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Wolfram von Eschenbach - Parzival

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III. Gurnemans

Das Vorwort enthält einen beschönigenden Widerruf dessen, was der Dichter in der Erbitterung wider eine, von den Frauen überhaupt zu Anfange dieses Abschnitts gesagt hatte: Es lebe nun kein Weib mehr, die wie Herzeleide die weltlichen Freuden um der himmlischen willen hingeben würde. Herzeleide hat sich, ihren Kronen entsagend, mit wenigen Leuten in die Wüste von Soltane zurückgezogen, wo sie ihren Knaben in bäurischer Einfalt erzieht und ihn sorgfältig vor aller Kunde des Rittertums zu bewahren sucht. Doch schnitzt er sich Bogen und Bolzen und schießt nach den Vögeln, deren Tod er gleichwohl beweint, weil ihr Gesang ihm die Brust schwellt. Da will die Mutter alle Vögel fangen und töten lassen; er aber bittet für sie und sie gedenkt, dass es auch Gottes Geschöpfe sind. Er fragt sie nach Gott und sie beschreibt ihn lichter als der Tag, und er sollte ihn anflehen, dagegen den schwarzen Höllenwirt so wie den Zweifel meiden. Er übt sich auch mit dem Wurfspieß und erlegt viel Wild. Einst begegnen ihm auf seiner Jagd vier Ritter in glänzenden Rüstungen, welche den Jungfernräuber Meljakanz verfolgen. Sie bescheiden  ihn aber, dass sie nur Ritter seien, und weisen ihn, da er auch Ritter zu werden verlangt, zu König Artus. Seinem Verlangen dahin kann die Mutter nicht widerstehen, sie gibt ihm aber Thorenkleider und Lehren auf den Weg, die er allzu wörtlich befolgt. Sein Abschied bringt ihr den Tod. Im Walde Briziljan kommt er zu Orilus prächtigem Gezelte, dessen Gemahlin Jeschute er, nach der Mutter Rat, Fingerring und Fürspann (Halsschmuck) raubt. Er findet Sigunen, mit dem eben von Orilus (von dem auch Galoes gefallen ist) erschlagenen Schionatulander. sie sagt ihm seinen Namen und weist ihn gen Bretagne. Ein Fischer, dem er den Fürspann schenkt, geleitet ihn bis in die Nähe von Nantes, der Hauptstadt des Artus. Mit einem Auftrag Ithers, des roten Ritters, kommt er an den Hof, wo sein Aufzug wie seine Schönheit alles in Verwunderung setzt. Kunneware, des Orilus Schwester, die nicht eher lachen wollte, bis sie den Ritter des höchsten Preises ersähe, lacht, und Antanor, der nicht eher reden wollte, bis sie lachte, bricht sein Schweigen. Beide werden von Keien gezüchtigt, welche Misshandlung Parzival zu rächen gedenkt. Mit dem Wurfspieß erschlägt er Itheren, und bemächtigt sich seiner Rüstung, die ihm Artus geschenkt hatte. So kommt er zu Gurnemans, dem Hauptmann der wahren Zucht (feinen höfischen Sitte), wo er seien kindische Einfalt ablegt. Gurnemans wünscht ihm seine Tochter zu vermählen, und entlässt ihn so ungern, als verlöre er in ihm den vierten seiner Söhne.


   Wer nun von Frauen besser spricht, (114, 5)
Fürwahr, ich hass ihn darum nicht;
Ich vernehme gern was sie erfreut.
Nur einer bin ich unbereit
Hinfort zu dienstlicher Treu,
ihr mein Zorn immer neu; (114, 10)
Ihr Fehltritt schafft mir Ungemach.
Ich bin Wolfram von Eschenbach,
Nicht unerfahren im Gesange,
Und halte fest wie eine Zange
Meinen Zorn wider ein Weib, (114, 15)
Denn sie hat mir Seel und Leib
Betrübt durch solche Missetat,
Sie zu hassen, anders ist kein Rat.
Trifft mich darum der andern Hass,
O weh, warum denn tun sie das? (114, 20)

   Sei mir auch ihr Hassen leid,
Es beweist doch ihre Weiblichkeit,
Da sich mein Mund versprochen hat,
Und mir selber Schaden tat;
Es geschieht auch wohl so leicht nicht mehr. (114, 25)
Doch mögen sie sich nicht zu sehr
Beeilen, mir das Haus zu stürmen:
Ich weiß nicht wehrlich zu schirmen.
Auch hab ichs nicht vergessen,
Ich kann noch wohl ermessen
Wie ihre Zucht und Sitte sei: (115, 1)
Wohnt einem Weibe Reinheit bei,
Deren Kämpe will ich sein,
Mich jammert herzlich ihre Pein.

   An der Krücke hinkt sein Ruhm, (115, 5)
Der das ganze Frauentum
Schmäht um seiner Frauen Schmach.
Die mich recht beachten mag,
Zugleich mit Schaun und Hören,
Die werd ich nicht betören. (115, 10)
Zum Schildesamt bin ich erkoren:
Sind Kraft und Mut an mir verloren -
Die mich um Sang will minnen,
Dünkt mich nicht kluger Sinnen.
Trag ich edler Frau Begehr (115, 15)
Mag ich nicht mit Schild und Speer
Erwerben ihrer Minne Sold,
So sei sie mir mit Nichten hold.
Es ist doch hoch genug gespielt
Wer mit Ritterschaft nach Minne zielt. (115, 20)

   Hieltens Frauen nicht für Schmeichelei,
Wohl fügt' ich hier noch manches bei
Und führte mit unzeitgem Wort
Die Aventür nicht weiter fort.
Wer deren Kunde will empfahn, (115, 25)
Der rechn es für kein Buch mir an:
Ich kenne keinen Buchstaben.
An Büchern mag wer will sich laben:
Diesen meinen Abenteuern
Sollen keine Bücher steuern.
Eh man sie hielte für ein Buch, (116, 1)
Lieber wär ich ohne Tuch
Nackt, wenn ich im Bade säße,
Des Büschels freilich nicht vergäße.


   So betrübt mir Seel und Leib, (116, 5)
Dass so manche heißet Weib.
Die Stimme lautet allen hell,
Doch viele sind zum Falle schnell,
Andre frei von falschem Wandel:
So teilt sich dieser Handel. (116, 10)
Dass die mit gleichem Namen prangen,
Das hat mein Herz mit Scham befangen.
Weibheit, dein ordentlicher Brauch,
Treue hielt und hält der auch.

   Viele sprechen, Armut (116, 15)
Sei zu keinem Dinge gut;
Wer sie um Treue will erleiden,
Der mag doch Höllenfeuer meiden.
Armut trug ein Weib um Treu:
Da ward ihr immer wieder neu (116, 20)
Im Himmelreich gegeben.
Nun werden Wenge leben,
Die jung der Erde Reichtum
Ließen um des Himmels Ruhm.
Ich kenne keinen, der das will, (116, 25)
Mann und Weib sind mir gleichviel,
Sie gleichen alle sich darin.
Frau Herzeleid die Königin
Floh ihren dreien Landen fern:
Sie trug der Freuden Mangel gern.
Aller Fehl so ganz an ihr verschwand, (117, 1)
Dass ihn nicht Ohr noch Auge fand.
Ein Nebel war ihr die Sonne;
Sie mied die weltliche Wonne.
Auch war die Nacht ihr wie der Tag, (117, 5)
Ihr Herz nur steten Jammers pflag.

   Sie zog sich vor des Grams Gewalt
Aus ihrem Land in einen Wald
In der Wildnis von Soltane;
Nicht um Blumen auf dem Plane: (117, 10)
Ihr Herz erfüllte Leid so ganz,
Sie kehrte sich an keinen Kranz,
Ob er rot war oder fahl.
Sie flüchtete dahin zumal
Des werten Gahmuretes Kind. (117, 15)
Leute, die da bei ihr sind,
Müssen reuten und pflügen.
Ihre Pflege konnte wohl genügen
Dem Sohn. Eh der Verstand gewann,
Rief sie ihr Volk zu sich heran, (117, 20)
Wo sie Mann und Weib zumal
Bei Leib und Leben anbefahl,
Dass von Rittern schwieg' ihr Mund:
"Denn würd es meinem Herzlieb kund
Was ritterliches Leben wär, (117, 25)
So hätt ich Kummer und Beschwer.
Nun legt die Zunge klug in Haft
Und hehlt ihm alle Ritterschaft."

   Allen Leuten schuf das Sorgen.
Der Knabe ward verborgen
In der Wüste von Soltan erzogen, (118, 1)
Um königlichen Brauch betrogen
Außer in dem einen Spiel:
Bogen und Bolzen viel
Schnitt er sich mit eigner Hand (118, 5)
Und schoss die Vögel, die er fand.

   Wenn er jedoch das Vöglein schoss,
Dem erst Gesang so hold entfloss,
So weint' er laut und strafte gar
Mit Raufen sein unschuldig Haar. (118, 10)
Sein Leib war klar und helle:
Auf dem Plan an der Quelle
Wusch er sich alle Morgen.
Nie meint' er sich geborgen
Bis ob ihm war der Vöglein Sang; (118, 15)
Die Süße ihm das Herz durchdrang:
Das dehnt' ihm seine Brüstlein aus.
Mit Weinen lief er in das Haus.
Die Köngin sprach: "Wer tat dirs an?
Du warst ja draußen auf dem Plan." (118, 20)
Da wusst er ihr kein Wort zu sagen.
So geht es Kindern noch in unsern Tagen.

   Solches macht' ihr viel zu schaffen.
Einst sah sie ihn nach Bäumen gaffen,
Davon der Vögel Lied erscholl. (118, 25)
Sie ward wohl inne, wie ihm schwoll
Von dem Gesang die junge Brust;
In seiner Art lag solch Gelust.
Frau Herzeleid trug den Vögeln Hass
Seitdem, sie wusste nicht um was:
Ihr Singen zu beschränken (119, 1)
Sandte sie Knecht' und Enken,
Vöglein mit Netz und Tangen
Zu würgen und zu fangen.
Die Vöglein waren gut beritten, (119, 5)
Sie haben den Tod nicht all erlitten:
Etliche blieben noch am Leben,
Die hört man neuen Sang erheben.

   Der Knabe sprach: "Bei eurer Huld,
Was gibt man wohl den Vöglein Schuld?" (119, 10)
Er erbat ihnen Frieden gleich zur Stund.
Seine Mutter küsst' ihn auf den Mund.
Sie sprach: "Was brech ich sein Gebot,
Der doch ist der höchste Gott?
Sollen Vöglein trauern meinethalb?" (119, 15)
Der Knappe sprach zur Mutter bald:
"Höre Mutter, was ist Gott?"
"Das sag ich, Sohn, dir ohne Spott:
Er ist noch lichter denn der Tag,
Der einst Angesichtes pflag (119, 20)
Nach der Menschen Angesicht.
Sohn, vergiss der Lehre nicht,
Und fleh ihn an in deiner Not,
Dessen Treu uns immer Hilfe bot.
Ein andrer heißt der Hölle Wirt, (119, 25)
Der schwarz Untreu nicht meiden wird:
Von dem kehr die Gedanken
Und auch von Zweifels Wanken."

   Seine Mutter unterschied ihm gar
Was finster ist, was licht und klar.
Dann eilt' er wohl waldein zu springen. (120, 1)
Das Gabilot auch lernt' er schwingen,
Womit er manchen Hirsch erschoss,
Davon der Mutter Haus genoss.
Ob man Grund sah oder Schnee, (120, 5)
Dem Wilde tät sein Schießen weh.
Hört aber fremde Märe:
Wenn er erschoss das schwere,
Einem Maultier wär die Last genug,
Die er unzerlegt nach Hause trug. (120, 10)

   Er kam auf seinem Waidegang
Eines Tages einer Hald entlang,
Und brach zum Blatten einen Zweig,
In seiner Nähe ging ein Steig:
Da vernahm er Schall von Hufschlägen: (120, 15)
Er begann sein Gabilot zu wägen.
"Was hab ich da vernommen?
Dass nun der Teufel kommen
Wollte grimm und zorniglich:
Ich bestünd ihn sicherlich. (120, 20)
Meine Mutter Schrecken von ihm sagt:
Mich dünkt, sie ist auch zu verzagt."

   So stand er da in Streits Begehr.
Seht, da traben dortenher
Drei Ritter in der Rüstung Glanz (120, 25)
Von Haupt zu Fuß gewappnet ganz.
Der Knappe wähnte sonder Spott
Jeglicher wär ein Herregott.
Wohl stand er auch nicht länger hie,
Er warf sich in den Pfad aufs Knie,
Mit lauter Stimme rief er gleich: (121, 1)
"Hilf Gott, Du bist wohl hilfereich!"

   Der Vordre zürnte drum und sprach
Als ihm der Knapp im Wege lag:
"Dieser täppische Waleise (121, 5)
Wehrt uns schnelle Weiterreise."
Ein Lob, das wir Bayern tragen,
Muss ich von Waleisen sagen:
Sie sind täppischer als Bayrisch Heer
Und leisten doch gleich tapfre Wehr. (121, 10)
Wen dieser Länder Eins gebar,
Wird der gefüg, ists wunderbar.

   Da kam einher galoppiert,
An Helm und Harnisch wohl geziert
Ein Ritter, welchem Zeit gebrach: (121, 15)
Streitgierig ritt er denen nach,
Die ihm schon weit voraus gekommen.
Zwei Ritter hatten ihm genommen
Eine Frau aus seinem Lande:
Das däuchte diesen Schande. (121, 20)
Der Jungfrau Leid betrübt' ihn schwer,
Die erbärmlich ritt vor ihnen her.
Die Dreie sind ihm untertan.
Er ritt ein schönes Kastilian;
An seinem Schild war wenig ganz. (121, 25)
Er hieß Karnachkarnanz,
Le Comte Ulterleg.
Er sprach: "Wer sperrt uns hier den Weg?"
So fuhr er diesen Knappen an;
Dem schien er wie ein Gott getan:
Er sah noch niemals lichtre Schau. (122, 1)
Sein Wappenrock benahm den Tau.
Mit goldroten Schellen klein
Waren an jedwedem Bein
Ihm die Stegereif' erklängt (122, 5)
Und zu rechtem Maß gelängt.
Sein rechter Arm von Schellen klang,
Wenn er ihn rührt' oder schwang;
Er war von Schwertschlägen hell.
Der Degen war zur Kühnheit schnell. (122, 10)
Also diesen Wald durchstrich
Der Fürst gerüstet wonniglich.

   Aller Mannesschöne Blumenkranz,
Den fragte da Karnachkarnanz:
"Knapp, saht ihr hier vorüber fahren (122, 15)
Zwei Ritter, die nicht können wahren
Das Gesetz der Rittergilde?
sie tragen Raub im Schilde
Und sind an Würdigkeit verzagt:
Sie entführten eine Magd." (122, 20)
Was er auch sprach, doch hielt ihn noch
Der Knapp für Gott: So malt' ihn doch
Die Königin Frau Herzeleid,
Die vom lichten Schein ihm gab Bescheid.
Da rief er laut sonder Spott: (122, 25)
"Nun hilf mir, hilfreicher Gott."
Niederwarf sich zum Gebet
Le Fils dü Roi Gahmuret.
Da sprach der Fürst: "Ich bin nicht Gott;
Doch leist ich gerne sein Gebot.
Vier Ritter möchtest du hier sehn, (123, 1)
Wenn du besser könntest spähn."

   Der Knappe fragte fürbass:
"Du nennest Ritter: Was ist das?
Hast du keine Gotteskraft, (123, 5)
So sage, wer gibt Ritterschaft?"
"Die teilt der König Artus aus.
Junker, kommt ihr in sein Haus,
So mögt ihr Ritters Namen nehmen,
Dass ihrs euch nimmer habt zu schämen. (123, 10)
Ihr seid wohl ritterlicher Art."
Von den Helden er beschauet ward:
Da sahn sie Gottes Kunst und Fleiß.
Von der Aventür ich weiß,
Die mich mit Wahrheit des beschied, (123, 15)
Dass Mannesantlitz nie geriet
So schön wie seins von Adams Zeit:
Drum lobten Fraun ihn weit und breit.

   Da hub der Knappe wieder an;
Dass sein zu lachen der begann: (123, 20)
"Ei Ritter gut, was soll dies sein?
Du hast so manches Ringelein
An den Leib gebunden dir,
Dor toben und auch unten hier."
Der Knapp befühlte mit der Hand (123, 25)
Was er eisern an dem Fürsten fand.
"Lasst mich den Harisch schauen:
Meiner Mutter Jungfrauen
Wohl an Schnüren Ringlein tragen,
Die nicht so aneinander ragen."
Noch sprach der Knappe wohlgemut (124, 1)
Zum Fürsten: "Wozu ist dies gut,
Was sich so wohl will schicken?
Kanns nicht herunterzwicken."

   Da wies der Fürst ihm sein Schwert: (124, 5)
"Nun sieh, wer Streit mit mir begehrt,
Des erwehr ich mich mit Schlägen.
Gegen seine muss ichs an mich legen,
Und dieser Schild behütet mich
Vor dem Schuss und vor dem Stich." (124, 10)
Wieder sprach der Knappe laut:
"Hätten die Hirsche solche Haut,
Sie versehrte nicht mein Gabilot;
So fällt doch mancher vor mir tot."

   Die Ritter zürnten, dass er sprach (124, 15)
Mit dem Knappen, welchem Sinn gebrach.
Da sprach der Fürst: "Gott hüte dein!
O wäre deine Schönheit mein!
Dir hätte Gott genug gegeben,
Besäßest du Verstand daneben: (124, 20)
Die Gottesgabe liegt dir fern."
Da ritt er weiter mit den Herrn.
Sie gelangten alle bald
Zu einem Feld im tiefen Wald.
Da fand er an der Pflugschar (124, 25)
Frau Herzeleidens Bauernschar.
Dem Volke nie so leid geschah.
Die man künftig ernten sah,
Sie mussten sähn und eggen,
Starken Ochsen dräun mit Schlägen.

   Der Fürst ihnen guten Morgen bot (125, 1)
Und frug sie: "Sahet ihr nicht Not
Eine Jungfrau erleiden?"
Da konnten sie's nicht meiden,
Sie sagten ihm, was er gefragt: (125, 5)
"Zwei Ritter und eine Magd
Sahn wir reiten heute Morgen.
Das Fräulein schien in Sorgen.
Kräftig mit den Sporen rührte
Die Pferde, der die Jungfrau führte." (125, 10)
Es war Meliakanz,
Dem nachritt Karnachkarnanz
Und ihm im Kampf die Jungfrau nahm:
Sie war an aller Freude lahm.
Sie hieß Imäne (125, 15)
Von der Bellefontäne.

   Die Bauern waren sehr verzagt,
Da diese Helden sie befragt.
Sie sprachen: "Wie ist uns geschehn!
Hat unser Junker ersehn (125, 20)
An diesen Rittern schartges Eisen,
So dürfen wir das Glück nicht preisen.
Uns trifft mit Recht nun immerhin
Darum der Zorn der Königin,
Weil er mit uns zu Walde lief (125, 25)
Heute früh, da sie noch schlief."
Gleich galts dem Knappen, wer nun schoss
Im Wald die Hirsche klein und groß;
Heim zur Mutter lief er wieder
Und sagt' es ihr.  Da fiel sie nieder,
Seiner Worte sie so sehr erschrak, (126, 1)
Dass sie bewusstlos vor ihm lag.

   Als darauf die Königin
Wieder fand bewussten Sinn,
Wie sie zuvor auch war verzagt, (126, 5)
Doch sprach sie: "Sohn, wer hat gesagt
Dir von ritterlichem Orden?
Wie bist dus inne geworden?"
"Mutter, ich sah vier Männer licht,
Lichter ist Gott selber nicht: (126, 10)
Die sagten mir von Ritterschaft.
Artusens königliche Kraft
Soll nach ritterlichen Ehren
Mich Schildamtspflichten lehren."
Das war ihr neuen Leids Beginn. (126, 15)
Die Königin sann her und hin
Wie sie eine List erdächte
Und ihn von solchem Willen brächte.

   Der einfältge Knappe wert
Bat die Mutter um ein Pferd. (126, 20)
Das begann sie heimlich zu beklagen.
Sie gedacht: "Ich will ihm nichts versagen;
Aber grundschlecht muss es sein.
Es gibt noch Leute," fiel ihr ein,
"Die gar lose Spötter sind. (126, 25)
Thorenkleider soll mein Kind
An seinem lichten Leibe tragen:
Wird er gerauft und geschlagen,
So kehrt er wohl in kurzer Frist."
O weh der jammervollen List!
Da nahm sie grobes Sacktuch (127, 1)
Und schuf daraus ihm Hemd und Bruch,
Aus einem Stück geschnitten
Zu des blanken Beines Mitten;
Eine Kappe dran für Haupt und Ohren: (127, 5)
So trugen damals sich die Thoren.
Zwei Ribbalein statt Strümpfen auch,
Aus Kalbshäuten frisch und rauch,
Maß man seinen Beinen an.
Da weinten alle, die es sahn. (127, 10)

   Die Königin mit Wohlbedacht
Bat ihn zu bleiben noch die Nacht:
"Du darfst dich nicht von hinnen heben,
Ich muss dir erst noch Lehren geben:
Du sollst auf ungebahnten Straßen (127, 15)
Dich nicht auf dunkel Furt verlassen;
Ist sie aber seicht und klar,
So hat der Durchritt nicht Gefahr.
Du sollst auch Sitte pflegen,
Jeden grüßen auf den Wegen. (127, 20)
Will dich ein grauweiser Mann
Zucht lehren, wie ein solcher kann,
So folg ihm gerne mit der Tat,
Und zürn ihm nicht, das ist mein Rat.
Eins lass dir, Sohn, befohlen sein: (127, 25)
Wo du guter Frauen Ringelein
Erwerben mögest und ihr Grüßen,
Da nimms: Es kann dir Leid versüßen.
Magst du auch ihren Kuss erlangen
Und herzend ihren Leib umfangen,
Das gibt dir Glück und hohen Mut, (128, 1)
Wenn sie keusch ist und gut.

   "Deinen Fürsten, wisse, Sohn mein,
Hat der stolze kühne Lähelein
Zwei Länder abgefochten, (128, 5)
Die dir sonst nun zinsen mochten:
Waleis und Norgals.
Deiner Fürsten einer, Turkentals,
Den Tod von seiner Hand empfing:
All dein Volk er schlug und fing." (128, 10)
"Das räch ich Mutter, will es Gott:
Ihn verwundet noch mein Gabilot."

   Da Morgens schien des Tages Licht,
Der stolze Knappe säumte nicht:
Artus ihm im Sinne lag. (128, 15)
Sie küsst' ihn oft und lief ihm nach.
Das größte Herzleid ihr geschah,
Da sie den Sohn nicht länger sah.
Der ritt hinweg: Wen mag das freun?
Da fiel die Fraue Falsches rein (128, 20)
Zur Erde, wo sie Jammer schnitt
Bis sie den Tod davon erlitt.

   Ihr getreulicher Tod
Bewahrt sie vor der Hölle Not.
O wohl ihr, dass sie Mutter ward! (128, 25)
So fuhr die lohnergibge Fahrt
Diese Wurzel aller Güte,
Aus der das Reis der Demut blühte.
Weh uns, dass uns nicht verblieb
Ihre Sippe bis zum elften Glied!
Drum muss man so viel Falschheit schaun. (129, 1)
Doch sollten die getreuen Fraun
Heil erwünschen diesem Knaben,
Den sie hier sehen von ihr traben.

   Da fuhr der Knappe wohlgetan (129, 5)
In den Wald von Briziljan.
Er kam an einen Bach geritten,
Den ein Hahn hätt überschritten,
Da stunden Blumenhell und klar;
Doch weil sein Fluss so dunkel war (129, 10)
Fiel seiner Mutter Rat ihm bei:
Er ritt tagüber dran vorbei,
Wie es ihm denn im Haupt nicht sonnte.
Die Nacht verbracht er wie er konnte;
Doch als der lichte Tag erschien (129, 15)
Hub er zu einer Furt sich hin,
Die lauter war und wohlgetan.
Auf jener Seite war der Plan
Mit herrlichem Gezelt geschmückt;
Viel Reichtum ward daran erblickt. (129, 20)
Das Zelt war hoch und weit dabei,
Der Samt von Farben dreierlei;
Auf den Nähten lagen Borten gut,
Von Leder hing dabei ein Hut,
Den man drüber ziehen sollte (129, 25)
Immer wenn es regnen wollte.

   Dük Orilus de Lalander,
Des Weib darunter fand er
Wonniglich ruhen, wie es schien,
Eine reiche Herzogin,
Ihres Ritters liebstes Pfand; (130, 1)
Jeschute war sie genannt.

   Entschlafen war die Fürstin wert.
Sie trug der Minne schärfstes Schwert:
Einen Mund durchleuchtig rot, (130, 5)
Verliebten Ritters Herzensnot.
Während die Schöne schlief,
Der Mund ihr voneinander lief:
Das schuf der Minne Glut und Feuer.
So lag das schöne Abenteuer. (130, 10)
Schneeweiß, wie von Elfenbein,
Zusammen dicht gefügt und klein,
So standen ihr die lichten Zähne.
Mich gewöhnt man nicht, ich wähne,
An so hoch gelobten Mund; (130, 15)
Solch Küssen ward mir selten kund.

   Von Zobel eine Decke fein
Sollt ihr verhüllen Hüft und Bein,
Die sie vor Hitze von sich stieß,
Wenn sie der Wirt alleine ließ. (130, 20)
Sie war geschmückt nach Hofes Art,
An ihr war keine Kunst gespart;
Gott selber schuf den süßen Leib.
Es trug das minnigliche Weib
Langen Arm und blanke Hand. (130, 25)
Der Knapp daran ein Ringlein fand;
Das ihn nach dem Bette zwang,
Wo er mit der Fürstin rang.
Ihm riet ja die Mutter sein
Zu der Frauen Ringelein.
Schnell sprang der Knappe wohlgetan (131, 1)
Von dem Teppich an das Bett heran.

   Das reine Weib unsanft erschrak
Da der Knappe ihr in den Armen lag:
Sie musste wohl erwachen. (131, 5)
Beschämt und sonder Lachen
Sprach die man keusche Zucht gelehrt:
"Wer ist es, der mich so entehrt?
Jungherr, es ist euch allzu viel:
Wählt euch doch einander Ziel." (131, 10)

   Wie laut die Schöne sich beklagte,
Er fragte wenig was sie sagte:
Ihren Mund er an den seinen zwang.
Auch bedacht er sich nicht lang,
Er drückt' an sich die Herzogin (131, 15)
Um ihr ein Ringlein abzuziehn.
Eine Spange sah er ihr am Hemd:
Da brach er nieder ungehemmt.
Die Frau war nur ein Weib zur Wehr,
Seine Kraft war ihr ein ganzes Heer: (131, 20)
Sie wandt ihn doch mit Ringen ab.
Seinen Hunger klagte jetzt der Knapp:
Da war sie frei der schwerern Pflicht.
Sie sprach: "Mich essen sollt ihr nicht.
Wärt ihr ein wenig weise, (131, 25)
Ihr nähmt euch andre Speise.
Dahinten stehen Brot und Wein
Und zwei Rebhühner obenein,
Die eine Jungfrau brachte,
Nicht euch sie zugedachte."
Er frug nicht wo die Wirtin saß: (132, 1)
Einen guten Kropf er aß,
Darnach er schwere Trünke trank.
Die Frau bedäuchte gar zu lang
Sein Weilen in dem Pavillon. (132, 5)
Sie wähnt', er wär ein Garzon,
Dem Verstand und Sinn entkommen.
Doch sprach zu ihm die Fürstin rein:
"Jungherr, ihr sollt mein Ringelein (132, 10)
Hier lassen und den Fürspann.
Hebt euch hinweg: Denn kommt mein Mann,
So müsst ihr Zorn erleiden,
Den ihr lieber möchtet meiden."

   Da sprach der Knappe wohlgeborn: (132, 15)
"Was fürcht ich eures Mannes Zorn?
Doch kränkts euch an den Ehren,
So will ich hinnen kehren."
Da schritt er zu dem Bett heran.
Ein andrer Kuss ward da getan; (132, 20)
Gar leid war das der Herzogin.
So ritt er ohne Urlaub hin;
Er sprach jedoch: "Gott hüte dein,
Denn also riet die Mutter mein."

   Der Knappe war des Raubes froh; (132, 25)
Eine gute Weile ritt er so,
Nicht fehlt' ihm an der Meile viel:
Da kam von dem ich sprechen will.
Bald erspür' er an dem Tau
Den Besuch bei seiner Frau;
Einem Teil der Schnüre war geschadet: (133, 1)
Da war der Knapp durchs Gras gewadet.
Der werte Herzog auserkannt
Sein Weib im Zelte traurig fand.
Da sprach der stolze Orilus: (133, 5)
"Wie hab ich, Frau, um euern Kuss
Meine Dienste schlecht verwendet;
Gelästert und geschändet
Ist all mein ritterlicher Preis:
Einen Buhlen habt ihr: Ich weiß." (133, 10)
Sie schwur, was mocht ihrs taugen?
Mit wasserreichen Augen
Dass sie unschuldig wäre,
Denn er glaubte nicht der Märe.

   Sie sprach jedoch mit Angst und Pein: (133, 15)
"Es kam ein Thor zu mir herein:
Was jemals meine Augen sahn,
Nie erblickt ich schönern jungen Mann.
Mein Ringlein und den Fürspann hier
Nahm er wider Willen mir." (133, 20)
"Ei, wie er euch so wohl gefällt:
Gewiss, ihr habt euch ihm gesellt."
Da sprach sie: "Das verhüte Gott!
Seine Ribbalein, sein Gabilot
Sind mir schon zu nah gekommen. (133, 25)
Wie mag die Red euch frommen?
Es missstünde Königinnen,
So niedrig zu minnen."

   Der Herzog wieder begann:
"Frau, nähmt ihr guten Rat nur an,
So ließt ihr eine Sitte fahren: (134, 1)
Statt der Köngin Namen zu bewahren,
Hießt ihr nach mir nun Herzogin.
Mir bringt der Handel Ungewinn.
Meine Mannheit ist doch wohl so keck, (134, 5)
Dass euer Bruder Ereck,
Mein Schwager, Fils du Roi Lak,
Euch wohl deswegen hassen mag.
Auch erkennt der Degen weis,
Wohl ist mein ritterlicher Preis (134, 10)
Von jedem andern Flecken rein,
Als dass er mich vor Prurein
Im Tjoste hat bezwungen.
Doch hab ich an ihm errungen
Hohen Preis vor Karnant. (134, 15)
In rechter Tjost stach meine Hand
Ihn vom Ross und heischte Fianze.
Durch den Schild hat meine Lanze
Ihm euer Kleinod gebracht.
Eure Huld, hätt ich da nicht gedacht, (134, 20)
Käm' andern je zu Gute,
Meine Herrin Jeschute.

   "Überzeugt auch seid ihr des,
Frau, dass der stolze Galoes,
Fils dü Roi Gandein, (134, 25)
Im Tod erlag der Tjoste mein.
Ihr selber hieltet nah dabei,
Wo mir Plihopliherei
Entgegen tiostierend ritt
Und mich im Streite da bestritt.
Hinters Ross mein Speer ihn zückte, (135, 1)
Dass kein Sattel ihn mehr drückte.
So hab ich manchen Preis errungen,
Viel Ritter hinters Ross geschwunken.
Das kam mir nicht zu Gute hier: (135, 5)
Die höchste Schande wehrt es mir.

   "Sie hassen mich mit Grunde,
Die von der Tafelrunde.
Ihrer achte stach ich nieder da
Wo es manche Jungfrau sah, (135, 10)
Bei dem Sperber zu Kanedig.
Ich behielt euch Preis und mir den Sieg,
Wie ihr bei Artus wohl ersaht,
Der meine Schwester bei sich hat,
Die Wunderliche, Kunnewaren. (135, 15)
Ihr süßer Mund kann nicht gebahren
Mit Lachen, eh sie den ersehn,
Dem den höchsten Preis sie zugestehn.
Ach käm mir doch derselbe Mann!
So würd ein Streiten hier getan (135, 20)
Wie heute Morgen, da ich kämpfte
Und eines Fürsten Hochmut dämpfte,
Der mir sein Tiostieren bot:
Da gab ihm meine Tjost den Tod."

   "Ich will von solchem Zorn nichts sagen, (135, 25)
Dass mancher hat sein Weib geschlagen
Um ihre schmähliche Schuld.
Sollt ich euch verleibte Huld
Im Ritterdienst noch bieten,
So gewännt ihr nur die Nieten.
Ich will nicht mehr erwarmen (136, 1)
In euern blanken Armen,
Wo ich wohl sonst in Minne lag
Manchen wonniglichen Tag.
Ich mach euch bleich den roten Mund, (136, 5)
Euern Augen tu ich Röte kund;
Eurer Freude will ich wehren,
Euerm Herzen Seufzer lehren."

   Die Fürstin sah den Fürsten an,
Ihr Mund da jämmerlich begann: (136, 10)
"Nun ehrt an mir die Ritter all.
Weis und getreu seid ihr zumal
Und wohl auch so gewaltig mein,
Ihr könnt mir schaffen hohe Pein;
Nur geht erst weil sich zu Gericht, (136, 15)
Bei allen Fraun, versäumt es nicht!
Verdien ichs, trag ich gern die Not.
Fänd ich von eurer Hand den Tod,
Dass es euch nicht Schmach erwürbe,
Wie gern ich dann erstürbe! (136, 20)
Das wär mir eine süße Zeit,
Da ihr mir doch erzürnet seid."

   Wieder brach der Zornge los:
"Frau, euer Hochmut wird zu groß,
Dem sei ein Maß beschieden. (136, 25)
Gesellschaft wird vermieden
Mit Trinken und mit Essen,
Beilagers gar vergessen.
Euch wird kein anderes Gewand
Als dies, worin ich heut euch fand.
Euer Zaum sei ein Seil von Bast, (137, 1)
Der Hunger lad euer Pferd zu Gast;
Allen seinen Schmuck verliert
Euer Sattel wohl geziert."
Hurtig zerrt und riss er da (137, 5)
Den Samt herab. Als das geschah,
Und der Sattel brach, den sie geritten,
(Ihre keuschen reinen Sitten
Hatten seinen Hass erfochten):
Mit dem Strick, von Bast geflochten, (137, 10)
Richtet' er ihn wieder zu;
Sein Hass benahm ihr gar die Ruh.

   Der Herzog sprach nach solchem Tun:
"Herrin, lasst uns reiten nun.
Wie wär ich froh, erreicht ich ihn, (137, 15)
Der eure Minne nahm dahin.
Ich bestünd das Abenteuer,
Gäb auch sein Atem Feuer
Wie eines wilden Drachen."
Mit Weinen sonder Lachen (137, 20)
Schied aus dem Zelte trauriglich
Die edle Frau, und härmte sich.
Sie hing dem eignen Leid nicht nach,
Nur ihres Mannes Ungemach.
Sein Trauern schuf ihr solche Not, (137, 25)
Ihr wäre lieber wohl der Tod.
Nun sollt ihr treulich sie beklagen,
Sie muss nun hohen Kummer tragen.
Wär mir aller Frauen Hass bereit,
Mich härmte doch Jeschutens Leid.

   So ritten sie auf seiner Fährte. (138, 1)
Der Knapp sein Ross auch Eile lehrte;
Nur wusste nicht der Unverzagte
Dass man hinterdrein ihm jagte;
Doch wen sein Auge wahr nahm, (138, 5)
Sobald er ihm so nahe kam,
Der gute Knappe grüßt' ihn fein
Und sprach: "So riet die Mutter mein."

   Also ritt der täppsche Knab
Einen Berghang hinab. (138, 10)
Als er vor den Felsen kam,
Eines Weibes Stimm er dort vernahm.
Vor Jammer schrie sie manchen Schrei;
Ihr war die Freude gar entzwei.
Der Knappe ritt ihr eilends nah: (138, 15)
Nun hört, was tat die Jungfrau da?
In ihres Herzleides Drang
Riss die braunen Zöpfe lang
Sigune jammernd aus der Haut.
Als der Knapp sich umgeschaut, (138, 20)
Schionatulander
In der Tjost erschlagen fand er
Liegen in der Jungfrau Schoß,
die aller Freuden nun verdross.

   "Mag er traurig oder fröhlich sein, (138, 25)
Ihn grüßen hieß die Mutter mein:
Gott wahr euch," sprach des Knappen Mund.
"Ich habe jämmerlichen Fund
In euerm Schoß gefunden?
Wer schlug ihm solche Wunden?"
Der Knapp sprach unverdrossen (139, 1)
Noch: "Wer hat ihn erschossen?
Geschahs mit einem Gabilot?
Mich dünket, Frau, er liege tot.
Wollt ihr mir davon nicht sagen (139, 5)
Wer euch den Ritter hab erschlagen?
Kann ich ihn noch erreiten,
Ich will gerne mit ihm streiten."

   Da nahm der preiswerte Knab
Einen Köcher herab, (139, 10)
Drin er scharfe Gabilote fand.
Er trug auch noch in seiner Hand
Was er Frau Jeschuten nahm,
Zu der er in der Einfalt kam.
Wär seines Vaters Brauch ihm kund, (139, 15)
Der doch sein angebornes Pfund,
Er hätte wohl den Schild geschwenkt,
Doch nicht die Herzogin gekränkt,
Die er von aller Freude schied.
Mehr denn ein ganzes Jahr vermied (139, 20)
Sie mit Gruß und Kuss der Mann;
Unrecht ward der Frau getan.

   Nun hört auch von Sigunen sagen:
Die konnt ihr Leid mit Jammer klagen.
Sie sprach zum Knappen: "Du hast Tugend; (139, 25)
Geehrt sei deine süße Jugend
Und ein Antlitz minniglich:
Fürwahr, das Glück erwartet dich.
Diesen Ritter mied das Gabilot,
Er empfing von einer Tjost den Tod.
Dir wurzelt Treu im Herzen, (140, 1)
Dass er dich so kann schmerzen."
Eh die beiden Abschied nahmen,
Frug sie ihn nach dem Namen
Und gestand, dass Gott sich an ihm fliss. (140, 5)
"Von Fils, scher Fils, beau Fils,
Also hat mich stets genannt,
Der ich daheim bin bekannt."

   Da gesprochen war das Wort,
Ihn erkannte sie sofort. (140, 10)
Nun hört ihn endlich nennen,
Dass ihr hinfort mögt kennen
dieser Aventüre Held,
Der dort noch bei der Jungfrau hält.

   Da sprach ihr roter Mund zumal: (140, 15)
"Fürwahr, du heißest Parzival.
Der Name sagt: Inmitten durch.
Die Liebe schnitt wohl solche Furch
In deiner Mutter treues Herz;
Dein Vater hinterließ ihr Schmerz. (140, 20)
Nicht sag ichs mir zum Ruhme:
Deine Mutter ist mir Muhme.
Vernimm auch ohne falsche List
Die rechte Wahrheit wer du bist.
Dein Vater war ein Anschewein; (140, 25)
Ein Waleis von der Mutter dein
Bist du geboren zu Kanvoleiß,
Wie ich mit ganzer Wahrheit weiß.
Du bist auch König zu Norgals:
In der Hauptstadt Kingrials
Soll dein Haupt die Krone tragen. (141, 1)
Für dich ward dieser Fürst erschlagen,
Der stets dein Land dir wehrte,
Seine Treue nie versehrte.
Junger schöner süßer Mann, (141, 5)
Zwei Brüder taten Leid dir an:
Zwei Länder nahm dir Lähelein;
Diesen Ritter hier, den Vetter dein,
Schlug Orilus im Einzelstreit;
Der ließ auch mich in diesem Leid. (141, 10)
Mir dient' ohn alle Schande
Dieser Fürst von deinem Lande,
Wo deine Mutter mich erzog.
Lieber Vetter, höre doch,
Wie ihm solch Ende ward zu Teil; (141, 15)
Ihm schuf solch Leid ein Brackenseil.
In unsern Diensten hat den Tod
Der Held erjagt, und Sehnsuchtsnot
Mir nach seiner Minne.
Wohl hatt ich kranke Sinne, (141, 20)
Dass ich ihm Minne nicht geschenkt:
Drum hat der alles schafft und lenkt
Jede Freude mir verboten:
Nun minn ich so den Toten."

   Da sprach er: "Nichte, mir ist leid (141, 25)
Meine Schande wie dein Herzeleid.
Mag ich das künftig rächen,
Will ich michs nicht entbrechen."
Da wollt er schon zum Streit hinweg;
Doch wies sie ihn den falschen Weg,
Dass er das Leben nicht verlöre (142, 1)
Und sie noch größern Schaden köre.
Er geriet auf eine Schneise,
Die führt' ins Land der Bretaneise;
Sie war gar breit und wohl gebahnt. (142, 5)
Wen er zu Fuß und Ross da fand,
Ritter oder Kaufmann,
Die sprach er alle grüßend an,
Denn das wär seiner Mutter Rat;
Die gab ihn auch ohn Übeltat. (142, 10)

   Da die Dämmerung begann
Große Müde fiel ihn an.
Da sah der Einfalt Spielgenoss
Ein Haus, das war nicht eben groß:
Darinnen saß ein karger Wirt, (142, 15)
Wie der Bauer selten höfisch wird.
Dieser war ein Fischersmann,
Der auf keine Güte sann.
Den Knappen Hunger lehrte,
Dass er bei ihm einkehrte (142, 20)
Und klagte seines Hungers Not.
Der sprach: "Ich gäb ein halbes Brot
Euch noch nicht in dreißig Jahren.
Wer meine Milde zu erfahren
Harren will, wie säumt der sich! (142, 25)
Ich sorg um niemand als um mich,
Demnächst um meine Kindelein.
Hier kommt ihr heute nicht herein.
Hättet ihr Pfennig oder Pfund,
Ich behielt' euch gleich zu Hand."

   Was bot der Knappe da ihm an? (143, 1)
Frau Jeschutens Fürspann.
Wie der Bauer das ersah,
Lachendes Mundes sprach er da:
"Willst du bleiben, süßes Kind, (143, 5)
Dich ehren alle, die hier sind." -
"Kannst du heut Nacht mich speisen,
Den Weg mir morgen weisen
Zu Artus (dem bin ich hold),
So mag verbleiben dir das Gold." (143, 10)
"Das tu ich," sprach der Villan.
"Ich sah nie Kind so wohl getan:
Ich bring dich als ein Wunder
Vor des Königs Tafelrunder."

   Die Nacht verblieb der Knappe dort; (143, 15)
Frühmorgens zog er wieder fort.
Er hatte kaum des Tags erharrt;
Der Wirt auch balde fertig ward
Und lief voraus; der Junggesell
Ihm nach: Sie waren beide schnell. (143, 20)

   Mein Herr Hartmann von Aue, (Anmerkung 143, 21)
Ginover eurer Fraue,
Und Artus euerm König hehr,
Ihnen kommt von mir ein Gast daher.
Seht, dass man sein nicht spotte. (143, 25)
Er ist Geige nicht noch Rotte,
Lasst sie ein ander Spiel sich nehmen:
So muss sich ihre Zucht nicht schämen.
Sonst wird eure Frau Enide
Und ihre Mutter Karsnafide
Durch die Stampfmühl auch gezückt, (144, 1)
Mit Hohn ihr Lob all überbrückt.
Sollt ich den Mund mit Spott verschleißen,
Meinen Freund wollt ich dem Spott entreißen.

   Da kam mit dem Fischersmann (144, 5)
Unser Knappe wohlgetan
Des Landes Hauptstadt so nah,
Dass man Nantes wohl ersah.
Da sprach er: "Kind, Gott hüte dein.
Nun sieh, dort musst du reiten ein." (144, 10)
Der Knappe guten Sinnes bar
Sprach: "Weise mich noch näher dar."
"Das lass ich bleiben, liebes Kind:
So stolz ist all das Hofgesind
Kommt ihm ein Villan zu nah, (144, 15)
Der fände übeln Lohn allda."

   Da ritt der Knapp allein voran;
Auf einem nicht zu breiten Plan
Stand manche Blum von lichtem Strahl.
Ihn erzog kein Kurvenal; (144, 20)
Er hatte Kurtoisie nicht los,
Das ist der Umgereisten Los.
Von Bast geflochten war sein Zaum,
Sein armes Rösslein trug ihn kaum,
Strauchend tät es manchen Fall. (144, 25)
Auch war sein Sattel überall
Von neuem Leder unbeschlagen.
Von Hermelin und samtnen Kragen
Trug er kein zu schwer Gewicht;
Mantelschnüre braucht er nicht:
Für Sukni und für Sürkot (145, 1)
Hatt er nur sein Gabilot.
Der nie der reinsten Zucht vergaß,
Sein Vater einst geschmückter saß
Auf dem Teppich dort vor Kanvoleiß; (145, 5)
Dem machte Furcht nie kalt noch heiß.

   Einen Ritter, der da kam geritten,
Bot er Gruß nach seinen Sitten:
"Gott wahr euch, riet die Mutter mir."
"Gott lohne, Junker, euch und ihr," (145, 10)
Sprach Artusens Basensohn,
Den erzogen Utepandragon;
Auch sprach derselbe Weigand
Als Erbteil an der Briten Land.
Es war Ither von Gahevieß, (145, 15)
Den man den roten Ritter hieß.

   All seien Rüstung war so rot,
Dass sie den Augen Röte bot.
Sein Ross war rot, aber schnell.
Allrot war sein Gügerel, (145, 20)
Seine Kovertür von rotem Samt,
Sein Schild ein Feuer rot entflammt,
Rot war sein Korsett desgleichen,
Und lang, die Erde zu erreichen;
Rot war sein Schaft, rot war sein Speer, (145, 25)
Rot auch hatt auf sein Begehr
Sein Schwert der Schmied gerötet,
Doch die Schärfe nicht verlötet.
Der König von Kukumerland,
Rot von Gold in seiner Hand
Stand ein Becher reich geziert, (146, 1)
Den er der Tafelrund entführt.
Mit blanker Haut, mit rotem Haar
Zum Knappen sprach er, freundlich zwar:

   "Gesegnet sei dein süßer Leib, (146, 5)
Dich trug im Schoß ein reines Weib.
Der Mutter Heil, die dich gebar!
Niemand war je so schön und klar.
Du wirst der Minne Brand und Krieg,
Ihre Niederlage wie ihr Sieg. (146, 10)
Du wirst der Frauen Wunsch und Lust,
Du wirst ihr Jammer, ihr Verlust.
Lieber Freund, willst du zur Stadt,
So grüße doch, wie ich dich bat,
Den König Artus und die Seinen (146, 15)
Und sag: Nicht flüchtig zu erscheinen
Woll ich hier warten und beschauen
Wer sich zum Kampfe wird getrauen.

   "Es nimmt sie, hoff ich, all nicht Wunder.
Ich ritt hin vor die Tafelrunder (146, 20)
Und machte Anspruch auf mein Land.
Diesen Kopf mit ungefüger Hand
Erhob ich, dass der Wein entfloss
Frau Ginoveren in der Schoß.
Das tat ich, Anspruch zu erheben; (146, 25)
Verbrannten Strohwisch übergeben,
Davon wird rußig leicht die Haut:
Drum mied ichs," sprach der Degen laut.
"Auch um Raub bin ich nicht hergefahren,
Meine Krone kann mir das ersparen.
Nun sage, Freund, der Köngin an, (147, 1)
Ihr hab ichs nicht zur Schmach getan,
Nur den Werten, die da saßen
Und der rechten Wehr vergaßen.
Es seien Könge, seien Fürsten, (147, 5)
Was lassen sie den wirt verdürfen?
Holen sie seien Goldnapf nicht,
Ihr hoher Preis wird all zunicht."

   Der Knapp sprach: "Ich bestelle dir
Was du gesprochen hast du mir." (147, 10)
Er ritt von ihm, zu Nantes ein.
Ihm folgten viel der Junkerlein
Auf den Hof vor den Saal:
Da war ein Leben, war ein Schall!
Bald entstand Gedräng um ihn; (147, 15)
Iwanet sprang zu ihm hin:
Dieser Knappe Falsches frei
Bot ihm seine Kompanei.

   Der Knappe sprach: "Gott wahre dich;
Meine Mutter lehrte mich (147, 20)
Eh ich von ihr schied den Gruß.
Hier seh ich manchen Artus:
Welcher soll mich Ritter machen?"
Iwanet begann zu lachen:
"Du hast den rechten nicht gesehn; (147, 25)
Doch es soll sogleich geschehn."

   Da trat er mit ihm in den Saal
Zu den Tafelrundern allzumal.
Er hatte so viel Lebensart,
Er sprach: "Dass Gott euch all bewahrt,
Zumal den König und sein Weib. (148, 1)
Meine Mutter reit, dass ich beileib
Die begrüßte gleich zur Stunde,
Und wer hier an der Tafelrunde
Mit Ehren Sitz erworben hat, (148, 5)
Dieselben sie mich grüßen bat.
An einer Kunst mir noch gebricht:
Wer hier der Wirt ist, weiß ich nicht;
Ein Ritter ihm durch mich entbot
(Den sah ich allenthalben rot), (148, 10)
Er harre seiner vor dem Tor;
Mich dünkt, er soll zum Kampf hervor.
Ihm ist auch leid, dass er den Wein
Verschüttet auf die Köngin rein.
O hätt ich doch sein Streitgewand (148, 15)
Empfangen von des Königs Hand!
Aller Freuden rühmt ich mich,
Denn es steht so ritterlich!"

   Unser Jungherr unbezwungen
War von Leuten so umrungen, (148, 20)
Ihn trieb bald hin bald her die Schar.
Sie nahmen seines Aussehns wahr.
Nun, es war leicht zu schauen:
Nie an Herren noch an Frauen
Sah man holder Angesicht. (148, 25)
In übler Laune war es nicht,
Dass Gott Parzivaln erdachte,
Dem kein Schrecken Schrecken brachte.

   So stellte sich Artusen vor
Den Gott zu einem Wunder kor.
Hassen konnte niemand ihn. (149, 1)
Da beschaut' ihn auch die Königin,
Eh sie aus dem Saale schied,
Wo ihr Gewand der Wein nicht meid.
Artus sah den Knappen an; (149, 5)
Zu seiner Einfalt sprach er dann:
"Habt, Junker, eures Grußes Dank;
Ich vergelt ihn gerne lebenslang
Mit dem Herzen und dem Gute:
Traun, so ist mir zu Mute." (149, 10)

   "Wollte Gott, das würde wahr!
Bis dahin dünkt mich wohl ein Jahr.
Dass ich nicht Ritter werden soll,
Das tut mir übler viel als wohl;
Nun haltet mich nicht länger hin: (149, 15)
Sei Rittersehre mein Gewinn."
Der Wirt sprach: "Ich bin gern bereit,
Gebricht mir selbst nicht Würdigkeit.
Du bist so edel wohl von Art,
Mit vollen Händen ungespart (149, 20)
Will ich dir meine Gabe schenken;
Fürwahr, ich darf mich nicht bedenken.
Gedulde dich bis Morgen,
So will's ich dann besorgen."

   Der wohlgeborne Knappe (149, 25)
Stand gaggernd wie eine Trappe.
Er sprach: "Ich will nicht mehr erbitten:
Der mir entgegen kam geritten,
Kann ich nicht dessen Rüstung haben,
So frag ich nichts nach Königsgaben.
Mir gibt wohl noch die Mutter mein; (150, 1)
Die soll doch eine Köngin sein."

   Artus hub zum Knappen an:
"Die Rüstung trägt ein solcher Mann,
Ich wag es nicht, sie dir zu geben. (150, 5)
Ich selber muss in Kummer schweben
Sonder alle meine Schuld,
Weil ich darbe seiner Huld.
Es ist Ither von Gahevieß.
Des Leid die Freude mir zerstieß." (150, 10)

"Ihr wärt unmilde, König hehr,
Schien euch ein solch Geschenk zu schwer.
Gebts ihm immer," sprach Herr Keie,
"Und lasst ihn zu ihm in das Freie.
Wollt ihr zurück den goldnen Kopf, (150, 15)
Hier ist die Geisel, dort der Topf:
Gönnts dem Kind, ihn umzutreiben;
Man wird es Fraun mit Ruhm beschreiben.
Er muss noch manchen Stoß ertragen,
Noch manche Rute wird ihn schlagen. (150, 20)
Ich sorg um ihrer keines Leben:
Man soll Hund' um Eberköpfe geben."
"Ungern wollt ich ihm versagen,
Ich fürchte nur er wird erschlagen,
Den ich zum Ritter machen soll," (150, 25)
Sprach Artus aller Treue voll.

   Der Knapp empfing die Gabe doch.
Wie nahe ging das Manchem noch!
Der Jüngling eilends aufbrach;
Alt und jung drang ihm nach.
Iwanet zog ihn an der Hand (151, 1)
Vor einer Schaulaube Rand.
Sein Auge vor und rückwärts flog;
Auch war die Laube nicht zu hoch,
Dass er gar wohl darauf vernahm (151, 5)
Was bald ihm Kummer schuf und Gram.

   Da wollte selbst die Königin
An das Laubenfenster hin
Mit den Rittern und den Frauen.
Sie wolltens alle schauen. (151, 10)
Da saß auch Kunneware,
Die stolze und die klare:
Die lachte weder laut noch leis
Bis der kam, der den höchsten Preis
Erworben oder sollt erwerben; (151, 15)
Liebe wollte sie ersterben.
Alles Lachens blieb sie frei;
Doch als der Knappe ritt vorbei,
Da erlacht' ihr minniglicher Mund:
Dafür ward ihr der Rücken wund. (151, 20)

   Da fasste Kei der Seneschant
Frau Kunnewaren de Lalant
Bei ihrem lockigen Haar.
Ihre langen Zöpfe klar
Wand er sich um seine Hand: (151, 25)
Er spängte sie ohne Spängelband.
Ihrem Rücken ward kein Eid gestabt;
Doch war ein Stab so dran gehabt
bis sein Sausen ganz verklang,
Dass es Kleid und Haut durchdrang.

   So sprach der Unweise: (152, 1)
"Ihr habt nun euerm Preise
Mit Schmach den Abschied gegeben:
Ich fing ihn im Vorüberschweben
Und will ihn wieder in euch schmieden, (152, 5)
Dass ihr's empfindet in den Glieden.
Mich dünkt, dem König Artus wär
Zu Haus und Hofe schon bisher
Geritten mancher werte Mann;
Doch ihr lachtet ihn nicht an, (152, 10)
Und lacht um jenen Mann so laut,
Der Rittersitte nie geschaut."

   Was auch im Zorn geschehen mag,
Das Reich hätt ihm doch keinen Schlag
Zuerkannt auf diese Magd, (152, 15)
Die sehr von Freunden ward beklagt.
Dürfte sie der Schildrand tragen,
Sein Unfug würd ihm heim geschlagen.
Ihr fürstlich Blut ist recht und rein:
Orilus und Lähelein, (152, 20)
Ihre Brüder, hättens die gesehn,
Mancher Schlag wär nicht geschehn.

   Der verschwiegne Antanor,
Der um sein Schweigen däucht ein Thor,
An gleichen Schicksalsfäden (152, 25)
Hing ihr Lachen und sein Reden:
Er wollte nie ein Wörtlein sagen
Bis sie gelacht, die Kei geschlagen.
Als ihr Lachen nun geschah,
Sein Mund sprach zu Keien da:
"Gott weiß, Herr Seneschant, (153, 1)
Dass Kunneware de Lalant
Um den Knappen ward misshandelt,
Freund in Leid wird euch verwandelt
Noch dafür von seiner Hand, (153, 5)
Wenn erst sich Zeit und Stunde fand."

   "Da euer erstes Wort mir dräut,
So sorg ich, dass es euch gereut."
Zermürbt ward ihm der Braten,
Zugeflüstert und geraten (153, 10)
Viel dem Sinn begabten Thoren
Mit Faustschlägen um die Thoren.
das tat Herr Kleie vor dem Saal,
Dass der junge Parzival
Die Beschimpfung mochte schauen (153, 15)
Antanors wie der Frauen.
Leid war ihm herzlich ihre Not;
Er griff wohl oft zum Gabilot:
Vor der Königin war solcher Drang,
Dass er es darum nicht schwang. (153, 20)

   Urlaub nahm da Iwanet
Vom Fils du Roi Gahmuret.
Alleine hub sich der sodann
Hinaus zu Ithern auf dem Plan.
Dem bracht er dort die Märe, (153, 25)
Dass in Nantes niemand wäre,
Der Lust mit ihm zu streiten habe.
"Mich gewährte Artus einer Gabe.
Ich sagte, wie dein Auftrag war,
Dass es dein Wille ganz und gar
Nicht war, die Köngin zu begießen: (154, 1)
Dich werde Unfug stets verdrießen.
Sie gelüstet nicht des Streites.
Das Ross gib, drauf du reitest
Und deine Rüstung allzumal: (154, 5)
Die empfing ich auf dem Saal,
Weil ich drin Ritter werden muss.
Versagt sei dir mein Gruß,
Wenn du mir es ungern gibst:
Nun gib mir, wenn du Klugheit liebst." (154, 10)

   Der König von Kukumerland
Sprach: "Hat dir Artusens Hand
Meine Rüstung gegeben?
Er gäbe dir mein Leben,
Könntest du mirs abgewinnen: (154, 15)
So kann er Freunde minnen.
War er dir schon früher hold?
Dein Dienst erwarb so schnell den Sold."

   "Ich mag erwerben, was ich will.
Wohl ist es wahr, er gab mir viel. (154, 20)
Gib her und lass dein Landrecht:
Ich will nicht länger sein ein Knecht,
Ich soll nun Schildesamt bekommen."
Schon hatt er ihn beim Zaum genommen:
"Am Ende bist du Lähelein, (154, 25)
Von dem mir klagt die Mutter mein."

   Der Ritter wandte seinen Schaft,
Und stieß den Knappen so mit Kraft,
Dass er mit seinem armen Ross
Nieder auf die Blumen schoss.
Ihn schlug der Zornerhitzte, (155, 1)
Dass ihm vom Schafte spritzte
Aus der Haut sein rotes Blut.
Parzival der Knappe gut
Stand hier zornig auf dem Feld. (155, 5)
Sein Gabilot ergriff der Held:
Wo der Helm und das Visier
Sich scheiden ob dem Härsenier
Traf ihn durchs Aug das Gabilot
Und durch den Nacken, dass er tot (155, 10)
Hinfiel, der Falschheit Gegensatz.
Seufzern, Klagen machte Platz
Ithers Tod von Gahevieß,
Der Frauen nasse Augen ließ.
Die seine Minne je empfand, (155, 15)
Der war die Freude fern gebannt,
Der war verscherzt der heitre Scherz,
Verwandelt in der Trauer Schmerz.

   Parzival war noch so dumm,
Er kehrt' ihn hin und wieder um, (155, 20)
Ihm die Rüstung abzustreifen;
Doch konnt ers nicht begreifen.
Das Helmband und das Schinnelier
Mit seinen blanken Händen zier
Wusst er nicht aufzustricken, (155, 25)
Noch sonst herab zu zwicken;
Zwar versucht ers oft genug,
Der weise weder war noch klug.

   Das Streitross und das Pferdelein
Huben an zu wiehern und zu schrein.
Da vernimmt es Iwanet, (156, 1)
Der vor der Stadt am Graben steht,
Vetter und Knapp der Königin:
Da er hörte wie die Pferde schrien,
Und da er niemand drauf ersah, (156, 5)
Der Liebe willen tat ers da,
Die er zu Parzivalen trug,
Dass zu ihm lief der Knappe klug.

   Da fand er Itheren tot,
Und Parzival in Dümmlingsnot; (156, 10)
Wie bald er ihm zu Hilfe sprang!
Da sagt' er Parzivalen Dank,
Dass den Preis erworben seine Hand
An dem von Kukumerland.
"Gott lohns. Doch rate was ich tu. (156, 15)
Ich kann hier gar nicht recht dazu:
Wie brings ich von ihm und an mich?"
"Sei nur getrost, ich lehr es dich,"
Sprach der stolze Iwanet
Zum Fils dü Roi Gahmuret. (156, 20)
Entwappnet ward der tote Mann
Da vor Nantes auf dem Plan,
Das Kleid dem Sieger angelegt,
Der noch der Einfalt Zeichen trägt.

   Iwanet sprach: "Die Ribbalein (156, 25)
Dürfen nicht unterm Eisen sein:
Du sollst nun tragen Ritterskleid."
Das Wort war Parzivalen leid.
Da begann der gute Knab:
"Was mir meine Mutter gab,
Das soll nicht von mir kommen, (157, 1)
Mag es schaden oder frommen."
Das däuchte wudnerlich genug
Iwaneten (der war klug);
Dennoch folgt er ihm getrost, (157, 5)
Und war ihm nicht darum erbost.
Er zog ihm über die Ribbalein
Zwei Eisenschienen licht von Schein;
Zwei Schraubesporen ohne Leder
(Sie gehörten zu jedweder) (157, 10)
Fügt' er ihm an, von godle rot.
Eh er ihm den Halsberg bot,
Band er ihm um das Schinnelier.
Nicht lange mehr, so sah man hier
Von Haupt zu Fuß in blankem Stahl (157, 15)
Den ungeduldgen Parzival.

   Gern hätt der Knappe wohlgetan
Seinen Köcher umgetan.
"Ich reiche dir kein Gabilot,
Weil dies die Ritterschaft verbot," (157, 20)
Sprach Iwanet der Knappe wert;
Er schnallt' ihm um ein scharfes Schwert:
Das lehrt' er ihn vom Leder ziehn
Und widerriet ihm zages Fliehn.
Näher zog er dann heran (157, 25)
Des toten Mannes Katilian;
Es war von Beinen hoch und lang.
Der gewappnet in den Sattel sprang,
Stegereife braucht' er nicht,
Von dessen Raschheit man noch spricht.

   Noch ließ Iwanet nicht nach, (158, 1)
Er lehrt' ihn unter Schildesdach
Nach Kunstgebrauch gebahren
Und des Feindes Brust nicht sparen.
Er gab ihm in die Hand den Speer. (158, 5)
Darnach verlangte den nicht sehr,
Doch fragt' er: "Wozu soll das frommen?"
"Die gegen dich tjostierend kommen,
Auf die sollst du ihn brechen,
Durch ihren Schild verstechen. (158, 10)
Wer das recht zu treiben weiß,
Der hat vor den Frauen Preis."

   Die Aventüre gibt Bericht,
Nicht zu Köln noch Maastricht
Könnt ihn ein Maler schöner malen (158, 15)
Als man ihn sah vom Pferde strahlen.
Zu Iwaneten hub er an:
"Lieber Freund und Kumpan,
Ich hab erworben was ich bat:
Meinen Dienst nun magst du in der Stadt (158, 20)
Dem König Artus sagen
Und ihm meine Schande klagen.
Bring ihm zurück den Goldnapf hier.
Ein Ritter brach die Zucht an mir,
Dass er die Jungfrau schlug so sehr, (158, 25)
Die mein gelacht von Ohngefähr;
Mir liegt ihr Jammer stets im Sinn,
Es rührt mein Herz nicht obenhin:
Wohl muss inmitten drinne sein
Der Jungfrau unverdiente Pein.
Nun tus, weil wir uns gerne sehn. (159, 1)
Und lass den Schimpf dir nahe gehn.
Gott hüte dein; ich will nun fahren;
Der mag uns beide wohl bewahren."

   Jämmerlich da liegen ließ (159, 5)
Der Held Ithern on Gahevieß.
Der war im Tod noch minniglich,
Im Leben lebt' er seliglich.
Hätt ihn getötet Ritterschaft,
Ein Speerschuss ihn dahingerafft, (159, 10)
Wer klagte dann so seltne Not?
Er starb von einem Gabilot.

   Viel lichte Blumen ihm zum Dach
Iwanet darnieder brach.
Er stieß des Gabilots Stiel (159, 15)
In die Erde, wo er fiel;
Dann in Kreuzesform ein Holz
Stach der sinnge Knappe stolz
Durch das Gabilotes Schneide.
Dass er dies auch nicht vermeide, (159, 20)
Er macht' es in der Stadt bekannt,
Wo manche Frau verzagend stand,
Und mancher Ritter weinte,
Seine Treue so bescheinte.
Da ward der Jammer allgemein. (159, 25)
Man holte schön den Toten ein:
Die Königin ritt aus dem Tor;
Man trug das Heiligtum ihr vor.

   Ob dem König von Kukumerland;
Gefällt von Parzivalens Hand,
Frau Ginover die Königin (160, 1)
Sprach jammervoller Worte Sinn:
"Weh, o weh und heia hei!
Artusens Würdigkeit entzwei
Bricht der Schrecken dieser Stunde: (160, 5)
Der ob der Tafelrunde
Den höchsten Preis sollte tragen,
Wo der vor Nantes liegt erschlagen.
Seine Erbschaft sprach er an:
Nun ists der Tod, den er gewann. (160, 10)
Er war doch lange Ingesind
Allhier, dass weder Mann noch Kind
Übles je von ihm vernahm.
Aller Falschheit war er gram,
Über allen Trug erhaben.(160, 15)
Nun muss ich allzu früh begraben
Des höchsten Preises Siegel.
Sein Herz, der Tugend Spiegel,
Der Treue Grundfeste,
Riet immer ihm das Beste, (160, 20)
Wo man nach Frauenminne
Mit festem Mut und Sinne
Sollt erweisen Mannestreu.
Den Frauen wuchert immer neu
Des hier gesäten Leides Kraut. (160, 25)
Aus deiner Wunde Jammer taut.
Dir war doch wohl so rot dein Haar,
Dass dein Blut die Blumen klar
Nicht röter konnte machen.
Du verbietest weiblich Lachen."

   Ither der lobesreiche Held (161, 1)
Ward königlich der Gruft gesellt.
Sein Tod die Frauen seufzen lehrte,
Als ihm die Rüstung den bescherte:
Das Ende gab ihm ja nach ihr (161, 5)
Des blöden Parzivals Begier;
Als er mehr Verstand gewann,
Da hätt ers lieber nicht getan.

   Dieser Sitte pflag das Ross,
Dass keine Arbeit es verdross: (161, 10)
Ob es kalt war oder heiß,
Es geriet vom Laufen nie in Schweiß,
Obs über Stein und Wurzeln ging.
Das Gürten war an ihm gering:
Ein Loch schnallt es nur hinauf (161, 15)
Wer zwei Tage saß darauf.
Gewappnet ritts der kindsche Mann
Den Tag so weit, ein Kluger kann
Es nicht in zweien reiten
Stünd er auch auf bei Zeiten. (161, 20)
Er ließ es rennen, selten traben
Und wusst ihm wenig anzuhaben.

   Da der Abend anbrach
Gewahrt' er eines Turmes Dach.
Da wähnt' in seinem Sinn der Thor, (161, 25)
Der Türme wüchsen mehr hervor;
Ihrer stunden viel auf einem Haus.
Er dachte, Artus säe sie aus.
Das schrieb er ihm für Wunder an
Und dacht', er wär ein heilger Mann.

   Also sprach der blöde Held: (162, 1)
"Meiner Mutter Volk baut schlecht ihr Feld:
So hoch ja wächst ihr nie die Saat,
Die sie in dem Walde hat,
Wo es doch selten trocken wird." (162, 5)
Gurnemans de Graharz hieß der Wirt
In der fern erschauten Veste.
Eine Linde wiegte breite Äste
Davor auf grüner Wiese.
Zu breit noch lang war diese, (162, 10)
Nur in der rechten Maße.
Da trug ihn Ross und Straße
Dahin, wo er ihn sitzen fand,
Dem die Burg war und das Land.

   Ermüdung war es, die ihn zwang, (162, 15)
Dass er den Schild nicht richtig schwang,
Zu sehr vor, zu sehr zurück,
Und nimmer nach der Sitte Schick,
Die da glatt für rechtes Maß.
Fürst Gurnemans alleine saß. (162, 20)
Die Linde gab mit Wonne
Schatten vor der Sonne
Dem Hauptmann aller wahren Zucht.
Des Sitte Tadel zwang zur Flucht,
Der empfing den Gast: So war es recht; (162, 25)
Nicht Ritter war bei ihm noch Knecht.

   Parzival alsbald begann,
In seiner Einfalt hub er an:
"Meine Mutter hieß mich dessen Rat
Erflehn, der graue Locken hat.
Dafür will ich euch dankbar sein, (163, 1)
Da so mir riet die Mutter mein."
"Kommt ihr guten Rat zu hören
Hieher, so müsst ihr es verschwören
Mir zu zürnen um den Rat (163, 5)
Und immer tun, wie ich euch bat."

   Da warf der hehre Fürst zuhand
Einen jährgen Sperber von der Hand,
Der gleich sich in die Veste schwang,
Dass seine goldne Schelle klang (163, 10).
Das war ein Bote; Jungherrn gleich
Da kamen in Kleidern schön und reich.
Die bat er: "Führt hinein den Gast
Und entledigt ihn der Eisenlast."
Der sprach: "Meine Mutter sprach wohl wahr, (163, 15)
Altmannes Wort bringt nicht Gefahr."

   Da führten sie ihn ein zuhand,
Wo er viel werte Ritter fand.
Auf dem Hof war eine Statt,
Wo man ihn abzusteigen bat. (163, 20)
Der warf in seiner Thorheit ein:
"Mich hieß ein König Ritter sein;
Was mir darauf auch widerfährt,
Ich komme nicht von diesem Pferd.
Euch zu grüßen riet die Mutter mir." (163, 25)
Sie dankten beiden, ihm und ihr.
Da so das Grüßen war getan
(Das Ross war müd und auch der Mann),
Manches Grundes sie gedachten,
Eh sie vom Ross ihn brachten
Zu einer Kemenaten. (164, 1)
Da hört' er alle raten:
"Lasst den Harnisch von euch tun,
Dass sich die müden Glieder ruhn."

   Sie entwappneten ihn insgemein. (164, 5)
Als sie die rauen Ribbalein
Und die Thorenkleider sahen,
Da erschraken die sein pflagen.
Viel Lustges ward am Hof gesagt;
Der Wirt war schier vor Scham verzagt. (164, 10)
Ein Ritter sprach mit höfscher Zucht:
"Gleichwohl, so edle Frucht
Ersah nie meiner Augen Licht;
Er hat was Glück und Heil verspricht
In reiner hoher süßer Art. (164, 15)
Wie ist so der Minne Stolz bewahrt?
Mich jammert immer, dass ich fand
An der Lust der Welt so schlecht Gewand.
Wohl doch der Mutter, die ihn trug,
Der aller Gaben hat genug. (164, 20)
Sein Helmschmuck ist wohlgetan,
Die Rüstung stand ihm herrlich an,
Eh wir sie niederbanden,
Und von Quetschungen fanden
Manche schramme rot von Blut, (164, 25)
Die an sich trug der Knappe gut."

   Zum Ritter sprach der Wirt: "Gib Acht,
Ein Weib gebot ihm diese Tracht.
"Nein Herr, er hat noch solche Sitten.
Er wüste wohl kein Weib zu bitten,
Ihn zum Diener zu erwählen; (165, 1)
Sonst möcht ihm nichts zur Minne fehlen."
Der Wirt sprach: "Lasst uns zu ihm gehn,
Und seine fremde Tracht besehn."

   Die Herren gingen hin zur Stund (165, 5)
Und fanden Parzivalen wund
Von einem Speer; der blieb doch ganz.
Sein unterwand sich Gurnemans.
Der war solch ein Unterwinder,
Dass ein Vater seine Kinder, (165, 10)
An Treue Teil zu haben,
Nicht besser könnte laben.
Seine Wunden wusch und band
Ihm der Wirt mit eigner Hand.

   Nun war auch aufgelegt das Brot. (165, 15)
Des war dem jungen Gaste Not:
Hungrig war er überaus.
Nüchtern war er Morgens aus
Geritten von dem Fischersmann.
Die er von Nantes dann gewann, (165, 20)
Die Wunde, und der Harnisch schwer,
Macht' ihn müd und hungrig noch viel mehr,
Und die weite Tagereise
Von Artus dem Bretaneise,
Wo man ihn allwärts fasten ließ. (165, 25)
Der Wirt ihn mit sich essen hieß;
Da mocht erlaben sich der Gast:
In den Gaumen schob er solche Last,
Viel Speise ward zu nicht gemacht.
Des hatte doch der Wirt nicht Acht:
Ihn ermahnte stets aufs neue (166, 1)
Grunemans der Vielgetreue,
Dass er wacker äße
Und der Müdigkeit veräße.

   Man hob den Tisch hinweg zur Zeit. (166, 5)
"Ich wette, dass ihr schläfrig seid;
Ihr wart früh auf am Morgen doch."
"Gott weiß, meine Mutter schlief wohl noch;
Sie pflegt nicht früh zu wachen."
Der Wirt begann zu lachen (166, 10)
Und führt' ihn zu der Schlafstatt hin:
Da bat er ihn sich auszuziehn;
Er tats nicht gern, doch musst es sein.
Von Hermelin ein Laken fein
Bedeckte seinen bloßen Leib; (166, 15)
Nie gebar so werte Frucht ein Weib.

   Wie ihn Schlaf und Müde lehrte,
Auf die andre Seite kehrte
Sich der Held nicht manches Mal;
So lag er bis zum Morgenstrahl (166, 20)
Der edle Fürst gebot bei Zeit,
Dass ein Bad ihm wär bereit
Vor dem Teppich wo er lag,
Eh höher stiege der Tag.
Also musst es Morgens sein; (166, 25)
Viel Rosen warf man ihm hinein
Ob niemand ihn bei Namen rief,
Der Gast erwachte, der da schlief.
Der werte, süße Jüngling
In die Kufe sitzen ging.
Ich weiß nicht, wer sie darum bat: (167, 1)
Jungfraun in reichem Staat
Und von Ansehn minniglich,
Kamen zu ihm sittsamlich:
Die wuschen ihm und strichen sanft (167, 5)
Seiner Quetschungen Ranft
Mit blanken linden Händen.
Das durft ihn nicht befremden,
Dem Witz noch wenig Hilfe bot.
Also trug er Freud und Not, (167, 10)
Und entgalt der Einfalt nicht bei ihnen,
Da ihn mit holden Mienen
Jungfrauen so hantierten.
Wovon sie parlierten,
Zu allem schwieg er stille fein: (167, 15)
Es dürft ihm doch zu früh nicht sein,
Denn sie schienen wie ein zweiter Tag.
Als so ihr Schein im Wettstreit lag,
Da löscht' er selbst das Doppellicht:
Versäumt an Weiße war er nicht. (167, 20)

   Sie boten ihm ein Laken dar;
Doch nahm er des mit Nichten wahr.
So konnt er sich vor Frauen schämen:
Er wollt es nicht vor ihnen nehmen.
Die Jungfrauen mussten gehn, (167, 25)
Sie durften da nicht länger stehn.
Sie hätten gern gesehn zuletzt,
Ob er auch tiefer wär verletzt.
So getreu ist Weiblichkeit,
Ihr ist des Freundes Schaden leid.

   Da schritt der Gast ans Bett und fand (168, 1)
Für sich bereit schön weiß Gewand.
Von Gold und edler Seide fein
Einen Hosengürtel zog man drein.
Auch gab man rot scharlachne Hosen (168, 5)
Dem nimmer Kraft- und Mutlosen.
Avoi! Wie seine Beine standen!
Da war der rechte Schick vorhanden.
Scharlachbraun von schönem Schnitte
Und wohl gefüttert nach der Sitte (168, 10)
Waren Rock und Mantel lang,
Von Hermelin inwendig blank.
Schwarz- und grauer Zobel stand
Als Besatz vor jedem Rand;
Die warf er über sogleich. (168, 15)
Mit einem Gürtel schön und reich
Musst er noch den Leib verzieren,
Und dazu sich affischieren
Einen teuern Fürspann;
Sein Mund dabei vor Röte brann. (168, 20)

   Da kam der treue Wirt daher,
Ihm folgten Ritter stolz und hehr.
Der empfing den Gast. Als das geschehn,
Die Ritter mussten all gestehn:
"Wir sahen niemals schönern Leib." (168, 25)
Getreulich priesen sie das Weib,
Die solche Furcht der Welt gebar.
Aus höfscher Zucht, und weil es wahr,
Sprachen sie: "Ihm wird gewährt,
Wohin um Huld den Dienst er kehrt.
Minn und Gruß sind ihm bereit, (169, 1)
Ergehts nach seiner Würdigkeit."
Das gestanden alle da
Und jeder, der ihn künftig sah.

   Der Wirt ergriff ihn bei der Hand (169, 5)
Und führt' ihn mit sich unverwandt.
Unterweges fragt' ihn der,
Wie seine Ruhe wär
Bei ihm gewesen diese Nacht?
"Herr, lebend wär ich nicht erwacht, (169, 10)
Ein Glück, dass mir die Mutter riet,
Euch zu besuchen, als ich schied."
"Nun Gott lohn es euch und ihr;
Herr, zu gütig seid ihr mir."
Hin ging der Held, an Witz noch krank, (169, 15)
Wo man dem Wirt und Gotte sang.
Der Wirt ihn bei der Messe lehrte,
Was der Seele Heil ihm mehrte:
Opfern, und segnen sich
Und rüsten vor des Teufels Schlich. (169, 20)

   Sie gingen wieder auf den Saal:
Da stand der Tisch gedeckt zum Mahl.
Der Wirt bei seinem Gaste saß,
Der ungeschmäht die Speisen aß.
Da sprach der Wirt mit Höflichkeit: (169, 25)
"Wär euch die Frage, Herr, nicht leid,
So hätt ich gern vernommen
Wannen ihr her gekommen?"
Er sagt' ihm alles ungelogen,
Wie er von der Mutter war gezogen,
Vom Ringlein und vom Fürspann, (170, 1)
Und wie er Harnisch gewann.
Der Wirt erkannte den Ritter rot:
Er seufzte, denn es schuf ihm Not.
Dem Gast er nun den Namen ließ (170, 5)
Und ihn den roten Ritter hieß.

   Da man hinweg die Tafel nahm,
Da wurde wilde Sitte zahm.
Der Wirt sprach zu dem Gaste fein:
"Ihr redet wie en Kindelein: (170, 10)
Was geschweigt ihr eurer Mutter nicht
Und gebt uns anderlei Bericht?
Haltet euch an meinen Rat,
Der scheidet euch vom falschen Pfad.

   "So heb ich an: Legt nimmer hin (170, 15)
Die Scham, die aller Zucht Beginn.
Schamloser Mann, wie taugte der?
Als ob er in der Mauße wär,
So rieselt von ihm Würdigkeit
Und weist ihn zu der Hölle Leid. (170, 20)

   "Ihr tragt so edeln Schickes Schein,
Wohl mögt ihr Volkes Herre sein.
Ist hoch und höht sich eure Art,
Seht, dass ihr stets im Herzen wahrt
Erbarmung gegen dürftgen Mann; (170, 25)
Wider dessen Kummer kämpfet an
Mit Gut und milden Gaben:
Solche Demut sollt ihr haben.
Der kummervolle werte Mann,
Der vor Scham nicht betteln kann
(Das ist ein unsüßes Leid), (171, 1)
Dem seid zu helfen gern bereit.
Wenn ihr dessen Kummer stillt,
Das ist zu lohnen Gott gewillt.
Er ist übler dran, als der da geht (171, 5)
Zur Türe, wo das Fenster steht.

   "Ihr sollt verständig überein
Wissen arm und reich zu sein.
Denn wo der Heer zu viel vertut,
Das ist nicht herrlicher Mut; (171, 10)
Und will er Schatz nur mehren,
Das mag ihn auch nicht ehren.

   "Das rechte Maß sei euer Orden.
Ich bin wohl inne geworden,
Dass ihr ratbedürftig seid: (171, 15)
Nun meidet Ungezogenheit.

   "Ihr sollt zuviel nicht fragen,
Doch dürft ihr nicht versagen
Bedachte Antwort, die gemessen
Ziemet auf die Frage dessen, (171, 20)
Der euch mit Worten will erspähn.
Ihr möget hören, möget sehn,
Erwittern, spürend merken:
Das wird den Sinn euch stärken.

   "Lasst Erbarmung bei der Kühnheit sein: (171, 25)
Dem Rate sollt ihr Fogle leihn.
Wer im Kampf euch bietet Sicherheit,
Tat er euch nicht solches Leid,
Das Herzleid müsste geben,
Nehmt sie und lasst ihn leben.

   "Ihr tragt oft Harnisch und Zeuch: (172, 1)
Legt ihr sie ab, so reinigt euch
Gleich an Händen und Gesicht
Vom Rost des Eisens, das ist Pflicht.
So schaut ihr wieder hell und klar: (172, 5)
Des nehmen Frauenaugen wahr.

   "Seid mannlich und wohlgemut,
Das ist zu wertem Preise gut.
Die Frauen haltet lieb und wert:
So wird ein junger Mann geehrt. (172, 10)
Gebt nie dem Wankelmut euch hin:
Das ist rechter Mannessinn.
Wenn ihr sie thören wollt mit Lügen,
Wohl mögt ihr ihrer viel betrügen:
Lohnt treuer Minne falsche List, (172, 15)
Das bringt euch Lob gar kurze First.
Da wird des Schleichers Klage
Das dürre Holz im Hage,
Denn es knistert und kracht,
Dass der Wächter erwacht. (172, 20)
Strauchweg und verbotner Schlich
Führen üblen Streit mit sich.
Dies messet gegen wahre Minne.
Die werte hat auch kluge Sinne,
Gegen Falschheit, List und Kunst. (172, 25)
Verwirkt ihr jemals ihre Gunst,
So müsset ihr geunehrt sein
Und immer dulden Scham und Pein.

   "Dies sollt ihr nah dem Herzen tragen:
Ich will euch mehr von Frauen sagen:
Mann und Weib, die sind geeint, (173, 1)
Wie die Sonne, die heut scheint,
Und der heut genannte Tag,
Die beide niemand scheiden mag.
Sie blühn hervor aus einem Kern: (173, 5)
Das merket und erwäget gern."

   Dem Wirte dankt' er für das Wort.
Der Mutter schwieg er hinfort
Mit Reden, doch im Herzen nicht;
Das ist getreuen Mannes Pflicht. (173, 10)

   Der Wirt sprach was ihm Ehre schuf:
"Lernt auch Kusnt, euch ists Beruf,
An ritterlichen Sitten.
Wie kamt ihr her geritten!
Glaubt mir, ich sah schon manche Wand, (173, 15)
Wo der Schild an seinem Band
Besser hing als euch am Hals.
Es ist wohl Zeit noch allenfalls:
Lasst uns hinaus zu Felde,
Dass ich von Kunst euch melde. (173, 20)
Bringt sein Ross und mir das meine,
Und jedem Ritter das seine.
Auch sollen Junker mit zuhand:
Ein jeder führ' an seiner Hand
Einen starken Schaft und neu durchaus; (173, 25)
Den bring er uns aufs Feld hinaus."

   So kam der Fürst auf den Plan:
Da ward mit Reiten Kunst getan.
Er unterrichtete den Gast,
Wie er das Ross in voller Hast
Mit des Sporengrußes Pein, (174, 1)
Bei fliegender Schenkel Schein,
Auf den Gegner sollte schwenken,
Und den Schaft gehörig senken,
Und den Schild tjostierend vor sich halten: (174, 5)
"So müsst ihr Schildesamt verwalten."

   So trieb er Ungeschick ihm aus,
Wie ein schwankes Reis im Saus
Unartgen Kindern gerbt das Fell.
Dann ließ er kommen Ritter schnell, (174, 10)
Dass er mit ihnen tiostierte.
Den Gast er selber führte
Einem entgegen in den Ring.
Da brachte dieser Jüngling
Seinen ersten Tjost durch einen Schild, (174, 15)
Dass es wohl für ein Wunder gilt,
Und dass er hinters Ross verschwang
Einen starken Ritter groß und lang.

   Ein andrer Gegner war gekommen.
Da hat auch Parzival genommen (174, 20)
Einen starken neuen Schaft.
Seiner Jugend blühte Mut und Kraft.
Den jungen Süßen sonder Bart
Lehrte Gahmuretens Art
Und angeborne Mannheit: (174, 25)
Das Ross ersprengt' er wohl zum Streit
In gestrecktem Laufe wie man soll,
Und zielt' auf die vier Nägel wohl:
Des Wirtes Ritter heilt nicht Bügel
So dass er fallend maß den Hügel.
Viel kleiner Stücklein wohl zerschellt (175, 1)
Von Splittern sah man auf dem Feld.
Also stach er fünfe nieder.
Da nahm der Wirt ihn zu sich wieder;
Erhalten hatt er hier den Preis: (175, 5)
Er ward im Streit noch klug und weis.

   Die sein Reiten hier gesehn,
Die Kundgen mussten all gestehn,
Es wohne Kunst und Kraft ihm bei.
"Mein Herr wird seines Jammers frei. (175, 10)
Nun verjüngt sich wohl sein Leben.
Er soll zu Weib ihm geben
Seine Tochter, unsre Frauen.
Ist er klug, ihr sollt es schauen,
So lischt ihm seines Kummer Not. (175, 15)
Für der dreien Söhne Tod
Ritt ihm nun Ersatz ins Haus:
Nun endlich blieb sein Heil nicht aus."

  So kam der Fürst am Abend heim;
Gedeckt die Tafel musste sein. (175, 20)
Seine Tochter ließ er kommen
Zu Tisch, so hab ich es vernommen.
Da das Mägdlein kam heran,
Nun höret wie der Wirt begann
Zu der schönen Liaßen: (175, 25)
"Du sollst dich küssen lassen
Diesen Ritter, biet ihm Ehre;
Ihn berät des Heiles Lehre.
Euch aber mach ichs zum Beding,
Dass ihr der Magd den Fingerring
Ließet, wenn sie einen hätte; (176, 1)
Sie hat ihn nicht, noch Spang und Kette.
Wer schenkt' ihr einen Fürspann
Wie der Frauen dort im Tann?
Die hatte einen, der ihr gab (176, 5)
Was ihr der Schönen nahmet ab.
Liaßen könnt ihr wenig nehmen!"
Der Gast begann sich sehr zu schämen;
Er küsste sie doch auf den Mund:
Dem war wohl Feuerfarbe kund. (176, 10)
Liaße war gar minniglich,
Voll wahrer Keusche sicherlich.

   Der Tisch war nieder und lang;
Man sah an ihm nicht großen Drang.
Am Ende saß der Wirt allein; (176, 15)
Den Gast setzt' er mitten ein
Zwischen sich und sein Kind.
Ihre blanken Hände lind
Mussten schneiden wie der Wirt gebot;
Den man hieß den Ritter rot (176, 20)
Was der zu essen trug Begehren.
Niemand würd es ihnen wehren,
Blickten sie sich zärtlich an.
Das züchtge Mädchen wohlgetan
Tat gern des Vaters Gebot. (176, 25)
sie und der Fremdling blühten rot.

   Bald ging das Mägdlein hinaus.
So pflegte man den Gast im Haus
Bis an den vierzehnten Tag.
In seinem Herzen Kummer lag,
Um anders nichts, als weil ihm schien, (177, 1)
Ihm müsst erst Ruhm im Streite blühn,
Eh er daran würde warm
Was man da heißet Frauenarm.
Ihn däuchte, werte Brautschaft (177, 5)
Sei ein Glück von hoher Kraft
Für dieses Leben wie für dort.
Ungelogen ist das Wort.

   Eines Morgens er um Urlaub bat:
Da räumt' er Graharz die Stadt. (177, 10)
Der Wirt gab ihm ins Feld Geleit;
Da hob sich neues Herzeleid.
Da sprach der Fürst aus Treu erkoren:
"Mir geht der vierte Sohn verloren,
Da ich mich entschädigt glaubte (177, 15)
Dreier, die der Tod mir raubte.
Nur dreifach war bisher mein Schmerz;
Wer mir aber jetzt das Herz
Mit der Hand in Viere schlüge,
Jedes Stück von dannen trüge, (177, 20)
Das däuchte mich ein Hochgewinn.
Eins für euch (ihr reitet hin);
Für meine Söhne drei, die lieben,
Die mutig sind im Kampf geblieben.
Doch solchen Lohn gibt Ritterschaft; (177, 25)
Ihr End umstrickt mit Jammers Haft.

   "Mir lähmt ein Tod die Freude gar,
Meines Sohnes, der so blühend war;
Er hieß mit Namen Schenteflur.
Da Kondwiramur
Leib und Land nicht wollt ergeben, (178, 1)
Verlor ihr Helfer er das Leben
Von Klamide und von Kingraun.
Mir ist durchlöchert wie ein Zaun
Das Herz von Jammerschnitten. (178, 5)
Nun zu früh seid ihr geritten
Von ir trostlosem Mann.
O weh, dass ich nicht sterben kann,
Da Liaße die schöne Magd
Und mein Land euch nicht behagt. (178, 10)

   "Mein andrer Sohn hieß Komte Laskoit:
Den hat mir Ider Fils de Noit
Erschlagen eines Sperbers halb:
Davon ist meine Freude falb.
Mein dritter Sohn hieß Gurzgri, (178, 15)
Dem Mahaute verlieh
Ihren blühenden Leib,
Denn es gab sie ihm zum Weib
Ihr stolzer Bruder Eckunat.
Gen Brandigan der Hauptstadt (178, 20)
Kam er um Schoidelakurt geritten;
Da hat auch er den Tod erlitten:
Ihn erschlug Mabonagrein.
Mahaut verlor den lichten Schein.
Seine Mutter auch, mein Weib, ist tot (178, 25)
Vor Leid um ihn und Sehnsuchtsnot."

   Wohl sah der Gast des Wirtes Qual;
Der unterschied sie ihm zumal.
Da sprach er: "Herr, ich bin nicht weise;
Doch komm ich je zu Ritters Preise,
Dass ich wohl Minne mag begehren, (179, 1)
Liaßen sollt ihr mir gewähren,
Eure Tochter, die schöne Magd
Ihr habt mir allzu viel geklagt:
Kann ich des Jammers euch entschlagen, (179, 5)
Des lass ich euch so viel nicht tragen."

   Urlaub nahm der junge Mann
Von dem getreuen Fürsten dann
Und von dem Ingesind zumal.
Die Dreizahl in des Fürsten Qual (179, 10)
Stieg traurig nun zur Vierzahl auf.
Die vierte Einbuß ist sein Kauf.

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143, 21-144, 4. Diese Anspielung auf Hartmanns Ereck ist frei von aller Feindseligkeit, wie denn die gehäuften Bezüge auf dasselbe eher dartun könnten, dass es Wolfram über Verdient geschätzt habe. Vielmehr kann diese Stelle zu dem Beweise gebraucht werden, dass es Hartmann war, der den König Artus und seine Tafelrunde in die deutsche Poesie einführte, und durch den Beifall, den sein erstes Werk dieser Gattung gewann, auch unsern Dichter von der deutschen Heldensage, mit der er sich bis dahin beschäftigt zu haben scheint, auf dies neue von Hartmann eroberte Gebiet hinüberzog. Die Drohung, an Enite und ihrer Mutter Rache zu nehmen, wenn sein junger tölpischer Held seines unhöfischen Aufzugs wegen an Artus Hofe verspottet würde, erklärt sich daraus, dass auch Enite, die Tochter edler, aber herabgekommener Eltern, Artus Hof in ärmlichen Kleidern betrat. ^

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