr deine Huld nicht schenkst."
"Das geht so schnell nicht als du denkst,"
Sprach der Herzog Orilus: (265, 25)
"Noch zwingt mich nichts zu solchem Schluss."

   Parzival der werte Degen
Drückt' ihn, dass des Blutes Regen
Aus dem Helm kam gesprungen.
Da war der Fürst bezwungen,
Man mochte viel von ihm erwerben: (266, 1)
Er wollte doch nicht gerne sterben.
Der Held zu Parzival begann:
"Weh, du kühner starker Mann,
Wie verdient' ich solche Not, (266, 5)
Durch dich zu sterben den Tod?"

   "Ich will dich gern lassen leben,"
Sprach Parzival, "doch musst du geben
Dieser Frauen deine Huld."
"Das tu ich nimmer: Ihre Schuld (266, 10)
Ist so, dass man sie nie verzeiht.
Sie war so reich an Würdigkeit;
Die hat sie selber gekränkt
Und mich in tiefes Leid gesenkt.
Ich leiste was du sonst begehrst, (266, 15)
Wenn du das Leben mir gewährst.
Das war mir sonst von Gott verliehn;
Nun bracht es deine Kraft dahin,
Dass ichs danke deinem Preise."
So sprach der Fürst, der weise. (266, 20)

   "Mein Leben kauf ich teur von dir,
In zweien Landen trägt die Zier
Der Königskrone würdiglich
Mein Bruder, reicher viel als ich.
Nimm dir, welches dir gefällt, (266, 25)
Dass ich dem Tod nicht sei gesellt.
Ich bin ihm leib, er löset mich
Wie ichs bedinge gegen dich.
Auch nehm ich dann mein Herzogtum
Von dir. Dein preislicher Ruhm
Erwarb hier neue Würdigkeit. (267, 1)
Nur erlass mir, Degen kühn im Streit,
Diesem Weibe hold zu werden:
Alles magst du sonst auf Erden
Mir gebieten immerhin. (267, 5)
Mit der entehrten Herzogin
Will ich nicht versöhnt mich sehn,
Mag mir was da will geschehn."

   Parzival mit hohem Mut
Sprach: "Leute, Land, noch fahrend Gut, (267, 10)
Nichts kommt dir zu Gute hier,
Es sei denn, du gelobest mir
Gen Britannien zu fahren,
Und die Reise länger nicht zu sparen
Zu einer Magd: Die schlug um mich (267, 15)
Ein Mann, ich räch es sicherlich,
Wenn Sie's nicht wehrt: Das ist geschworen.
Du sollst dem Mägdlein wohlgeboren
Sichern und meinen Gruß ihr sagen:
Wo nicht, so wirst du hier erschlagen. (267, 20)
Artus und seinem Ehgemahl,
Bringe meinen Gruß zumal:
Sie lohnen meinen Dienst damit,
Wenn sie ihr vergüten, was sie litt,
Dazu will ich schauen, (267, 25)
Dass du verzeihst dieser Frauen
Ohn Arglist und Gefährde,
Sonst musst du statt zu Pferde
Auf einer Bahre hinnen reiten,
Willst du mirs widerstreiten.
Merk das Wort und tu die Werke; (268, 1)
Deine Hand mirs eidlich bestärke."
Da sprach der Herzog Orilus
Zu Parzival mit Verdruss:
"Mag dem niemand widerstreben, (268, 5)
So leist ichs, denn ich will noch leben."

   In der Furcht für ihren Mann
Jeschute dachte kaum daran,
Dass noch zu scheiden wär der Streit:
Ihr war des Feindes Kummer leid. (268, 10)
Parzival ihn aufstehn ließ,
Da er Verzeihung ihr verhieß.
Der Bezwungne sagte da:
"Frau, da dies um euch geschah,
Dass ich den Unsieg hab erlangt, (268, 15)
Wohl her, dass ihr den Kuss empfangt.
Mir geht viel Preis durch euch verloren:
Was tuts? Das hab ich auch verschworen."
Die Frau mit dem zerrissnen Kleid
War zum Sprunge schnell bereit (268, 20)
Von dem Pferd auf den Rasen.
Wie das Blut aus der Nasen
Noch den Mund ihm machte rot,
Sie küsst' ihn, als er Kuss gebot.

   Die dreie ritten unverwandt (268, 25)
Vor eine Klaus in selsger Wand,
Weil Parzival der König da
Eine Heiltumskapsel sah;
Ein bemalter Speer daneben lehnt.
Der Einsiedel hieß Trevrezent.

   Parzival getreu verfuhr: (269, 1)
Auf das Heiltum tat er diesen Schwur;
Er selber stabte sich den Eid
Und sprach: "Hab ich Würdigkeit -
Ob ich sie habe oder nicht, (269, 5)
Wer mit mir unterm Schilde ficht,
Der prüft wohl meine Ritterschaft.
Dieses Namens ordentliche Kraft,
Wie uns des Schildes Amt besagt,
Hat oftmals hohen Preis erjagt; (269, 10)
Es ist auch noch ein hoher Nam.
Ich aber will verzagter Scham
Stets vor aller Welt verfallen,
Und meinen Preis verlieren allen.
Diesen Worten steh mein Glück zu Pfand (269, 15)
Vor der allerhöchsten Hand;
Ich zweifle nicht, die trage Gott.
Mög ich denn Verlust und Spott
In beiden Leben stets empfangen
Durch seine Kraft, wenn sich vergangen (269, 20)
Hat diese Frau, da sichs begab,
Dass ich ihr nahm den Fürspann ab;
Noch führt' ich Goldes mehr hindann.
Ich war ein Thor und noch kein Mann,
Zu klugen Sinnen nicht gediehn. (269, 25)
Ich sah die weinen und sich mühn,
Vor Jammer schwitzt' ihr all der Leib:
Sie ist wahrlich ein unschuldig Weib.
Ich nehm es nimmermehr zurück;
Zu Pfande stell ich Ehr und Glück.
So lasst sie denn unschuldig sein. (270, 1)
Seht, gebt ihr hin ihr Ringelein;
Ihr Fürspann wurde so vertan,
Meine Thorheit sah man wohl daran."

   Die Gab empfing der Degen gut. (270, 5)
Da strich er von dem Mund das Blut
Und küsste sie, sein Herzenstraut;
Auch bedeckt' er ihre bloße Haut.
Ihr schob der Degen auserkannt
Das Ringlein wieder an die Hand (270, 10)
Und legt' ihr an sein Überkleid.
Das war von teuerm Pfellel, weit,
Und von Heldeshand zerhauen.
Noch selten hab ich Frauen
Wappenröcke sehen tragen, (270, 15)
Die im Streite so zerschlagen.
Ihr Ruf hat auch nicht oft Turnei
Gesammeliert, noch Speer entzwei
Gebrochen, wo es sollte sein.
Der gute Knapp und Lämbekein (270, 20)
Wüssten besser wohl Bescheid.
So ward die arme Frau befreit.

   Der Herzog Orilus begann
Zu Parzival dem kühnen Mann:
"Held, mir schafft dein freier Eid (270, 25)
Große Freud und kleines Leid.
Die Niederlage, die ich litt,
Macht mich alles Kummers quitt.
Wohl mit Ehren darf ich nun
Der werten Frau genüge tun,
Die ich aus meiner Huld verstieß. (271, 1)
Als ich die süße einsam ließ,
Wars Ihre Schuld, was ihr geschehn?
Doch weil sie sprach, du wärst so schön,
So wähnt' ich, wäre mehr dabei. (271, 5)
Gott lohn dir, sie ist Falsches frei:
Ich hab ihr Unrecht getan.
Aus dem Wald zu Briziljan
Ritt ich dir nach durch jeune Bois."
Parzival nahm den Speer von Troyes (271, 10)
Und führt' ihn mit sich hindann.
Den vergaß der wilde Taurian,
Dodines Bruder, dort.
Nun sprecht, wie und an welchem Ort
Übernachten wohl die Helden? (271, 15)
Von Helm und Schilden kann ich melden,
Man sah sie ganz verhauen.
Parzival nahm von der Frauen
Urlaub und von ihrem Herrn.
Der edle Herzog nähm ihn gern (271, 20)
Mit sich an seine Feuerstatt:
Es half ihm nicht, wie viel er bat.

   Die beiden Degen schieden hier,
So sagt die Aventüre mir.
Als Orilus der werte Held (271, 25)
Wieder heimkam an sein Zelt,
Wo er sein Jagdgesinde fand,
Die Freud in aller Augen stand,
Dass ihr Herr versöhnt erschien
Mit der leibreichen Herzogin.

   Das blieb nun länger nicht gespart: (272, 1)
Orilus entwappnet ward;
Auch wusch er Rost sich ab und Blut.
Er nahm die Herzogin gut,
Sie an die Sühnstatt zu geleiten; (272, 5)
Zwei Bäder ließ er auch berieten.
Da lag Frau Jeschute
Weinend bei ihm, die gute,
Vor Freude, nicht von Leideswegen,
Wie noch wohl gute Frauen pflegen. (272, 10)
Auch ist das Sprichwort vielen kund:
Weinende Augen, süßer Mund.
Davon zu sagen wäre noch viel,
Die Lieb ist Freud und Jammers Ziel.
Wer der Liebe Freud und Qualen (272, 15)
Legt in verschiedne Wagschalen,
Hielt' er ewig sich am wägen,
So ists, so bleibt es allerwegen.

   Zur Sühne kams hier sicherlich;
Dann gingen sie und badeten sich. (272, 20)
Zwölf klare Jungfrauen
Mochte man bei ihr schauen,
Die sie gepflegt, seit sie den Mann
Ohne Schuld zum Feind gewann.
Sie teilten Nachts ihr Decken mit, (272, 25)
Wie bloß sie oft am Tage ritt.
Sie jetzt zu baden, freute sie.
Wollt ihr nun gerne hören (wie
Orilus des inne ward)
Aventüre von Artusens Fahrt?

   So begann ein Ritter ihm zu sagen: (273, 1)
"Auf einem Plan sind aufgeschlagen
Tausend Zelte, wo nicht mehr.
Artus, der reiche König hehr,
Den die Briten nennen ihren Herrn, (273, 5)
Lagert dort, von uns nicht fern,
Mit wonniglicher Frauen viel;
Eine Meile fern ist uns das Ziel.
Da ist auch von Rittern großer Schall.
Sie liegen den Plimizöl zu Tal (273, 10)
Dies- und jenseits vom Gestade."
In Eil fuhr aus dem Bade
Orilus der Herzog froh;
Er und Jeschute taten so:

   Die süße Herrin wohlgetan (273, 15)
Ging zu seinem Bett heran
Aus dem Bad: Sie hatten frohe Zeit.
Sie verdiente wohl ein besser Kleid
Als lange ward der Armen.
Mit engem Umarmen (273, 20)
Gab Minne freudigen Gewinn
Dem Herzog und der Herzogin.
Die Fürstin zogen Jungfraun an;
Die Rüstung brachte man dem Mann.
Jeschutens Kleid war wohl zu loben. (273, 25)
Vögel gefangen auf dem Kloben
Die zwei mit Freuden aßen,
Die vor dem Bette saßen.
Frau Jeschute manchen Kuss
Empfing; den gab ihr Orilus.

   Da brachte man der Fraue wert (274, 1)
Ein schönes starkes Zelterpferd;
Gezäumt ists und gesattelt wohl.
Man hebt sie drauf, die reiten soll
Von hinnen mit dem Kühnen. (274, 5)
Sein Ross trug Eisenschienen,
Wie er es heut im Streit geritten.
Das Schwert, mit dem er früh gestritten,
Vorn vom Sattel nieder hing.
Von Haupt zu Fuß gewappnet ging (274, 10)
Der Herzog zu dem Pferde hin
Und sprang drauf vor der Herzogin.
Eh er mit ihr fuhr hindann,
Gebot er seinem ganzen Bann
Gen Laland heimzukehren; (274, 15)
Nur ein Ritter sollt ihn lehren
Wo König Artus weile;
Sein harrn das Volk derweile.

   Sie waren Artus schon so nah,
Dass man seine Zelte sah (274, 20)
Am Wasser prangen nicht mehr fern:
Da ward der Ritter von dem Herrn
Zurückgesandt, der ihn geleitet.
Frau Jeschute nur begleitet
Ihn als Gesind, und niemand mehr. (274, 25)
Artus der reiche König hehr
War nach dem Essen
Auf einem Plan umsessen
Von der Tafelrunder Reihe.
Orilus der Falschesfreie
Kam da in ihren Kreis geritten; (275, 1)
Sein Helm, sein Schild war so verschnitten,
Man sah da keiner Zierde Mal:
Die Schläge schlug ihm Parzival.

   Vom Rosse sprang der kühne Mann; (275, 5)
Frau Jeschute hielt es an.
Mancher Junker näher sprang;
Um ihn und sie war großer Drang:
"Lasst uns der Rosse pflegen."
Orilus der werte Degen (275, 10)
Legt' aufs Gras des Schildes Scherben
Und begann nach ihr, der sein Werben
Galt, zu fragen allzuhand.
Inneware de Laland
Ward ihm gezeigt, wo sie saß, (275, 15)
Die nichts an edler Zucht vergaß.

   Gewappnet er so nahe ging,
Dass ihn das Königspaar empfing.
Er ging und brachte Sicherheit
Seiner Schwester, der schönen Maid. (275, 20)
Bei den Drachen am Gewand
Hatte sie ihn gleich erkannt.
Sie sprach: "Du bist der Bruder mein,
Orilus oder Lähelein.
Nicht nehm ich eure Sicherheit: (275, 25)
Ihr wart mir beide stets bereit
Zu jedem Dienste, der mir Not.
Ich wär an aller Treue tot,
Sollt ich wider euch kriegen,
Mich selbst um Zucht betriegen."
Der Herzog kniete vor der Magd. (276, 1)
Er sprach: "Du hast wahr gesagt:
Dein Bruder Orilus bin ich.
So zwang der rote Ritter mich,
Dir Sicherheit zu geben: (276, 5)
So erkauft ich mir das Leben.
Nimm sie an: So tu ich nur
Was ihm verheißen hat mein Schwur."
Sie empfing die Treu in weiße Hand
Des, der trug den Serpant, (276, 10)
Und gab ihn frei. Als das geschah,
Aufstehend sprach der Kühne da:

   "Nun zwingt die Treue mich zu klagen:
O weh, wer hat dich geschlagen?
Deine Schläge tun mir auch nicht wohl: (276, 15)
Wird es Zeit, dass ich sie rächen soll,
So sieht, wer Lust hat, es zu sehn,
Mir sei groß Leid daran geschehn.
Auch hilft der kühnste Mann mirs klagen,
Den je ein Mutterschoß getragen: (276, 20)
Der nennet sich der Ritter rot.
Herr König, Frau Königin, er entbot
Euch seine Dienste williglich;
Und meiner Schwester sonderlich.
Ihr lohnt ihm seinen Dienst damit, (276, 25)
Ihr zu vergüten, was sie litt.
Auch hätt ichs sicherlich genossen
Bei dem Helden unverdrossen,
Wüsst er, wie nahe sie mir steht,
Und mir ihr Leid zu Herzen geht."

   Keie erwarb da neuen Hass, (277, 1)
Von Rittern, Fraun und wer da saß
Am Gestad des Plimizöl.
Gawan und Jofreit, Fils Idöl,
Und von dessen Not ihr höret eh, (277, 5)
Der gefangne König Klamide
Und sonst noch mancher werte Mann
(Deren Namen ich wohl nennen kann,
Doch will ich es nicht längen),
Sah man sich um sie drängen. (277, 10)
Ihr Dienst ward höfisch angenommen.
Jeschute musste näher kommen
Auf ihrem Pferd, wo sie noch saß.
Der König Artus nicht vergaß,
Und sein Weib die Königin, (277, 15)
Sie gingen grüßend zu ihr hin.

   Von Frauen mancher Kuss geschah.
Zu Jeschuten sprach Herr Artus da:
"König Lach von Karnant,
Euer Vater, war mir so bekannt, (277, 20)
Dass ich euern Kummer klagte,
Als man davon mir sagte.
Auch sied ihr selbst so wohlgetan:
Wie tat der Freund euch solches an?
Denn euer minniglicher Glanz (277, 25)
Erwarb zu Kanedig den Kranz:
Weil ihr trugt der Schönheit Krone
Ward der Sperber euch zum Lohne,
Er ritt auf eurer Hand hindann.
Was Orilus mir auch getan,
Euch gönnt ich nicht des Leids Beschwer, (278, 1)
Und gönne sie euch nimmermehr.
Mir ist leib, dass ihr versöhnet seid
Und wieder herrliches Kleid
Tragt nach eurer großen Not." (278, 5)
Sie sprach: "Herr, das vergelt euch Gott:
So wird auch euer Preis gemehrt."
Jeschuten und den Herzog wert
Nahm da mit sich an der Hand
Frau Kunneware de Laland. (278, 10)

   In des Kreises Befang,
Wo ein Brunnen laut entsprang,
War ihr Pavillon zu schauen:
Da schlug ein Wurm die Klauen
Halb um einen Apfelknauf. (278, 15)
Vier Seile zogen den Drachen auf,
Als ob er lebend flöge,
IN die Luft das Zelt ihr zöge.
Der Fürst erkannt es an dem Bild:
Er trugs in seinem Wappenschild. (278, 20)
Entwappnet ward er in dem Zelt;
Die süße Schwester bot dem Held
Ehre sattsam und Gemach.
All das Ingesinde sprach,
Des roten Ritters Kraft und Mut (278, 25)
Sei zum höchsten Preise gut.

   So sprach man unverhohlen.
Kei bat Kingraun verstohlen,
Orilus zu dienen an seiner Statt.
Er konnt es wohl, den er da bat,
Denn er hatt es oft getan (279, 1)
Vor Klamide zu Brandigan.
Warum er selbst den Dienst vermied?
Weil ihm einst sein Unstern riet
Des Fürsten Schwester hart zu schlagen: (279, 5)
Drum musst er solchem Dienst entsagen.
Auch wollt ihm nicht die Schuld verzeihn
Das wohl geborne Mägdelein.
Doch schickt' er Speise hin genug:
Kingraun sie Orilusen trug. (279, 10)

   Kunnewar, die löblich weise,
Schnitt dem Bruder seine Speise
Mit ihrer blanken linken Hand.
Frau Jeschute von Karnant
Bei ihm bescheiden saß und aß. (279, 15)
Artus der König nicht vergaß,
Er kam hin wo beide saßen,
Freundlich beisammen aßen.
Er sprach:" Dient man euch übel hie,
Mein Wille sicher war es nie. (279, 20)
Ihr aßt noch keines Wirtes Brot,
Der es mit besserm Willen bot:
Das ist sicherlich wahr.
Nun sollt ihr, Frau Kunnewar,
Eures Bruders gütlich pflegen; (279, 25)
Gute Nacht leih Gottes Segen."
Da ging Artus zur Ruhestätte;
Orilusen wurde solch ein Bette,
Dass Frau Jeschute bei ihm lag
Geselliglich bis an den Tag.

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