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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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IV. Kondwiramur

In Gedanken an die schöne Liaße überlässt sich Parzival seinem Pferde, das ihn in einem Tage von Graharz in das Königreich Brobarz trägt, dessen Hauptstadt Pelrapär von einem feindlichen Heere belagert und ausgehungert wird. Da er seine Dienste anbietet, wird er eingelassen und der Königin Kondwiramur, der Tochter Tampentärs, vorgestellt, welcher er, nach Grunemans Rat, unnützes Fragen zu meiden, stumm gegenüber sitzt, bis sie selber das Schweigen bricht. Ihre Oheime, Kiot und Manfilot, die nach Schoifianens Tod sich des Schwerts begeben haben und als Einsiedler befriedet im Gebirge wohnen, versprechen ihr einige Lebensmittel zu schicken. In der Nacht schleicht sich die Königin an Parzivals Bett, weckt ihn mit ihren Tränen, und klagt ihm, wie Klamide, König von Brandigan und Iserterre, und sein Seneschall Kingron, ihr Land verheert, ihr Volk erschlagen hätten, sie aber lieber sterben wolle, als sein Weib werden, zumal Klamide auch Schenteflur, ihren Verlobten, Liaßens Bruder, getötet habe. Am Morgen besiegt Parzival den Seneschall und nötigt ihm das Versprechen ab, sich Kunnewaren, jener an Artusens Hof seinethalb von Keie gemisshandelten Jungfrau, als Gefangener zu gestellen. Der Sieger wird von den Belagerten, denen der Sturm nun auch Lebensmittel in den Hafen verschlägt, der Königin zugeführt, die  ihn umarmt, und keines anderen Weib zu werden gelobt. Das Beilager wird vollzogen, er lässt sie aber Magd, obgleich sie sich sein Weib wähnt. Erst in der dritten Nacht gedenkt er der Lehren seiner Mutter und des alten Gurnemans und umfängt sie minniglich. Klamide vernimmt seines Seneschalls Besiegung, und versucht, während jener den König Artus in seinem Jagdhause Karminal antrifft, die Stadt mit Sturm zu nehmen. Die Bürger wehren sich mit nieder stampfenden Baumstämmen und zerstören sein Belagerungswerkzeug durch griechisches Feuer. Als auch die Hoffnung verschwindet, Pelrapär durch Hunger zu zwingen, fordert Klamide den Gemahl der Königin zum Zweikampf, in welchem auch er gezwungen wird, sich als Kunnewarens Gefangener zu Artus zu begeben, den er zu Dianasdron beim Pfingstfeste findet. Nach einiger Zeit nimmt Parzival Urlaub von Kondwiramur, um nach seiner Mutter zu sehen, wohl auch um Abenteuer aufzusuchen.


   So schied von dannen Parzival,
Der mit Freuden nun zumal
Ritters Kleid und Sitte führte, (179, 15)
O weh, nur dass ihn rührte
Manche unsüße Strenge.
Ihm war die Weite zu enge,
Und auch die Breite gar zu schmal,
Alle Grüne däucht ihn fahl, (179, 20)
Sein roter Harnisch däucht ihn blank:
So tät sein Herz den Augen Zwang.
Seit er der Einfalt ledig ward,
Da wollt ihm Gahmuretens Art
Sehnsucht nicht erlassen (179, 25)
Nach der schönen Liaßen,
Dieser tugendreichen Maid,
Die ihm mit Geselligkeit
Ehre geboten ohne Minne.
Wohin sein Ross zu laufen sinne,
Er kann den Zügel nicht gehaben (180, 1)
Vor Leid, mags springen oder traben.

   Kreuzen und umhegter Flur,
Tiefer Wagengleise Spur
Blieb sein Waldweg ungesellt: (180, 5)
Er ritt auf ungebahntem Feld,
Wo wenig Wegerich stand.
Ihm war nicht Berg noch Tal bekannt.
Man hört den Spruch in Weit und Breite:
Wer irre geh oder reite, (180, 10)
Der sei des Schlegels Finder.
Schlegel fänd ein Blinder
In solchem Wald nicht selten,
Wenn für Schlegel Knorren gelten.

   Dennoch ritt er wenig um. (180, 15)
Auf geradem Weg, nicht krumm,
Kam er des Tages von Graharz
In das Königreich Brobarz
Durch Gebirge wild und hoch.
Da schon der Tag zum Abend bog, (180, 20)
Kam er an ein Wasser schnell
Und von Geplätscher laut und hell:
Die Felsen schickten es einander.
Er ritt daran herab. Da fand er
Die Stadt zu Pelrapäre, (180, 25)
Die der König Tampentäre
Vererbt hatte seinem Kind,
Bei der viel Leute traurig sind.

   Schnell fuhr das Wasser wie ein Bolz,
Der wohl geschnitten ist von Holz,
Wenn ihn der schwanken Sehne Drang (181, 1)
Gefiedert von der Armbrust schwang.
Eine Brücke drüber hing,
An die einst mancher Holzstoß ging;
Darunter floss der Strom ins Meer. (181, 5)
Pelrapär stand wohl zur Wehr.
Wie Kinder schaukelnd sich vergnügen,
Die sich auf Schaukeln dürfen wiegen,
So fuhr die Brück hinauf, hinunter;
Vor Jugend war sie nicht so munter. (181, 10)

   Auf jener Seite stunden,
Die Helme aufgebunden,
Dreißig Ritter oder mehr.
Sie riefen alle: "Komm nur her."
Mit aufgehobnen Schwerten (181, 15)
Die Schwachen Kampf begehrten.
Sie wähnten, es wär Klamide,
Den sie oft gesehen eh,
Da so kühnlich der Held
Zur Brücke ritt auf breitem Feld. (181, 20)

   Da sie so den jungen Mann
Mit lauten Stimmen riefen an,
Ob der dem Ross die Sporen gab,
Die Brücke scheut' aus Furcht sein Trab.
Den Verzagtheit immer floh, (181, 25)
Der sprang herab und führte so
Sein Ross hin auf die Brücke schwank.
Eines Zagen Mut wär allzu krank,
Um in solcher Fahr zu gehn;
Auch galt es wohl sich vorzusehn:
Er fürchtete des Rosses Fall. (182, 1)
Nun schwieg auch jenseits der Schall.
Die Ritter trugen wieder ein
Helm und Schild, der Schwerter Schein;
Auch verschlossen sie ihr Tor (182, 5)
Besorgt, es zög ein Heer davor.

   Es zog hinüber unser Held,
Und kam geritten an ein Feld,
Wo mancher seinen Tod erkor,
Der um Ruhm den Leib verlor (182, 10)
Vor der Pforte bei dem Saal,
Der hoch und prächtig war zumal.
Einen Ring er an der Pforte fand,
Den rührt' er kräftig mit der Hand.
Seines Rufens nahm doch niemand wahr (182, 15)
Als eine Jungfrau schön und klar:
Aus einem Fenster sah die Magd
Den Ritter halten unverzagt.

   Da sprach das züchtge Mägdlein gut:
"Seid ihr mit feindlichem Mut (182, 20)
Gekommen, Herr, des ist nicht Not,
Da uns Hass genug schon bot
Ohne euch zu Land und Meer
Ein ergrimmtes starkes Heer."
Da sprach er: "Frau, hier hält ein Mann, (182, 25)
Der euch dient, wenn ich kann.
Euer Gruß nur sei mein Sold;
Ich bin euch dienstbereit und hold."
Da ging die Magd mit klugem Sinn
Hin vor ihre Königin.
Und schuf, dass sie ihn ließen ein, (183, 1)
Der ihnen wandte hohe Pein.

   So ward er eingelassen.
Rechts und links der Straßen
Stand das Volk in dichter Schar, (183, 5)
Das zur Wehr gekommen war:
Schleudrer und Schiffssoldaten,
Die in langem Zuge nahten,
Scharfschützen auch in großer Zahl.
Bei ihnen sah er zumal (183, 10)
Viel verwegener Sarjande,
Der Besten aus dem Lande,
Mit langen starken Lanzen,
Geschliffenen und ganzen.
Da war auch, hat mir kund getan (183, 15)
Die Märe, mancher Kaufmann
Mit Beilen und mit Gabilot,
Wie es ihre Zunft gebot.

   Das Volk war dürr und schmächtig all.
Der Königstochter Marschall (183, 20)
Führt' ihn durch die dichte Schar
Auf den Hof, was mühsam war.
er war zur Wehr beraten:
Türm über Kemenaten,
Wichhäuser, Erker, Söller auch (183, 25)
Waren da so viel im Brauch,
Er sah im Leben wohl nicht mehr.
Da kamen allwärts Ritter her,
Die ihn begrüßten und empfingen;
Einige ritten, andre gingen.
Auch war die jämmerliche Schar (184, 1)
All wie Asche grau fürwahr
Oder wie ein falber Leim.
Mein Herr, der Graf von Wertheim,
Wär ungern Landsknecht da gewesen: (184, 5)
Wie möcht er bei dem Sold genesen?

   Ihnen schuf der Mangel Hungersnot.
Sie hatten Käse, Fleisch noch Brot,
Sie ließen Zähnstochern sein;
Sie schmalzten wohl auch selten Wein (184, 10)
Mit dem Munde, wenn sie tranken.
Die Wänste ihnen niedersanken;
Hochschlanke Hüften hatte jeder;
Eingeschrumpft wie ungrisch Leder
Auf ihren Rippen lag die Haut; (184, 15)
Der Hunger hatt ihr Fleisch verdaut.
Dem Mangel waren sie befohlen,
Ihnen troff es selten in die Kohlen.
Sie zwang hiezu ein werter Mann,
Der stolze König von Brandigan, (184, 20)
Weil vergebens Klamide geworben.
Nicht oft verschüttet noch verdorben
War der Met hier in der Kanne.
Keine Truhendinger Pfanne
Mit Krapfen hörte man erschrein, (184, 25)
Ihnen schuf der Misslaut selten Pein.

   Wollt ich ihnen das verdenken,
Das hieße wohl mich selber kränken,
Denn wo ich oft bin eingekehrt,
Und wo man mich als Herren ehrt,
Daheim in meinem eignen Haus (185, 1)
Freut auch sich selten eine Maus.
Die Maus muss ihre Speise stehlen;
Die braucht man nicht vor mir zu hehlen,
Ich finde keine offen. (185, 5)
Zu oft hat das betroffen
Mich Wolfram von Eschenbach,
Zu erdulden solch Gemach.

   Meiner Klage ward genug vernommen;
Nun mag die Märe wieder kommen, (185, 10)
Wie Pelrapär stand Jammers voll:
Da gab das Volk von Freuden Zoll.
Die der Treue sich ergeben,
Die Helden mussten spärlich leben;
Doch Mannheit wars, die das gebot. (185, 15)
Erbarmen sollt euch ihre Not,
Denn ihr Leben steht zu Pfand,
Sie löse denn die höchste Hand.

   Hört mehr noch von den Armen:
Sie sollten euch erbarmen. (185, 20)
Sie empfingen rot vor Scham
Den edeln Gast, der ihnen kam.
Sie sahn, er war so reich und wert:
Aus Notdurft hatt er nicht begehrt
Herberge hier zu solcher Zeit: (185, 25)
Er kannte nicht ihr tiefes Leid.

   Ein Teppich ward gespreitet,
Wo gestützt war und geleitet
Eine schattenreiche Linde.
Da entwappnet' ihn das Gesinde.
Viel andre Farb er bald gewann, (186, 1)
Da er des Eisens Rost hindann
Wusch mit klarem Bronnen.
Schier hätt er da der Sonnen
Überstrahlt den lichten Glast; (186, 5)
Drum däucht er sie ein werter Gast.
Man bot ihm einen Mantel gleich,
Geschnitten aus demselben Zeuch
Wie der Rock, den er zuvor getragen.
Wildneu roch der Pelz am Kragen. (186, 10)

   Sie sprachen: "Wollt ihr schauen
Die Köngin, unsre Frauen?"
Da sprach der Ritter zu den Herrn,
Ja, er sähe sie wohl gern.
Sie gingen zu des Saales Tor (186, 15)
(Es führten Stufen viel empor),
Dass ihn ein leiblich Antlitz grüße,
Künftig seiner Augen Süße.
Von der Königstochter ging
Ein Lichtglanz, eh sie ihn empfing. (186, 20)

   Von Katelangen Kiot
Und der werte Manfilot
(Die beide Herzoge sind)
Brachten ihres Bruders Kind,
Dieses Landes Königin. (186, 25)
Sie hatten Gott zu Liebe hin
Gegeben Harnisch, Schild und Schwert.
Da gingen die Fürsten wert,
Blühend, ob von Haaren grau,
Und brachten ihm des Landes Frau
Mit Zucht bis an die Tür entgegen. (187, 1)
Da küsste sie der werte Degen;
Die Munde waren beide rot.
Die Königin die Hand ihm bot:
Ein führte sie Herrn Parzival; (187, 5)
Sie setzten nieder sich zumal.

   Die Frauen und die Ritterschaft
Hatten alle schwache Kraft,
Die da saßen oder stunden.
Die Freude war verschwunden (187, 10)
Dem Gesinde wie der Wirtin.
Kondwiramur die Königin
Hat zwar ihr Liebreiz ausgeschieden,
Denn Jeschuten und Eniden
Und Kunnewaren de Lalant, (187, 15)
Und die man je preiswürdig fand,
Wo es Frauenschöne galt,
Die überschien sie mit Gewalt,
Und der Isalden Lob, der beiden.
Ja, man muss den Preis bescheiden (187, 20)
Ihr allein, Konwiramor:
Die trug den wahren beau korps;
Das heißt im Deutschen: Schöner Leib.
Jedwede war ein nütze Weib,
Die uns die zwei gebaren, (187, 25)
Die hier beisammen waren.
Da taten alle, Weib und Mann,
Nichts, als dass sie spähend sahn
Auf die zwei beieinander,
Viel gute Freunde fand er.

   Der Gast gedachte, höret wie: (188, 1)
"Liaße ist dort, Liaße ist hie.
Will Gott der Sorgen mich entbinden?
Soll ich Liaßen wieder finden,
Das Kind des werten Gurnemans?" (188, 5)
Doch war Liaßens Schönheitsglanz
Nichts gegen sie, die vor ihm saß,
An der Gott keinen Wunsch vergaß.
Also saß des Landes Frau,
Wie erquickt von süßem Tau (188, 10)
Die Ros aus zarter Hülle
Hebt frischen Schimmers Fülle,
Der zumal ist weiß und rot;
Das schuf dem Gaste große Not.
Inne hatt er Zucht so ganz, (188, 15)
Seit der werte Gurnemans
Ihn von seiner Einfalt schied
Und ihm Fragen widerriet,
Außer wo es nötig wär -
Bei der Königin hehr (188, 20)
Saß er stumm und ohne Wort,
Und saß doch nah, nicht ferne dort.
Doch sieht man manchen Rede sparen,
Der mehr zu Frauen ist gefahren.

   Da sprach die Königin bei sich: (188, 25)
"Dieser Mann verschmähet mich,
Ich bin ihm nicht schön genug.
Nein, er tut dran wohl klug:
Er ist Gast, ich Wirtin hier,
Die erste Rede ziemte mir.
Er hat mich gütlich angeschaut, (189, 1)
Seit wir hier sitzen ohne Laut,
Und seine Zucht wohl offenbart:
Meine Red ist all zu lang gespart:
Hier soll nicht mehr geschwiegen sein." (189, 5)
Zu dem Gaste sprach das Mägdelein:

  "Weil ich als Wirtin reden muss -
Mir erwarb ein Kuss, Herr, euern Gruß:
Auch habt ihr Dienst mir angetragen,
So hört ich eine Jungfrau sagen: (189, 10)
Das tat uns selten noch ein Gast;
Drum trägt mein Herz der Sorge Last.
Herr, ich hätte gern vernommen,
Von wannen ihr hieher gekommen?"
"Frau, ich ritt am frühen Tage (189, 15)
Von einem Mann, den ich in Klage
Ließ; der trägt der Treue Kranz;
Des Fürsten Nam ist Gurnemans:
Von Graharz ist er genannt,
Von dort ritt ich in dieses Land." (189, 20)

   Dawider sprach die werte Magd:
"Herr, hätt es anders wer gesagt,
Ich würd ihm schwerlich zugestehn,
Es sei in einem Tag geschehn.
Mein schnellster Bote mochte jagen, (189, 25)
Doch ritt ers nicht in zweien Tagen.
Seine Schwester war die Mutter mein,
Eures Wirtes. Seiner Tochter Schein
Bleicht sich wohl auch vor Ungemach.
Wir haben manchen sauern Tag
Mit nassen Augen verklagt, (190, 1)
Ich und Liaße die Magd.
Schenkt ihr euerm Wirte Huld,
So nehmt vorlieb hier in Geduld
Wie wir hier lange, Weib und Mann: (190, 5)
Ihr dienet ihm zugleich daran.
Ich will euch unsern Kummer klagen:
Wir müssen bittern Mangel tragen."

   Da sprach ihr Oheim Kiot:
"Frau, ich send euch zwölf Laib Brot, (190, 10)
Schultern und Schinken drei;
Acht Käse liegen auch dabei
Und zwei Legel mit Wein.
So soll euch auch der Bruder mein
Heute steuern; wohl ists Not." (190, 15)
Da sprach der Herzog Manfilot:
"Ich send euch, Frau, wie er gesagt."
Da saß in Freuden da die Magd:
Sie dankte, die so viel gelitten.
Sie nahmen Urlaub und ritten (190, 20)
Zu ihrem Siedelhause.
In der Wildnis lag die Klause,
Wo die Alten saßen ohne Wehr;
Sie hatten Frieden vor dem Heer.

   Ihr Bote kam zurück getrabt: (190, 25)
Da ward das schwache Volk gelabt.
Verzehrt war all der Bürger Kost:
Nur diese Speise war ihr Trost.
Doch lag vor Hunger mancher tot,
Eh ihm ward von diesem Brot.
Das verteilte nun das Mägdelein, (191, 1)
Dazu die Käse, Fleisch und Wein,
An ihr Volk, das Hungersmatte,
Wie Parzival geraten hatte.
Kaum ein Schnittchen blieb den zwein: (191, 5)
Sie teilten ohne Zank sich drein.

   Der Vorrat war bald verzehrt
Und manchem Tod damit gewehrt,
Den noch der Hunger leben ließ.
Dem Gaste man nun betten hieß (191, 10)
Sanft, wie ich wohl glauben will.
Wären die Bürger Federspiel,
So überkröpfte man es nicht:
Wohl bezeugt's ihr Tischgericht.
Sie waren all von Hunger fahl (191, 15)
Bis auf den jungen Parzival.

   Zum Schlafgang nahm er Urlaub.
Waren seine Kerzen Schaub?
Nein besser wars damit bestellt.
Da ging der junge blühnde Held (191, 20)
An ein Bette schön und reich,
Einem königlichen gleich,
Nicht nach der Armut Brauch bereitet;
Ein Teppich lag davor gebreitet;
Er bat die Ritter heimzugehn (191, 25)
Und ließ sie da nicht lange stehn.
Ihn entschuhten Kinde, er entschlief,
Bis ihn der wahre Jammer rief
Und lichter Augen Herzensregen:
Die weckten bald den werten Degen.

   Das kam wie ich euch sagen will; (192, 1)
Mitnichten brachs der Weibheit Ziel.
Stete Keuschheit trug die Magd,
Von der hier manches wird gesagt.
Ihr zwang des langen Krieges Not (192, 5)
Und der lieben Helfer Tod
Das Herz in solches Ungemach,
Ihre Augen blieben wach:
Da ging die reiche Königin
(Nicht zu solcher Lust Gewinn, (192, 10)
Die aus Mädchen Frauen macht
Unversehns in einer Nacht),
Sie suchte Hilf und Freundes Rat.
Sie trug auch wahrlichen Staat:
Ein Hemd von weißer Seide fein. (192, 15)
Wie könnte streitbarer sein,
Wenn sie zum Manne geht, ein Weib?
Auch schwang die Frau um ihren Leib
Von Samt einen Mantel lang:
Sie ging wie sie der Kummer zwang. (192, 20)

   Jungfrauen und Geleiterinnen,
So viele bei ihr lagen drinnen,
Die ließ sie schlafen allzumal.
Da schlich sie leis, ohn allen Schall,
Zu einer Kemenaten. (192, 25)
Der Köngin war verraten,
Dass Parzival alleine lag.
Von Kerzen hell wie der Tag
War es vor seiner Schlafstatt.
Zu seinem Bette geht ihr Pfad,
Auf den Teppich kniet sie sich. (193, 1)
Sie hatten beide sicherlich,
Er noch auch die Königin,
Verbuhlte Minne nicht im Sinn.
Anders ward hier geworben: (193, 5)
An Freuden verdorben
War die Magd; sie zwang der Gram.
Ob er sie nicht zu sich nahm?
Weigern kann ers leider nicht;
Doch geschahs nach Vorbericht, (193, 10)
Und mit so bedungnem Frieden,
Dass sie im Bett geschieden
Die Glieder nicht zusammen brachten;
Des sie auch wenig gedachten.

   Der Jungfrau Jammer war so groß, (193, 15)
Dass manche Zähre nieder floss
Auf den junge Parzival.
Der hörte ihres Schluchzens Schall:
Da wacht' er auf: Als er sie sah,
Lieb und Leid geschah ihm da. (193, 20)
Sich erhob der junge Mann
Und zu der Königin begann:
"Herrin, bin ich euer Spott?
Knien sollt ihr nur vor Gott.
Geruht, und setzt euch zu mir her (193, 25)
(Das war sein Bitten und Begehr),
oder legt euch wo ich lag
Und lasst mich bleiben wo ich mag."
Sie sprach: "Wollt ihr euch ehren,
Mir solche Zucht bewähren,
Nicht zu rühren meine Glieder, (194, 1)
Leg ich mich zu euch nieder."
Den Frieden gab er feierlich:
Da barg sie in das Bette sich.

   War es gleich schon späte, (194, 5)
Da war kein Han, der krähte.
Die Hahnenbalken standen ledig,
Keinem Huhne war der Mangel gnädig.
Das Fräulein unter Jammerslast
Frug mit Zucht den werten Gast: (194, 10)
"Wollt ihr hören meine Klage?
Ich fürchte, wenn ichs sage,
Euch flieht der Schlaf: Es tut euch weh.
Mir hat der König Klamide
Und Kingraun sein Seneschant (194, 15)
Verwüstet Burgen und Land
Bis gen Pelrapäre.
Mein Vater Tampentäre
Ließ mich arme Wais im Tod
In einer schrecklichen Not. (194, 20)
Vettern, Fürsten, mancher Mann,
Reich und Arm, mir untertan
War ein kräftiges Heer:
Die sind erstorben in der Wehr
Halb, wo nicht die größte Zahl. (194, 25)
Wes tröst ich Arme mich einmal?
Ich bin gekommen an das Ziel,
Dass ich mich selber töten will,
Eh ich Magdtum und Leib
Ergebe und Klamides Weib
Werde: Seine Hand erschlug (195, 1)
Mir Schentefluren, der da trug
Im Herzen ritterlichen Preis,
Der Mannesschön' ein blühend Reis:
Alle Falschheit mied er gar, (195, 5)
Der Liaßens Bruder war."

   Da Liaße ward genannt,
Neuer Kummer war gesandt
Dem dienstbereiten Parzival.
Sein hoher Mut fiel in ein Tal; (195, 10)
Liaße gab ihm den Gewinn.
Da sprach er zu der Königin:
"Sagt, Frau,, wie man euch tröste."
"Herr, wenn man mich erlöste
Von Kingraun dem Seneschant. (195, 15)
Er fällte mir mit seiner Hand
IN der Tjost viel Ritter nieder.
Nun kommt er morgen wieder
Und wähnt, sein Herr solle warm
Liegen in meinem Arm. (195, 20)
Ihr habt wohl meinen Saal geschaut:
Wie hoch der ist empor gebaut,
Lieber spräng ich in den Graben,
Eh Klamide sollt haben
Mit Gewalt mein Magdtum: (195, 25)
So wollt ich wehren seinem Ruhm."

   Da sprach er: "Herrin, sei Kingron
Franzose oder Breton,
Mir gilt gleichviel aus welchem Land,
Wehren soll euch meine Hand
So gut ich es vollbringen mag." (196, 1)
Die Nacht war hin, nun kam der Tag.
Aufstand die Königin mit Neigen:
Sie wollt ihm nicht den Dank verschweigen.
Hin schlich sie wieder leise. (196, 5)
Da war niemand so weise,
Der ihres Gehens ward gewahr
Als Parzival der Degen klar.

   Der schlief nicht länger mehr darnach.
Die Sonne klomm zur Höhe jach: (196, 10)
Ihr Schimmer durch die Wolken drang.
Da lud zum Münster Glockenklang,
Wo sich mit Gott das Volk beriet,
Das Klamide von Freude schied.

   Da erhob sich auch der junge Mann. (196, 15)
Der Königstochter Kappelan
Sang Gott und seiner Frauen.
Da durft ihr Gast sie schauen
Bis gegeben ward der Segen.
Nach seiner Rüstung frug der Degen (196, 20)
Darin er bald gewappnet stund.
Wohl tat er Ritterstärke kund
Mit rechter mannlicher Wehr.
Da kam Klamides Heer
Mit manchem Banner gezogen. (196, 25)
Kingraun war voran geflogen
All dem übrigen Heer
Auf einem Ross von Iserterre;
So hab ich vernommen.
Vors Tor war auch gekommen
Fils dü Roi Gahmuret; (197, 1)
Mit ihm der Bürger Gebet.

   Dies war sein erster Ritterstreit.
Er nahm den Anlauf wohl so weit,
Dass von seiner Tjoste Stoß (197, 5)
Beide Rosse wurden gürtellos.
Die Riemen brachen, nicht die Flechsen;
Die Rosse saßen auf den Hächsen.
Da durften die darauf gesetzen
Ihrer Schwerter nicht vergessen; (197, 10)
In den Scheiden wurden die gefunden:
Kingraun trug schon Wunden
Durch den Arm und in der Brust.
Gelehrt hatt ihn die Tjost Verlust
Alles Preises, des er durfte pflegen (197, 15)
Bis seine Hoffahrt schwand vor diesem Degen.
Hoch pries man seine Streitergaben:
Sechs sollt er abgeworfen haben,
Die zu ihm ritten auf ein Feld;
Doch so bezahlt' ihn unser Held (197, 20)
Mit seiner kraftreichen Hand,
Dass Kingraun dem Seneschant
Zu Mute ward in seinem Sinn,
Als ob ein Schleuderwerkzeug ihn
Mit schweren Würfen erreichte. (197, 25)
Ein andrer Streit wars, der ihn neigte:
Ein Schwert ihm durch den Helm erklang.
Parzival ihn niederzwang;
Er setzt' ihm auf die Brust ein Knie:
Da bot er ihm was er noch nie
Einem Mann geboten, Sicherheit. (198, 1)
Die wollte nicht sein Herr im Streit:
Er gebot, dass er Fianze
Brächte Gurnemanzen.

   "Nein, Herr, gib lieber mir zum Lohn (198, 5)
Den Tod. Ich schlug ihm seinen Sohn,
Schenteflurn nahm ich das Leben.
Viel Ehre hat dir Gott gegeben:
Wenn man künftig sagt von dir,
Wie du Kraft erwiesen hast an mir, (198, 10)
Da du mich hast bezwungen,
So ist dir wohl gelungen."

   Da sprach der junge Parzival:
"Ich will dir lassen andre Wahl:
Bring der Köngin Sicherheit, (198, 15)
Der dein Herr so hohes Leid
Hat getan in seinem Zorn."
"So wär ich sicherlich verlor'n:
Mit Schwertern schnitten sie mich klein
Den Stäubchen gleich im Sonnenschein: (198, 20)
Solch Herzeleid hab ich getan
Da drinnen manchem kühnen Mann."

   "So bringe denn von diesem Plan
Mit dir in das Land Bretan
Deine ritterliche Sicherheit (198, 25)
Einer Magd, die meinethalben Leid
Erlitt, das sie nicht hätt erlitten,
Wenn Kei bescheiden war von Sitten.
Sag ihr, was mir geschehe,
Dass sie mich nicht fröhlich sehe,
bis ich ihm den Schild durchsteche (199, 1)
Und ihre Unbill räche.
Artus und seinem Ehgemahl
Melde meinen Dienst zumal,
Und der ganzen Tafelrunde: (199, 5)
Nicht käm ich vor der Stunde,
Da ich der Schmach mich entschlage,
Die ich gesellig trage
Mit jener, die mir Lachen bot;
Sie kam damit in große Not. (199, 10)
Sag ihr, ich sei ihr Dienstmann,
Mit Dienst ihr dienstlich untertan."
Der andre sprach zu allem ja;
Die Helden man sich scheiden sah.

   Zu Fuß kam heim gegangen, (199, 15)
Da sein Ross war gefangen,
Der Trost der Bürgerschaft im Streit;
Sie wurde bald durch ihn befreit.
Entmutigt war das äußere Heer,
Da Kingraun in seiner Wehr (199, 20)
Erlitten hatte jähen Fall.
Die Innern führten Parzival
Zu ihrer jungen Königin.
Die empfing umarmend ihn:
Sie drückt' ihn fest sich an den Leib (199, 25)
Und sprach: "Ich werde nimmer Weib
eins Mannes auf der Welt,
Als den mein Arm umfangen hält."
Sie half, dass er entwappnet ward;
Ihr Dienst blieb nicht dabei gespart.

   Nach seiner großen Arbeit (200, 1)
War wenig Labsal bereit.
Ihm war die Bürgerschaft so hold,
Dass sie ihm Treue schwören wollt,
Ihr Herr, so hieß es, müss' er sein; (200, 5)
Die Köngin stimmte gern mit ein
Ihn zum Amis zu haben,
Da er solche Rittergaben
Im Streit bewährt mit kühnem Mut.
Zwei braune Segel auf der Flut (200, 10)
Sah man von der Brüstung Turm:
Die verschlug in ihren Hafen Sturm.
Um der Kiele Ladung stand es so,
Dass all die Bürger wurden froh,
Denn sie trugen nichts als Speise; (200, 15)
So fügt' es Gott, der weise.

   Sie stoben von den Zinnen
Den Raub zu gewinnen
Den Kielen zu, ein hungrig Heer.
Am Fleische trugen sie nicht schwer: (200, 20)
Wie die Läuber mochten fliegen,
Die magern, und sich biegen,
Nicht bauchsatt strotzend bis zum Kinn.
Der Marschall der Königin
Ließ den schiffen Frieden geben: (200, 25)
Er gebot bei Leib und Leben,
Niemand solle sie berühren.
Die Verkäufer ließ er führen
In die Stadt vor seinen Herrn.
Der bezahlte doppelt gern
Den Wert all ihrer Habe: (201, 1)
Ihnen schien das große Gabe.
Sie ließen ihre Ware teuer:
Den Bürgern troff es nun ins Feuer.

   Jetzt wär ich gerne Söldner hier, (201, 5)
Denn da trinket niemand Bier,
Sie haben Wein und Speise viel.
Da tat wie ich euch sagen will
Der edle Ritter Parzival.
Zuerst in Bissen klein und schmal (201, 10)
Teilt' er die Kost mit eigner Hand,
Zumal den Besten all im Land:
Er wollte Speise entwöhnte Mägen
Nicht Überfülle lassen tragen.
Sein Maß erhielt ein jeder so; (201, 15)
Si wurden seines Rates froh.
Zu Nacht beschied er ihnen mehr,
Der nicht zu lose war noch hehr.

   Ums Beilager frug man da:
Er und die Köngin sprachen ja. (201, 20)
So mäßig hielt er sich die Nacht,
Es würd ihm sicherlich verdacht
Bei mancher Frau in unsrer Zeit.
Dass sie so an Lüsternheit
Sitt und Zucht verlieren (201, 25)
Und doch sich gerne zieren!
Sie zigen Gästen keusche Sitte;
Doch wohnt in ihres Herzens Mitte
Das Widerspiel der Gebärde.
Dem Freunde heimliche Beschwerde
Schafft ihre Zärtlichkeit. (202, 1)
Sich selbst bezwingt zu jeder Zeit
Ein getreuer steter Mann,
De rauch der Frauen schonen kann.
Er denkt wohl, und es ist auch wahr: (202, 5)
"Um Minne sah mich manches Jahr
Diesem holden Weibe dienen;
Nun ist der Tag erschienen,
Da sie mir lohnt: Nun lieg ich hier.
Genügt auf ewig hätt es mir, (202, 10)
Wenn ich mit meiner bloßen Hand
Rühren durft an ihr Gewand.
Ließ' ich nun von edler Scheu,
So schien' ich selbst mir ungetreu.
Soll ich im Schlaf sie stören (202, 15)
Und uns beide so entehren?
Holde Kunde vor dem Schlaf
Vernimmt, wer Frauenkeusche traf."
So lag auch der Waleise,
Der sich fürchtet keiner Weise. (202, 20)

   Den man den roten Ritter hieß
Der Königin ihr Magdtum ließ;
Sie wähnte doch, sein Weib zu sein:
Ihr Haupt trug bei des Morgens Schein
Seiner Minne halb ein Band. (202, 25)
Da gab ihm magdlichem Sinn;
Längst war ihr Herz schon sein Gewinn.

   Sie waren beieinander so
In unschuldger Liebe froh,
Zwei Tage bis zur dritten Nacht. (203, 1)
Ans Umfangen hatt er oft gedacht,
Zumal es seine Mutter riet;
Gurnemans ihn auch beschied,
Dass Mann und Frau untrennbar sein: (203, 5)
Sie verflochten Arm und Bein.
Wenn ich euch berichten soll,
Ihm gefiel die Nähe wohl:
Den alten, immer neuen Brauch
Übten da die Beiden auch. (203, 10)

   Wohl war ihnen, war nicht weh.
Nun höret auch, wie Klamide,
Da er die Heerfahrt begann,
Unfrohe Botschaft gewann.
Einen Knappen hört' er sagen, (203, 15)
Des Rösslein Sporen wund geschlagen,
Dass auf dem Plan von Pelrapär
Ritterschaft geschehen wär
Scharf genug, von Heldenhand:
"Bezwungen ist der Seneschant; (203, 20)
Des Heeres Führer Kingron
Fährt zu Artusen dem Breton.
Das Kriegsheer liegt noch vor der Stadt
Wie scheidend er befohlen hat.
Euch und euerm Doppelheer (203, 25)
Steht noch Pelrapär zu Wehr.
Die Stadt verfischt ein Ritter wert,
Der anders nicht als Streit begehrt.
Von euern Söldnern hört ich Kunde,
Zu Hilfe von der Tafelrunde
Sei der Königin gesandt (204, 1)
Ither von Kukumerland.
Des Wappen zog für sie zu Feld,
Und ohne Tadel trugs der Held."

   Der König warf dem Knappen ein: (204, 5)
"Kondwiramur begehret mein,
Und ich will sie und auch ihr Land.
Kingraun mein Seneschant
Mir mit Wahrheit entbot,
Die Stadt bezwinge Hungersnot; (204, 10)
Mir aber werde zum Gewinn
Die Huld der werten Königin."

   Der Knapp erwarb da nichts als Hass;
Mit dem Heer der König zog fürbass.
Ein Ritter ihm entgegen ritt, (204, 15)
Der auch sein Ross mit Sporen schnitt:
Der sagt' ihm gleiche Kunde.
Klamide gewann zur Stunde
Einen unmutschweren Sinn:
Es däucht ihn großer Ungewinn. (204, 20)

   Ein Fürst sprach in des Königs Bann:
"Was Kingraun auch hat getan,
Uns vertrat er nicht im Streit,
Nur seine eigne Mannheit.
Sollen, wär er erschlagen, (204, 25)
Zwei Heere drum verzagen,
Dies und jenes vor der Stadt?"
Den Herrn er Mut zu fassen bat:
"Versuchen wir es noch einmal;
Und wehrt sich ihre Minderzahl,
Sie werden so von uns bekriegt, (205, 1)
Dass ihre Freude bald erliegt.
Freund' und Mannen sollt ihr mahnen,
Die Stadt bedrohn mit zweien Fahnen.
Wir mögen auf des Feldes Weiten (205, 5)
Zu Rosse wohl mit ihnen streiten;
ZU Fuße nahen wir den Thoren:
So ist ihr Übermut verloren."
Den Rat gab Galogandres,
Der Herzog von Gippones: (205, 10)
Die Bürger brachte der in Not;
Er fand auch vor der Stadt den Tod.
Mit ihm auch der Graf Narant;
Er war ein Fürst aus Uckerland;
Und von den Söldnern mancher Mann, (205, 15)
Den man erschlagne trug hindann.

   Nun höret andre Märe,
Wie die Bürger vor dem Heere
Schützten des Walles Räume.
Sie nahmen lange Bäume (205, 20)
Und stießen starke Stecken drein:
Das schuf den Stürmenden Pein,
Wenn die Stämme nieder hingen
An Seilen, die in Rädern gingen.
Das wurde alles fertig, eh (205, 25)
Zum Sturm heranzog Klamide
Nach des Marschalls übelm Abenteuer.
sie hatten griechisches Feuer
(Mit der Speise kam es in das Land):
Der Feinde Rüstzeug ward verbrannt,
Ihre Ebenhöhn, und Mangen, (206, 1)
Was auf Rädern kam gegangen,
Igel, Katzen und dergleichen,
Die mussten vor dem Feuer weichen.

   Kingraun indes, der Seneschant, (206, 5)
Kam zu Bretagne in das Land
Und traf den König Artus an
Im Jägerhaus in Briziljan,
Das hieß mit Namen Karminal.
Da tät er, wie ihn Parzival (206, 10)
Geheißen, der ihn dar gesandt:
Kunnewaren de Lalant
Bracht er seine Sicherheit.
Das Fräulein war hoch erfreut,
Dass so getreulich ihre Not (206, 15)
Zu Herzen nahm der Ritter rot.

   Die Mär ward allwärts bald vernommen.
Als vor den König war gekommen
Der bezwungne werte Mann,
Ihm und den Seinen sagt' er an, (206, 20)
Was Parzival durch ihn entbot.
Kei erschrak und wurde rot.
"Bist du es," sprach er, "Kingron?
Avoi, wie manchen Breton
Hat überwunden deine Hand, (206, 25)
Du Klamides Seneschant!
Mag mirs dein Sieger nie verzeihn,
Dein Amt soll dir Empfehlung sein.
Der Kessel ist uns untertan,
Mir hier, und dir zu Brandigan.
Hilf mir, dass Kunnewar die Magd (207, 1)
Um breite Krapfen dem Zorn entsagt."

   Er bot kein ander Schmerzengeld.
Wollt ihr nun hören, was im Feld
Vor Pelrapär geschehn sei? (207, 5)
Mit dem Heer zog Klamide herbei.
Da wurde bald zum Kampf geschritten:
Die Innern mit den Äußern stritten.
Sie hatten Trost und frische Kraft,
Man fand die Helden wehrhaft. (207, 10)
So behielten sie das Feld.
Ihr Landesherr, der junge Held,
Stritt den seinen weit vorauf;
Da standen alle Pforten auf.
Wenn er die Arme fechtend schwang, (207, 15)
Sein Schwert durch harte Helme klang.
Die Ritter, die er niederschlug,
Die fanden Marter genug:
Man stach mit Schwerterspitzen
Sie durch des Halsbergs Schlitzen. (207, 20)
Die Bürger taten Rachsucht kund
An manchem, der schon fährlich wund:
Drum wollt es Parzival nicht leiden;
Er schalt: Da mussten sie es meiden.
Zwanzig sie lebend fingen, (207, 25)
Eh sie aus dem Streite gingen.

   Parzival ward wohl gewahr,
Dass Klamide mit seiner Schar
Nicht kämpfte vor den Pforten
Vielmehr an andern Orten.
Da ritt der junge kühne Held (208, 1)
Hinaus auf ungebahntem Feld:
Die Stadt umreitend kam er da
Des Königs Heerfahne nah.
Seht, da holte Klamide (208, 5)
Schaden erst und Herzensweh.
So kühn die Bürger stunden,
Ihnen waren bald verschwunden
Die harten Schilde vor der Hand;
Auch Parzivals Schild verschwand (208, 10)
Von Schützen und von Schwerterschlägen.
Frommt' es wenig gleich die Degen,
Die Feinde mussten doch gestehn,
Dass sie nie kühnern Mann gesehn.
Galogandres die Fahne trug, (208, 15)
Das Heer ermahnt' er wohl genug:
An des Königs Seite lag er tot.
Klamide kam selbst in Not;
Ihm und den Seinen wurde weh:
Den Kampf verbot da Klamide. (208, 20)
Da hatte mutig sich verschafft
Des Sieges Preis die Bürgerschaft.

   Parzival der werte Degen
Ließ die Gefangnen wohl verpflegen
Bis an den dritten Morgen. (208, 25)
Das äußre Heer war in Sorgen.
Da ließ der junge Wirt bei Zeit
Die Gefangnen frei auf ihren Eid.
"Sobald ich Botschaft schicke,
Lieben Freunde, kehrt zurücke."
Man behielt nur ihre Eisenwehr: (209, 1)
Entwappnet kehrten sie ins Heer.

   Die Äußern sprachen, ob sie rot
Von Trünken waren: "Hungersnot
Trugt ihr dort, ihr Armen." - (209, 5)
"Nein, sparet das Erbarmen,"
Sprachen die gefangnen Helden,
"Sie haben Speise, lasst euch melden,
Lägt ihr hier noch ein volles Jahr,
Für sich und euch genug fürwahr. (209, 10)
Die Köngin hat den schönsten Mann,
Der jemals Schildesamt gewann.
Es ist gewiss von hoher Art,
Der aller Ritter Tugend schart."

   Da dies erhörte Klamide, (209, 15)
Da tat ihm erst sein Kummer weh.
Da schickt' er Boten in die Stadt
Und ließ entbieten: "Wen sich hat
Die Königin zum Mann genommen,
Wagt es der zum Kampf zu kommen, (209, 20)
Und hat sie ihn dafür erkannt,
Dass er sie selber und ihr Land
Mir im Kampfe dürfe wehren,
So biet ich Frieden beiden Heeren."

   Als das Parzival vernahm (209, 25)
Und ihm solche Botschaft kam,
Dass ein Zweikampf sollt entscheiden,
Der Unverzagte sprach mit Freuden:
"Meine Treue steh zu Pfand:
Im innern Heer rührt keine Hand
Sich um meinethalben mehr." (210, 1)
Zwischen dem Graben und dem äußern Heer
Ward geschlossen dieser Friede.
Da bewehrtens ich die Kampfesschmiede.

   Da bestieg der König von Brandigan (210, 5)
Ein gewappnet Kastilian,
Das hieß mit Namen Guverjorz;
Von seinem Neffen Grigorz,
Dem König von Ipotente,
Mit manchem reichen Präsente (210, 10)
Hatt es erhalten Klamide
Von Norden über den Uckersee.
Ihm bracht es Graf Narant daher,
Und tausend Söldner in der Wehr,
Nur den Schild nehm ich aus. (210, 15)
Ihnen war die Löhnung auch voraus
Gesichert bis ins vierte Jahr,
Spricht die Aventüre wahr.
Grigorz ihm sandte Ritter klug,
Fünfhundert: Jeglicher trug (210, 20)
Den Helm aufs Haupt gebunden,
Die im Kampfe furchtlos stunden.
Da hatte Klamides Heer
Pelrapär zu Land und Meer
So umsetzen und umlegen, (210, 25)
Die Bürger mussten Kummer hegen.

   Hinaus ritt Parzival der Held
Auf das entscheidende Feld,
Wo Gott bezeigen sollte,
Ob er ihm lassen wollte
Das Kind des Königs Tampentär. (211, 1)
Stolzlich fuhr der Held einher;
Doch bald aus dem Galopp entschloss
Zum vollsten Rennen sich das Ross.
Gewappnet wars für alle Not; (211, 5)
Von Samet eine Decke rot
Auf der eisernen lag.
An sich selber zeigt' er diesen Tag
Roten Schild und rotes Kleid.
Klamide begann den Streit. (211, 10)
Einen kurzen unbeschabten Speer
Bracht er zur Tjost daher,
Und nahm damit den Anlauf lang.
Guverjorz in Stößen sprang.
Wohl getiostieret ward (211, 15)
Von den beiden jungen ohne Bart,
Und sonder Falieren.
Von Leuten noch von Tieren
Geschah wohl nie so harter Kampf;
Von den müden Rossen stieg der Dampf. (211, 20)

   Sie hatten so gefochten,
Dass die Rosse nicht mehr mochten:
Sie stürzten von der Arbeit,
Zumal, nicht zu verschiedner Zeit.
Nun sah man beide mit Behagen (211, 25)
Den Helmen Feuer entschlagen;
Sie durften sich nicht lange ruhn:
Hier war vollauf für sie zu tun.
Die Schilde sah man so zerspellen,
Als ob da wer mit Federbällen
Spielend würfe in den Wind. (212, 1)
Doch spürte Gahmuretens Kind
Müdigkeit an keinem Gliede.
Da wähnte Klamide, der Friede
Wär gebrochen von der Stadt. (212, 5)
Seinen Kampfgenossen bat
Der Held, dass er sich selber ehre
Und den Mangen wehre.
Es gingen auf ihn Schläge schwer
Wie ein Mangenstein gewesen wär. (212, 10)
Ihm ward von Parzival entgegnet:
"Nicht Steine sind es, was hier regnet,
Dafür ist meine Treue Pfand.
Hättest du Frieden von meiner Hand,
Dir bräche nicht der Mangen Schwenkel (212, 15)
Haupt und Brust, dazu den Schenkel."

   Klamiden zwang Müdigkeit;
Die kam ihm noch zur Unzeit.
Wer Sieg verloren, Sieg gewonnen,
Das bringt der Kampf nun an die Sonnen. (212, 20)
Doch brachte Niederlage
Hier Klamide in Klage.
Zur Erde nieder gezückt,
Von Parzivals Hand gedrückt,
Schoss ihm Blut aus Ohr und Nasen; (212, 25)
Das färbte rot den grünen Rasen.
Das Haupt entblößt' ihm jener schier
Vom Helm und von dem Härsenier.
Entgegen sah dem Todesschlag
Der bezwungne Mann. Der Sieger sprach:
"Nun bleibt mein Weib wohl von dir frei: (213, 1)
Lerne jetzt was Sterben sei."

   "Nicht doch, kühner Degen wert,
Dir ist ja doch gemehrt
Der Preis schon dreißigfaltig, (213, 5)
Da du meiner bist gewaltig.
Wie kann der Ruhm dich höher tragen?
Nun mag Kondwiramur wohl sagen,
Dass ich der Unselge bin,
Und du erwarbst des Glücks Gewinn. (213, 10)
Du hast dein Land nun erlöst,
Wie der sein Schiff vom Riffe stößt:
Von hinnen trägts die Welle flott.
Meine Macht wird zu Spott;
Mannesstolz und hoher Sinn (213, 15)
Weicht von mir und fährt dahin.
Was helfe dir mein Sterben?
Ich muss doch Schande vererben
Auf alle Nachkommen.
Du hast Preis und Frommen: (213, 20)
Tust du mir mehr, das ist nicht Not.
Ich trage den lebendgen Tod,
Da ich von ihr geschieden bin,
Die das Herz mir und den Sinn
Mit Gewalt gefangen nahm, (213, 25)
Was mir doch nie zu Gute kam.
Nun muss dir sieglos meine Hand
Sie überlassen und ihr Land."

   Da gedachte dem Gott Sieg beschied,
Wie einst Gurnemans ihm riet,
Dass zu kühner Mannheit (214, 1)
Gezieme Barmherzigkeit.
Diesem Rate folgt' er nach;
Zu Klamide der Degen sprach:
"Dem Vater von Liaßen, (214, 5)
Ich will dirs nicht erlassen,
Dem bringe deine Sicherheit."
"Nein, Herr, dem hab ich Herzeleid
Getan: Ich schlug ihm seinen Sohn:
Da wägtest du mir übeln Lohn. (214, 10)
Wegen Kondwiramur
Focht mit mir Schenteflur;
Auch wär ich tot von seiner Hand,
Half mir nicht mein Seneschant.
Es hatt ihn in das Land Brobarz (214, 15)
Gurnemans de Graharz
Gesandt mit starken Heeres Kraft.
Da taten gute Ritterschaft
Neunhundert Ritter, die wohl stritten
Und geschiente Rosse ritten: (214, 20)
Fünfzehnhundert Söldner auch,
Gewappnet all nach Kriegsgebrauch,
Nur den Schild nehm ich aus:
Nur der Samen kam davon nach Haus,
So vernichtet' ich sein Heer; (214, 25)
Du nahmst mir jetzt der Helden mehr.
Ich muss Ehr und Freud entbehren:
Was willst du noch begehren?"

   "Ich will dich sanftre Wege weisen:
Fahre zu den Bretaneisen
(Kingraun ist vor dir hin geritten), (215, 1)
Zu König Artus dem Briten.
Dem sollst du Grüße von mir sagen.
Bitt ihn, dass er mir helfe klagen
Eine Schande, die ich dort gewann. (215, 5)
Mich lachte eine Jungfrau an:
Dass man die deshalb zerbläute,
Das reut mich wie mich nichts noch reute.
Sag ihr, es sei mir leid;
Bring ihr deine Sicherheit (215, 10)
Und leiste willig ihr Gebot,
Oder nimm von mir den Tod."

   "Soll dieses Urteil gelten,
Ich will es nicht beschelten,"
Sprach der König von Brandigan, (215, 15)
"Diese Fahrt wird getan."
Das gelobt' ihm eh er schied
Den seine Hochfahrt verriet.
Parzival der Weigand
Sein müdes Ross wieder fand. (215, 20)
Er hob den Fuß darnach nicht auf,
Ohne Stegreif sprang er drauf,
Dass umwirbelten mit Schall
Des zerhaunen Schildes Scherben all.

   Die Bürger hatten frohe Zeit; (215, 25)
Die Äußern nichts als Herzeleid
Und in allen Gliedern Weh.
Man brachte König Klamide
Hin wo seine Helfer waren.
Die Toten ließ er aufbahren
Und bringen zu des Grabes Rast. (216, 1)
Das Land räumte mancher Gast.
Der werte König Klamide
Ritt gen Löver an die See.

   Die von der Tafelrunde (216, 5)
Waren zu der Stunde
Versammelt in Dianasdron
Mit König Artus dem Breton.
Sag ich euch keine Lüge dran,
Zu Dianasdron der Plan (216, 10)
Musste Zeltstangen tragen
Mehr als im Spessart Stämme ragen.
So zahlreich war das Hofgelag
Womit Artus den Pfingstentag
Beging und all die Frauen. (216, 15)
Da waren auch zu schauen
Paniere viel und mancher Schild,
jeder mit eignem Wappenbild,
Vor manchem schön geschmückten Zelt.
Es nähme Wunder jetzt die Welt: (216, 20)
Wer könnte all die Zeltlachen
Solchem Heer von Frauen machen?
Da wähnt' auch jede Frau fürwahr,
Sie verlör den Preis der Schönheit gar,
Wenn sie nicht ihren Ritter hätte. (216, 25)
Kam ich selbst an solche Stätte
(Da waren so viel junge Herrn),
So brächt ich doch mein Weib nicht gern
In ein so groß Gemenge!
Ich scheue Volksgedränge.
Vielleicht, dass einer zu ihr spräche, (217, 1)
Dass ihn ihre Minne stäche,
Er könne nie gesunden:
Wenn sie heile seine Wunden,
Er woll ihr dienen ewiglich. (217, 5)
Mit ihr von dannen höb ich mich.

   Genug gesprochen ist von mir:
Nur hört, wie König Artus hier
Sein Zelt mit Schnüren hatt umzogen.
Davor mit Freuden ungelogen (217, 10)
Aß mit ihm das Ingesind,
Manch werter Mann zu Falschheit blind,
Und manche stolze Fürstin,
Die nichts als Tjoste trug im Sinn.
Sie schoss den Freund dem Feind entgegen: (217, 15)
Kam zu Schaden da der Degen,
So zart war ihr Gemüte,
Dass sie's vergalt mit Güte.

   Klamide der Jüngling,
Ritt mitten in den Zeltbering. (217, 20)
Verdecktes Ross, umstählten Leib
Sah an ihm Artusens Weib,
Doch Helm und Schild verhauen.
Das sahen all die Frauen,
Wie er zu Hofe war gekommen; (217, 25)
Ihr habt zuvor wohl schon vernommen
Wer zu solcher Fahrt ihn zwang.
Nun stieg er ab. Durch groß Gedrang
Musst er, eh er sitzen fand
Frau Kunnewaren de Lalant.

   Da sprach er: "Herrin, seid ihrs wohl, (218, 1)
Der ich willig dienen soll?
Zum Teile zwingt mich zwar die Not.
Euch entbietet Dienst der Ritter rot:
Eur Schimpf soll euch nicht grämen, (218, 5)
Er will ihn auf sich nehmen;
Auch lässt er's König Artus klagen.
Ihr wurdet seinethalb geschlagen.
Frau, ich bring euch Sicherheit,
So gebot der Sieger mir im Streit. (218, 10)
Gern leist ichs, wenn es euch gefällt.
Mein Leben war dem Tod verfällt."

   Kunneware de Lalant
Führt' ihn an der Eisenhand
Hin wo Frau Ginover saß, (218, 15)
Die ohne den König mit ihr aß.
Keie von dem Tisch erstund,
Da ihm die Märe wurde kund:
Sie kam ihm etwas ungelegen;
Kunnewaren freute sie dagegen. (218, 20)

   Da sprach er: "Frau, dass dieser Mann
Die Reise hat hieher getan,
Dazu hat ihn die Not bewogen;
Doch wähn ich, hat man ihn betrogen.
Ich war mit jener Prügeltracht (218, 25)
Euch zu bessern bedacht:
Zum Lohne wird mir euer Groll.
Jedoch, wenn ich euch raten soll,
Gönnt dem Ritter abzulegen;
Zu stehn verdrießt den Degen."

   Ihm ließ die Jungfraue zier (219, 1)
Lösen Helm und Härsenier.
Als man die von ihm streift' und band,
Klamide ward bald erkannt.
Auch sein Seneschant Kingron (219, 5)
Erkannt' ihn und erschrak davon.
Er sah den Herren überwunden:
Seine Hände wurden gewunden,
Sie begannen zu krachen
Gleich dürren Balkenspachen. (219, 10)

   Den Tisch zurück stieß zuhand
Klamides Seneschant.
Er frug den Herrn um neue Mär,
Und fand ihn aller Freuden leer.
Er sprach: "Ich bin zu Schaden geboren: (219, 15)
Mir ging solch herrlich Heer verloren:
Nimmer sog der Mutter Brust,
Der erlitten schmerzlichern Verlust.
Doch schmerzt mich meiner Leute Tod
Noch minder: Minnemangelsnot (219, 20)
Lästet auf mich solche Last,
Mir ist Freude fremde, Frohsinn Gast.
Kondwiramur macht mich greis.
Pontius Pilatus weiß
Nicht von solcher Höllenqual, (219, 25)
Der arme Judas nicht einmal,
Der unsern Heiland Jesus
Verriet mit treulosem Kuss.
Wie das ihr Schöpfer rächte,
Die Not ich tragen möchte,
Wär von Brobarz die Königin (220, 1)
Und ihre Huld mein Gewinn,
Dass ich sie sanft umfinge,
Wie es mir dann auch ginge.
Ihre Minne leider hofft nicht mehr (220, 5)
Der König von Iserterre.
Land und Volk von Brandigan
Mag stetes Leid davon empfahn.
Meines Oheims Sohn Mabonagrein
Litt auch dort zu lange Pein. (220, 10)
Nun bin ich, Artus, König hehr,
Geritten in dein Land hieher,
Bezwungen von Ritters Hand.
Du weist, dass dir  in meinem Land
Viel zu Leide ward getan. (220, 15)
Das vergiss nun, werter Mann,
Dieweil ich hier gefangen bin
Und gib dich solchem Hass nicht hin.
Kunneware, hoff ich, werde
Mich bewahren vor Gefährde, (220, 20)
Die meine Sicherheit empfing,
Als ich gefangen vor sie ging."
Artus verzieh ihm seine Schuld,
Der Vielgetreue schenkt' ihm Huld.

   Da erfuhr Weib und Mann, (220, 25)
Der König von Brandigan
Sei geritten vor das Zelt.
Da gabs ein Drängen auf dem Feld!
Es erscholl die Märe weit und breit.
Höflich um Geselligkeit
Bat der freudenlose Mann: (221, 1)
Ihr solltet, Frau, mich Herrn Gawan
Empfehlen, bin ichs anders wert;
Ich weiß wohl, dass ers selbst begehrt.
Euch ehrt er und den Ritter rot, (221, 5)
Wenn er leistet eur Gebot."
Artus bat seiner Schwester Sohn,
(Ohne das geschäh es schon),
Sich dem König freundlich zu erweisen.
Willkommen wurde da geheißen (221, 10)
Von der Tafelrunde Reihe
Der bezwungne Falschesfreie.

   Zu Klamide sprach Kingron:
"Weh, dass dich jemals ein Breton
Sah in seinem Haus bezwungen! (221, 15)
Mehr Reichtum als Artus errungen
Und mehr der Helfer hattest du,
Und deine Jugend dazu!
Muss Artus Preis dadurch empfangen,
Dass Kei im Zorn sich hat vergangen (221, 20)
An einer edeln Fürstin,
Die aus unschuldigem Sinn
Sich den mit Lachen hat erwählt,
Den man wahrlich ungefehlt
Mag krönen mit dem höchsten Preise! (221, 25)
Wohl wähnen jetzt die Bretaneise
Über allen andern hoch zu stehn;
Doch ohn ihr Zutun ists geschehn,
Dass in den Tod hier ward gesandt
Der König von Kukumerland,
Und dass mein Herr den Sieg ihm ließ, (222, 1)
Der schon jenen niederstieß.
Der Selbige bezwang auch mich
Ohne verhohlnen Schlich:
Man sah aus Helmen Feuer wehn, (222, 5)
In den Händen sich die Schwerter drehn."

   Da sprach die Tafelrunde,
Reich und Arm aus einem Munde,
Unrecht habe Kei getan.
Begnügen wir uns jetzt hieran (222, 10)
Und gehn zurück auf unsrer Spur.
Das wüste Land ward blühnde Flur,
Wo Parzival die Krone trug;
Da war auch Freud und Lust genug.
Gelassen hatte auf Pelrapär (222, 15)
Ihm sein Schwäher Tampentär
Licht Gestein und rotes Gold.
Das verteilt' er so, dass man ihm hold
Ward um seine Milde.
Paniere, neue Schilde (222, 20)
Sah man sein Land verzieren
Und fleißiglich turnieren
Ihn und all die Seinen.
Oft ließ die Kraft erscheinen
An seines Landes Grenzmark (222, 25)
Der junge Degen kühn und stark.
Da priesen für die beste
Stets seine Tat die Gäste.

   Nun hört auch von der Königin:
Wie käm ihr größerer Gewinn?
Die junge süße Werte (223, 1)
Hatte was ihr Herz begehrte.
Ihre Minen blühte wonniglich,
Nicht Wank noch Wandel zeigte sich.
Sie hat des Mannes Wert erkannt; (223, 5)
Jedweder an dem andern fand:
Er war ihr lieb, sie ihm noch mehr.
Wenn nun melden soll die Mär,
Dass sie sich mussten scheiden,
So wächst Leid ihnen beiden. (223, 10)
Auch dauert mich das werte Weib:
Ihr Volk, ihr Land, ja Seel und Leib
Schied seine Hand von großer Not;
Dagegen sie ihm Minne bot.

   Eines Morgens sprach der Werte, (223, 15)
Dass es mancher Ritter hörte:
"Mags euch gefallen, Fraue,
so erlaubt mir, dass ich schaue
Wie's ummeine Mutter stehe.
Ob ihr wohl sei oder wehe, (223, 20)
Das ist mir völlig unbekannt.
Ich treffe, reit ich in ihr Land,
Wohl auch Abenteuer an.
Wenn ich darin euch dienen kann,
So bleib ich eurer Minne wert." (223, 25)
So hatt er Urlaub begehrt.
Er war ihr lieb, die Märe sprichts,
Darum versagte sie ihm nichts.
Von allen seinen Mannen
Schied er allein von dannen.

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