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Wolfram von Eschenbach - Biografie

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            20. Loherangrin
            21. Klinschor
            22. Priester Johannes
            23. Verchristlichung
            24. Jüngere Titurel
            25. Albrecht und Kiot
            Anmerkungen

9. Kiot

Ein fruchtbarer nordfranzösischer Dichter, Chréstien du Troyes, der gegen das Ende des zwölften Jahrhunderts (1170 - 90) blühte, hat ein Gedicht von Parzival hinterlassen, das nach seinem Tode von mehreren andern fortgesetzt worden ist. Aus diesem will aber Wolfram, obwohl er es kannte, nicht geschöpft haben, vielmehr tadelt er ausdrücklich Meister Christians Behandlung dieser Sage. Zur Rechtfertigung seiner eigenen abweichenden Darstellung beruft er sich auf einen Provenzalen Namens Kiot (Guiot) als seinen Gewährsmann, wobei nicht erhellt, ob diesen auch schon Chrestien gekannt haben soll; Wolframs Worte, über das Unrecht, das Meister Christian der Sage getan habe, möge Kiot wohl zürnen, lassen auch die Annahme zu, dass umgekehrt Kiot schon Chrestiens Behandlung gekannt habe. Aber obgleich Kiot ein Provenzale gewesen sein soll, von dem man erwarten würde, dass er sich der provenzalischen Sprache, der Langue d'Oc, nicht aber des nordfranzösischen Idioms bedient habe, so meldet doch unser Dichter ausdrücklich, er habe französisch vom Grale gesprochen, und ein Irrtum oder eine Ungenauigkeit im Ausdruck ist hier umso weniger zu vermuten, als die einzelnen Worte und Verse, welche er aus seiner Quelle aufnimmt, nordfranzösisch, nicht provenzalisch sind. Kiot hätte also entweder in französischer Sprache gedichtet, oder unserm Dichter dessen Werk nicht im Original, sondern in einer gereimten französischen Übersetzung vorgelegen.

Da Kiots Werk, wenn es mehr ist als eine Fiktion, uns nicht mehr vorliegt, so kann uns keine Vergleichung über den Grab von Selbständigkeit belehren, welchen unser Dichter seiner Quelle gegenüber behauptet hat. Indessen können wir sie uns kaum groß genug denken, da Wolframs scharf ausgeprägte Persönlichkeit überall auf das Bestimmteste hervortritt, jede Zeile seinen Geist atmet, und die vielen höchst individuellen Ergüsse sowohl, als die Anspeilungen auf deutsche Verhältnisse und deutsche Sage jeden Gedanken an eigentliche Übersetzung ausschließen. Nicht einmal im Tatsächlichen müsste Kiot überall als Wolframs Gewährsmann gelten. Schon von andern ist bemerkt worden, dass ein Teil der Geschichten Gahmurets deutschen Ursprung verrate. Der Schotten-König Friedebrand, der mit Heuteger von Schotten den Mohren Eisenhart, seinen Verwandten, zu rächen gekommen, aber wieder heimgefahren ist, um sein eigen Land vor den Verwandten Hernants, den er Herlindens willen erschlagen hatte, zu schützen, und dessen Weib eine Tochter Schiltungs genannt wird, würde schon dieser deutschen Namen wegen nicht romanischen Ursprungs scheinen, wenn auch nicht das in der sog. Manessischen Sammlung enthaltene Lehrgedicht von König Tirol von Schotten und seinem Sohne Friedebrand, und die im Wartburgkriege erwähnte, offenbar aus einem größern erzählenden Gedicht von König Tirol und Friedebrand, von dem meuerlich Bruchstücke zum Vorschein gekommen sind (Zeitschrift für deutsches Alterth. I. 1, 7.), herrührende Sage von dem als Fliege in den Rubin eines Ringes gebannten Geist, der dem König Tirol beim Schachspiel Rat erteilt habe, auf einen noch unerforschten heimischen Zusammenhang, etwa mit der Gudrunsage, deutete. Dass diese Namen und die entsprechenden Teile der Fabel schon Kiot gekannt hätte, wäre zwar möglich, wenn man annähme, dass so frühe schon deutsche Überlieferungen unter romanische gedrungen wären; aber die unentstellten deutschen Namensformen sprechen dagegen und die Überlieferung der Meistersänger, Wolfram von Eschenbach habe von seinem Meister "Friedebrand" zu Siegbrunnen in Schottland Bücher empfangen, scheint anzudeuten, dass man schon damals diese Sagenbestandteile nicht aus Kiots Gedicht abgeleitet habe. Vgl. Die Anmerkung zu 496, 21. Aber auch die Anordnung, die poetische Gestaltung eignet Lachmann unserm Dichter zu. Hören wir ihn selber: "Die Abgeschlossenheit des Inhalts, das Ebenmaß der Teile, die Wärme, Wahrheit und Tiefe der Darstellung haben wir ohne Zweifel dem deutschen Dichter allein zu danken; wie überhaupt die französische Poesie des zwölften Jahrhunderts durch den Reichtum der erhaltenen und ausgebildeten, teils eigenen, teils entlehnten Sagen weit über die deutsche des dreizehnten hervorragte: Aber in einer dürftigen, unbefestigten Sprache, starr an den hergebrachten epischen Formeln haftend, und auf die Ausführung zu ungeheueren Maßen ausgehend, blieb die Darstellung weit hinter dem Reichtum der Erfindung zurück, während die deutsche Poesie, die schwindenden Sagen ebenfalls in größeren Maßen ausgehend, blieb die Darstellung weit hinter dem Reichtum der Erfindung zurück, während die deutsche Poesie, die schwindenden Sagen ebenfalls in größeren Maßen festzuhalten und fremde sich anzueignen bestrebt, aus der alten epischen Umschreibung des einzelnen erst zu der einfachen farblosen Erzählung überging, dann aber, je mehr Situation und Fortschritt der Begebenheiten die Empfindung traf, in den Eigentümlichkeiten sehr verschiedener Dichter sich zu mannigfaltigen, freilich nicht lange dauernden Blüten entwickelte. Den ausgezeichneten Werken dieser Zeit werden in der Darstellung die Originale nie gleichkommen: Und wenn bei den Franzosen das Studium der ältern Literatur nicht noch allzu oft Liebhaberei ohne historische Betrachtung wäre, so möchte man es für Absicht oder Scheu vor der Vergleichung halten, dass sie den Chevalier au lion, ein Werk des bedeutendsten Dichters, das in mehreren Handschriften erhalten, schon den Trieb zur Kritik wecken sollte, noch immer nicht herausgegeben haben. den Inhalt und Gang des französischen Gedichts unter des Provenzalen Guiots Namen können wir noch vollständig genug angeben. Denn es leidet keinen Zweifel, dass der Dichter des Titurel dasselbe Werk vor sich hatte (vergl. u. § 24) und der Ordnung desselben streng folgte, wenn er auch den innern Zusammenhang der Sage noch weniger als der französische Dichter fasste. Wolfram, dem das Ganze, wie uns, ein Gewirr unverständlicher, schlecht verbundener Fabeln scheinen mochte, ward von Parzivals Sage, die auch schon Christian ausgeschieden hatte, besonders angezogen und ihn bewegte offenbar der epische Gedanken, den er wohl erst durch seine Behandlung wird hineingetragen haben, wie Parzival in der Gedankenlosigkeit der Jugend das ihm bestimmte Glück verfehlt, und erst nachdem er die Verzweiflung überwundne und in dem unverschuldeten Kampfe gegen Freund und Bruder das Härteste erfahren hat, in der Treue gegen Gott und sein Weib er erstrebten höchsten Glückseligkeit würdig befunden wird. Um diesen Gedanken darzustellen, nahm er mit verständiger Wahl die Geschichten von Gahmuret und Gawan auf: Aber er ließ, außer dem, was er für den Titurel bestimmte, noch manches aus, was entweder unbedeutend oder störend schien. - Diese Geschichten, die auch meistens an sich wenig Wert haben, opferte Wolfram der ohne Zweifel weit größeren und edleren Ansicht auf, dass Parzival in seiner Verzweiflung nicht der Herr der Aventüre sein dürfte. Und dass seit der Erlösung Pardiskalens der Held sich entschließt, überall, wo er hinkommt, nach Land und Leuten zu fragen, ist gewiss dem ursprünglichen Sinn der Sage nicht so angemessen, als dass ihm weit später noch (559, 9-28 das Abenteuer von Chastel merveil entgeht, weil er nicht fragt."

Vortrefflich hat hier Lachmann den Grundgedanken des Gedichtes ausgesprochen; wir müssen ihm ganz beistimmen, wenn wir überzeugt sein dürften, dass dieser Gedanke und die Wahl der angegebenen Mittel zu seiner Darstellung auf Rechnung unseres Dichters, nicht seines Gewährmannes, zu stellen seien, Daran aber, dass erst Wolfram durch seine Behandlung jenen epischen Gedanken in das Gedicht getragen habe, erregt Lachmann selber Zweifel durch die Angabe, dass schon Chrestien von Troyes Parzivals Sage ausgeschieden hatte: Bei Kiot, dem unser Dichter den Vorzug vor Chrestien gibt, sollte man darnach kein Gewirr unverständlicher, schlecht verbundener Fabel mehr erwarten. Dazu kommt nun, dass die von Lachmann gerühmte verständige Wahl in der Aufnahme der Geschichten von Gawan unserm Dichter gleichfalls nicht zu Gute gerechnet werden kann, da schon Chrestien, den er neben Kiot kannte, die Episoden von Gawan während Parzivals Verzweiflung einflocht. Aber die Sache steht noch viel schlimmer für unsern Dichter solang wir von der Voraussetzung ausgehen, dass er überhaupt einem Kiot folgte: Ihm kann dann unmöglich so viel Verdient um die Anordnung und poetische Gestaltung des Stoffes zugeschrieben werden als ihm Lachmann zuerkennen will. Denn aus der von dem jüngern Titurel befolgten Ordnung schließen zu wollen, dass Kiots Werke in Gewirr unverständlicher, schlecht verbundener Fabeln war, geht darum nicht an, weil wie schon in unserer ersten Auflage dargetan wurde (vgl. unten § 25. Albrecht und Kiot), der Dichter des jüngern Titurel Kiots Werk keineswegs vor sich hatte.

Aus dem was wir jetzt von Chrestiens Werk wissen, geht vielmehr deutlich hervor, dass Wolfram von Parzivals Geburt bis zu dem ersten Auftreten des nur ihm bekannten Feirefiß derselben Ordnung folgte, die sich schon bei Chrestien und seinen Nachfolgern findet. Von da ab nimmt seine Erzählung einen selbständigen Gang und wendet sich unmittelbar der Darlegung der oben mit Lachmanns Worte ausgesprochenen Grundidee zu, die mit der Elsternfarbe des Feirefiß zusammenhängt, wie schon Wolframs Einleitung andeutet. Des Feirefiß wegen sind auch die zwei ersten Bücher von Parzivals Vater Gahmuret vorausgeschickt, deren zum größten Teil aus der deutschen Sage geschöpfter Inhalt dem französischen Dichter ganz fremd sind. Hätte er diese  Teile des Gedichts, welche seine Idee zur Anschauung bringen, ihm erst den Stempel eines Kunstwerks aufdrücken, dem Kiot entlehnt, dann wäre er ihm wahrscheinlich auch für alles Schöne verpflichtet, was seine frühere Darstellung vor der Chrestiens auszeichnet: Damit aber sänke Wolfram fast zu einem Übersetzer herab wie Hartmann nicht viel mehr war in dreien seiner Werke, nicht im vierten, im armen Heinrich.

Über die Ansicht Lachmanns, aus Scheu vor der Vergleichung mit Hartmanns Werk hätten die Franzosen Chrestiens Chévalier au lion noch nicht herausgegeben, vlg. Dr. W. L. Holland Chrestien von Troves 1851. S. 178 bis 184. Wie aber auch jetzt, da Chrestiens Werk in der Sammlung der Lady Guest vorliegt, das Urteil zu Ungunsten Hartmanns sich stelle, für das Verhältnis Wolframs zu seiner Quelle lässt sich daraus kein Schluss gewinnen. Die Krone, die man aus der Treue gegen seinen Gewährsmann für Wolframs Haupt flechten zu wollen scheint, würde der eigentümlichste und kühnste unserer höfischen Dichter unwillig von sich weisen. Wer die blitzende Schönheit der beiden lyrisch-epischen abschnitte von Sigunen und Schionatulander im sog. ältern Titurel, im Willehalm die gewaltige Heldenkraft empfunden hat, die in der Szene mit dem sterbenden Vivianz oder in jener vor dem schwachen Loys und seinem Weibe atmet, wer dem Dichter das stolz freudige Bewusstsein gegönnt hat, mit der er im Parzival 337, also unmittelbar vor der Einführung der Obilot, die seine schönste Schöpfung ist, auf die geschilderten Frauen zurückblickt, der wird wissen, hier ist mehr als Hartmann. Was hätte dieser, was die ganze alte französische und provenzalische Literatur nur neben diese Obilot zu stellen, deren lebensvolle Anmut kaum Goethe wieder erreicht hat? Wer empfände nicht mit Gawan (395, 22-24) ein freundliches Gelüste, dies schöne Kind wie eine Docke an seine Brust zu ziehen und abzuküssen? Sie ist erst was wir Backfisch nennen, ihr fehlen noch fünf Jahre, ehe sie Minne geben könnte (370, 16) und wie liebenwürdig, wie reizend ist sie doch! Wie Recht hatte ihr Vater Lippaut, wenn er (374, 10) laut schreien wollte vor Freude, dass ihn Gott mit diesem Mädchen beraten hatte, das, wie er voraussah, durch ihre glückliche Naturanlage der gute Engel seines Hauses werden sollte. edle Frauengestalten zu erschaffen und darzustellen ist eine Gabe, die Wolfram mit unserm größten euern Dichter gemein hat: Er durfte sich wohl etwas darauf zu Gute tun, und nicht ohne Absicht hat er jenen Rückblick an diese Stelle gesetzt, wo er auf Belakane, auf Herzeleide, auf Sigune dieses allerliebste kleine Geschöpf folgen lassen wollte. Schon der Gedanke war verwegen, ein Mädchen in diesen Jahren zum Mittelpunkt dieser lieblichen Ritteridylle zu wählen: Niemand hätte darauf verfallen können, der sich nicht der Meisterschaft in der Schilderung weiblicher Seelen bewusst war. Aber was hilft es uns, diese unvergleichlichen Schönheiten hervorzuheben, wenn Wolfram sie wieder abtreten müsste an den Dichter, der mit Feirefiß und Gahmuret dem Gedichte von Parzival erst seine Idee, seien Seele einhauchte, denn diesem wird man schon auch zutrauen, dass er jene so lebenswarmen als naturgetreuen weiblichen Gestalten erschaffen habe. Lachmann, der Wolframs schöpferische Kraft wohl erkannte, wollte ihm in der Anordnung, in der poetischen Gestaltung seines Stoffs eine Selbständigkeit zuschrieben, die sich mit der Annahme, dass er an Kiot einen Gewährsmann gehabt habe, nicht mehr verträgt, seit uns der Rückschluss aus dem jüngern Titurel auf Kiots Werk versagt ist. Glücklicherweise wird aber dieser Kiot, den die provenzalische Literaturgeschichte so wenig kennt, als die französische, auch aus der deutschen gestrichen werden müssen. Wolfram hatte ihn nur fingiert, um die Autorität Meister Christians in sklavischen Gemütern zu brechen, welche dem Dichter die ihm von Gott und Rechtswegen gebührende Freiheit nicht zugestanden, einen von außen überlieferten Stoff aus sich heraus umzubilden, damit er seiner Idee entspreche.

Die Widersprüche, in welche sich Wolfram in Bezug auf Kiot verwickelt, indem er ihn einen Provenzalen nennt, der aber doch französisch vom Grale gesprochen haben soll, lassen sich nur lösen, wenn man annimmt, dass Wolfram von jenem als Liederdichter bekannten Guiot von Provins Kunde hatte, wie er auch seinen Zeitgenossen nicht ganz unbekannt geblieben sein kann, da er mit Heinrich von Veldeke an Kaiser Friedrichs großem Hofe zu Mains 1184 zusammen getroffen war. Er benutzte diese Kunde, vielleicht mit absichtlichem Missverständnisse des Namens, um dem Ansehen des berühmten nordfranzösischen Dichters einen namhaften provenzalischen Gewährsmann gegenüberzustellen, der als Provenzale vom Grale und der Gralssage besser unterrichtet scheinen konnte. Gleichwohl sagte er, Kiot habe französisch vom Grale gesprochen, weil ein Teil der eingeflochtenen romanischen Namen, und alle Zeilen und Halbzeilen, die er wohl dem Chrestien entnommen hatte, französisch waren. Ein wirklicher Provenzale, der ein erzählendes Gedicht in kurzen Reimpaaren (auf solche deuten die eingeflochtenen welschen Zeilen) gedichtet hätte, würde schwerlich la (sic!) schantiure heißen: Diese Bezeichnung weist auf Guiot de Provins, von dem uns Lieder erhalten sind. Warum wäre von einem so bedeutenden Dichter wie jener Provenzale gewesen sein müsste, auch gar keine Kunde gerettet, so wenig als von seinem Gedichte? Und warum fänden sich überhaupt in der Provence, wenn dort Kiot gedichtet hätte, so wenig Anspielungen auf die Gralssage, und unter diesen nicht eine, die nicht auf Chrestien zurückgehen könnte?

Chrestiens und seiner Nachfolger Werk kennen wir, auch nach Hollands Monographie, bis jetzt nur oberflächlich. Gewiss ist es nicht Scheu vor der Vergleichung, so begründet diese hier wäre, was die Franzosen bisher abgehalten hat, seinen Romans de Perzival, oder nannte er ihn "Li contes del Graal", zu veröffentlichen. Längst aber hätten die Deutschen, die sich so eifrig mit romanischer Literatur beschäftigen, die eigene deutsche so gern von ihr abhängig zeigen, ihnen darin zuvorkommen sollen. Indessen bezeugt uns W. Wackernagel (Altfranzösische Lieder und Briefe S. 191), dass bei Wolfram ganze lange Stellen beinahe wörtlich mit Chrestien stimmen. Mögen auch die von ihm verglichenen Stellen nach seiner mündlichen Mitteilung am Eingang von Chrestiens Gedichte gestanden und von der Erziehung des jungen Parzival im Walde Soltane gehandelt haben, immer spricht dieses Zeugnis dafür, dass unser Dichter dem Chrestien folgte. Zwar will sich Wackernagel des Dichters Angabe über Kiot mit seiner eigenen Wahrnehmung so vereinigen, dass das Werk Kiots, den er für Guiot von Provins nimmt, eine Umarbeitung des von Chrestien gedichteten gewesen sei; aber teils scheint dies im Widerspruch mit den Worten unsres Dichters (416, 25-27), wonach Kiot ein arabisches Werk als seine Quelle angegeben habe, teils kannte Wolfram nach seinen eigenen Zeugnis Chrestiens Werk, und was kann näher liegen als aus dieser Kenntnis seine fast wörtliche Übereinstimmung mit demselben in den von Wackernagel verglichenen Stellen abzuleiten?

Fassen wir Chrestiens Werk näher ins Auge, so fehlt in demselben der Inhalt der zwei ersten Bücher Wolframs, derselben die soviel aus der deutschen Nordseesage enthalten. Chrestien kennt nicht einmal den Namen von Parzivals Vater Gahmuret, der sonach nur in deutschen Gedichten genannt wird. Mit der Erziehung des vaterlosen Knaben im Walde Soltane anhebend, gibt Chrestien die aus Wolfram bekanten Abenteuer bis zu dessen vierzehnten Buche; er hatte also auch, wie schon erwähnt, nach Parzivals Verwünschung von der maulvaise damoiselle (Kundrie) Gawan (Gauvain) als Herren der Aventüre für ihn eintreten, dann aber, nach dessen ersten Abenteuern im siebenten und achten Buch unseres Dichters (Obilot und Antikonie) Parzival zu dem Einsiedler (Trevrezent) gelangen lassen.

Nun folgen die Abenteuer Gauvains mit dem Wunderbette, die Befreiung der Frauen auf dem Zauberschloss und das Zusammentreffen mit Giromelans (Gramoflanz), bei dem nur der Baum fehlt, von dieser hegt. Erst nach Gawans Einladung des Artus am Schluss unseres zwölften Buchs beginnt bei Chrestiens eine lange Reihe dem Wolfram fremder Abenteuer; der Held der zwölf ersten scheint immer noch Gawan, der nun auch zum Gralskönig gelangt. Mit dem zwölften tritt endlich Parzival wieder ein; aber noch befinden wir uns nicht auf bekanntem Gebiete. Nur das Abenteuer mit dem Schachbrett, dessen Steine von selbst spielen, und ein anderes mit dem Hirsch, stimmt wenigstens mit dem Mabinogi (§ 14., 15. unten), wie dort bemerkt ist. Nachdem nun Parzival nach Beauripaire (Pelrapär) zu seiner Gemahlin Blancheflour (Condwiramur) zurückgekehrt war, die er aber bald wieder verließ, findet er das Grab seiner Mutter und zieht dann zurück zu dem Einsiedler (Trevrezent), dem er beichtet. Hier etwa geht Chrestiens Anteil zu Ende und seine Fortsetzer treten ein; damit heben aber auch neue uns und dem Grale fremde Abenteuer an, bis endlich Parzival ohne den Feirefiß, von dem sich keine Spur findet, zum Fischerkönig zurückgelangt. Ehe er aber nach dem Tode des Roi Pechor das Gralkönigtum erwirbt, wirren sich noch einmal wilde zwecklose Abenteuer.

Hieraus ergibt sich, dass Wolfram, wenn er aus Chrestien schöpfte, wofür alles spricht, die beiden ersten Abenteuer, deren Held Gahmuret ist, selber hinzugefügt hat; dem Chrestien folgte er dann von Parzivals einsamer Erziehung im Walde bis Gawans Abenteuer in dem Zauberschloss zu Ende gehen. Diese ließen sich noch, was sie bei Chrestien nicht waren, mit der Hauptbegebenheit in Verbindung bringen, durch die neue Erfindung nämlich, dass um dieselbe Orgeluse, um deren Held sich jetzt Gawan bemüht, früher Anfortas, der Gralkönig, geworben habe. Hierin ward nun der Grund aufgedeckt, wodurch dieser das Gralskönigtum verwirkt und die schmerzhafte Wunde davon getragen habe, von der ihn Parzivals Frage heilen sollte.

Dass diese Verbindung erst hergestellt werden musste, wird eine nähere Betrachtung der Abenteuer Gawans ergeben. Diese liegen uns jetzt, außer Wolframs Darstellung, noch in drei abweichenden Versionen vor: Bei Chrestien, in dem Mabinogi, vgl. unten, wo Gawan Gwalchmai heißt, und in Der Aventüre Krone Heinrichs von dem Türlin ed. Schöll, Stuttgart 1852.

Das erste Abenteuer (Obilot), das auch Chrestien kennt, ist bei Heinrich wenig verändert, nur der Hauptreiz, Obilots Kindheit, fehlt. Die Namen sind Fursensephin (Obie), Quebelepluz (Obilot), Fiers von Arramis (Meljanz von Li), Leigamar (Lippaut). Chrestien nennt den Lippaut Thybaut de Tintaguel, während Mellians stimmt und die beiden Mädchen ungenannt bleiben. Nur bei Wolfram handelt es sich um eine Belagerung (wenn nicht im Mabinogi das Mädchen, das auf luftiger Höhe gefangen gehalten wird, entspricht), bei Chrestien und Heinrich nur von einem Turnier. Nicht Fiers (Meljanz) trägt zuletzt die Braut davon, sondern Gawan, der sie im Turnier gewonnen hat, wendet sie einem dritten, Quoikos, zu.

Fast unmittelbar schließt sich auch bei Heinrich wie bei Chrestien und Wolfram das zweite Abenteuer (Antikonie) an. Im Mabinog ist es nicht wie das vorhergehende bloß leise angedeutet, sondern ausführlich und ziemlich übereinstimmend erzählt. Auch das Schachbrett, das als Schild dient, fehlt nicht. Namen nennt es nicht; bei Chrestien heißt der König von Askalon Descavillon. Ganz andere Namen bei Heinrich, wo überhaupt die Übereinstimmung geringer ist als in dem Mabinogi. Die Beschuldigung des Todschlags wird von Angaras, dem jungen Sohne des Schlossherrn, erhoben, dem Gawan einen Bruder im Turnier erschlagen hatte. Die Jungfrau, mit der er Schach gespielt hatte, heißt Seimuret; sie rettet ihn auf den Turm, wo er sich mit dem Schachbrett verteidigt. Der Schlossherr ist aber hier seiner wirtlichen Pflicht eingedenk. Auch der Ausgang ist derselbe wie bei Wolfram: Gawan muss geloben, den Gral zu erfahren, oder sich in Jahresfrist wieder auf Karamphi, so heißt das Schloss, gefänglich einzustellen.

Nach einem neuen Abenteuer, von dem sich sonst keine Spur findet, folgt bei Heinrich das mit Lohenis von Rahas, der dem Urjan bei Wolfram entspricht. Weder bei Chrestien, von dem wir freilich noch so wenig wissen, noch in dem Mabinogi finde ich es angedeutet. So verliert auch nach Heinrich wie bei Wolfram Gawan sein Pferd und muss mit einer elenden Mähre, nicht der des Lohenis (Urjan), sondern eines missgeschaffenen Reiters, der dem Malkreatüre bei Wolfram gleicht, den Kampf mit Ansgü (Lischois Giwelljus) auf dem Blumenfelde vor der Fähre bestehen. Das Wichtigste ist aber, dass weder hier noch weiterhin bei Heinrich eine Spur von Orgeluse begegnet. Da sie auch Chrestien nicht zu kennen scheint, so wenig als den Cidegast, so muss sie entweder Wolfram oder Kiot erfunden haben, um den Gralskönig Anfortas und seine schmerzhafte Wunde mit diesen Abenteuern Gawans in Verbindung zu bringen, die dadurch dem Gral und der Hauptbegebenheit näher treten. Nirgends erscheint auch Parzival in der Ferne wie bei Wolfram, der mit bewunderungswürdiger Kunst in den Abschnitten, wo Gawan der Herr der Aventüre geworden ist, doch den Haupthelden nie ganz aus den Augen verlieren lässt, indem er immer aus dem Hintergrunde kämpfend und siegend hervorblickt. Nur dadurch, dass auch Gawan sich verpflichten musste, nach dem Grale zu forschen, ist bei Heinrich und im Mabinogi noch eine lose Verbindung mit der Haupthandlung zu erkennen. Hier könnte die Vergleichung schließen; wir führen sie aber fort, weil sie für die Geschichte der Sage noch mehr zu ergeben verspricht. Der Fährmann, bei Wolfram Plippalinot, heißt bei Heirnich Karadas; auch er heischt so, teuren Fährlohn. Es folgt nun, wie man erwartete, und wie bei Chrestien, gleich nach Parzivals Aufenthalt bei dem Fährmann, das Abenteuer mit dem Lit merveil (perilleur bei Chrestien) auf dem Zauberschloss des Nekromantikers, den Chrestien nicht nennt: Bei Heinrich heißt er Gansguoter von Micholde: Er zieht sich durch das ganze Gedicht hindurch, ohne dass von seiner Entmannung eine Spur begegnete. Auch boshaft scheint er nicht, vielmehr ist ein Liebesverhältnis mit Igern (Arnive), Artusens Mutter, angedeutet, die mit ihrer Tochter Orcades (Sangive) und ihrer Enkelin Clarifanz (Itonjê), Gawans Schwester, in dem Schlosse, hier Salie genannt, wohnt. Clarifanzens Hand ist der Lohn des bestandenen Abenteuers; aber nur einem Tadellosen mag das gelingen. Als es Gawan bestanden hat, wird er von Mancipicellen, die ihn schon früher zu einem neuen Kampfe über den Fluss gerufen hat, aufgefordert, auf einem benachbarten Anger, wo verjüngende Blumen wüchsen, einen Kranz für ihre Herrin zu winden, die unter der Last des Alters seufzte. So ist das Abenteuer mit Giremelanz (bei Chrestien Giromelans: Gramoflanz) angeknüpft, obwohl nicht ausdrücklich gesagt wird, dass er der Blumen hüte. Doch wird der Kampf auch hier vertagt, um vor Artus ausgekämpft zu werden. Bei Artus gilt Gawan in Folge früherer, hier allein erzählter Begebnisse für tot, und der Bote, der seien Einladung an Artus Hof bringt, verursacht hier so großen Jubel, dass er fast erdrückt wird. Weil dieser Zug bei Wolfram, der nur einen Teil der spätern Abenteuer Gawans einflechten konnte, notwendig fehlen musste, befriedigt die entsprechende Erzählung von des Boten Aufnahme bei Artus im Parzival weniger. Als Artus mit großem Gefolge sich einstellt, und seine von Gawan befreiten Verwandten, Mutter, Schwester und Nichte findet, wird auf der letzteren Bitte, die schon längst mit Giremelanz, wie Itonjê mit Gramoflanz, ein Liebesverhältnis hat, der Kampf aufgehoben, und die Zwietracht durch eine Hochzeit beigelegt. Bei Chrestien scheint dagegen der Kampf Gauvains mit Giromelans wirklich ausgefochten zu werden. Das Weitere entspricht nicht mehr.

In keiner der drei verglichenen Darstellungen fanden wir von Orgelusen, die bei Wolfram mitten in die letzten Abenteuer Gawans eingewebt ist, eine Spur, in keiner derselben also auch die Beziehung auf den Gralskönig, der durch seine frühere Werbung um Orgelusen sich jene schmerzhafte Wunde zugezogen habe, von der ihn Parzivals Frage heilen sollte.

Der Dichter nun, der diese, wie sich ergeben hat, der frühern Sage und noch den nordfranzösischen Dichtern fremde Erdichtung erdachte, wird auch die weitern Abenteuer Gawans, die sich keiner Anknüpfung an das Gralkönigtum mehr fähig erwiesen, als müßig ausgeschiedne haben, wahrscheinlich auch die fernern zwecklosen Abenteuer Parzivals vor und nach der Erwerbung des Gralkönigtums, die wir bei Chrestiens Nachfolgern finden, so wie auch in dem neuerdings von Dr. Alfred Rochat bekannt gemachten "Parcheval li Galois" (Zürich 1855, der fast nur Abenteuer enthält, die in Wolframs Darstellung absichtlich und mit gutem Grunde übergangen scheinen, weshalb wir ihn nicht weiter in die Untersuchung zu ziehen brauchen, zumal sich von allen den Dingen, die Wolfram nicht aus Chrestien haben kann, keine Spur bei ihm zeigt.

Ist nun unsere Annahme gegründet, dass alle diese mit der überlieferten Sage vorgenommenen Veränderungen, die vom gleichen Geiste zeigen, auch von der Hand desselben Dichters herrühren müssen, so fragt sich, wer dieser Dichter gewesen sei? Das aber können wir, glaube ich, nur an dem erkennen, was er an die Stelle setzte: Den Feirefiß mit seiner Elsternfarbe, die für die Veranschaulichung der Grundidee unentbehrlich waren, und den Zweikampf mit diesem Feirefiß, über welchem es bei Parzival erst zum Durchbruch kam, zu jenem Durchbruch, welchen Trevrezent (489, 13 ff) erhofft und als die Bedingung göttlicher Gnadenwahl ausgesprochen hatte. Dieser Dichter, der die selbst geschaffene Lücke so ausfüllte, war ohne Zweifel derselbe, welchem wir außer der Einleitung auch die beiden ersten Bücher von Parzivals Vater Gahmuret verdanken, die eben auf Feirefiß vorbereiten sollten. War nun dieser Dichter ein Deutscher oder ein Provenzale? Ich will nicht fragen, ob es sonst der Charakter provenzalischer oder überhaupt romanischer Dichtung sei, sich in den Gedanken so zu vertiefen und einen leichtfertig ersonnenen Zusammenhang unterhaltender Aventüren schonungslos weg zu schneiden, und auch in das Beibehaltene noch Beziehungen auf die Hauptbegebenheit einzulegen, damit der Faden des geistigen Interesses nicht verloren gehe und die Grundidee zuletzt desto stärker hervortrete. Ich will die Möglichkeit zugeben, dass ein Provenzale, ein Nordfranzose auch einmal Neigung zu deutschem Tiefsinn und gründlicher Komposition verraten und den vorherrschenden Charakter romanischer Poesie verleugnen könne, die über dem Reichtum der Erfindung, über dem Gewirr unterhaltender Episoden den Gedanken zu verlieren pflegt. Nur das will ich festhalten, ob den Teilen des Gedichts, welche die Nordfranzosen nicht kannten, und die also entweder dem Kiot oder unserm Wolfram angehören müssen, sich nicht äußerlich ansehen lasse, wer sie erfunden habe, ein Deutscher oder ein Romane. Zu diesen Teilen gehört zwar auch die im letzten Buche angefügte Sage von dem Schwanenritter; von ihr will ich aber einstweilen noch absehen und mich hier zunächst noch auf die von Gahmuret und Feirefiß handelnden Bücher beschränken.

Die erste Erwägung, die sich hier aufdrängt, ob sich bei den Provenzalen oder andern Romanen von Gahmuret und seinem Sohne Feirefiß, von Belakanen und den Königreichen Assagog und Zaßamank, von Schiltung und seinem Schweigersohne Friedebrand, von Hernant und Herlinde usw. Spuren nachweisen lassen, will man zwar künftiger Forschung überweisen; aber hieße das nicht die Sache ad calendas graecas verschieben? Ist es nicht schon bedeutend genug, dass es den bisherigen Forschungen nicht gelingen wollte, von allen diesen Dingen dort auch nur das leiseste Anzeichen aufzuspüren? Wohingegen in deutschen Gedichten ein Teil dieser Namen erscheint, nicht bloß die deutschen wie Schiltung (Skiöldung) und Friedebrand, die so tief in unsere Sage verflochten sind, während Hernant und Herlinde schon die Alliteration als der deutschen Poesie angehörig bezeichnet, sondern auch der romanische Name Gahmuret, der allerdings nicht in dieser schon halb verdeutschten Gestalt, dafür aber in der echten romanischen Form als Amuret in demselben deutschen Gedichte begegnet, das auch einen Teil jener deutschen Namen bewahrt, einem Gedichte, das sich zugleich auf demselben Schauplatz zu bewegen scheint, auf den uns das erste Buch des Parzival führt. Schon oben (§ 9, Anfang) ist von dem in der sog. Manessischen Sammlung erhaltenen Lehrgedichte von König Tyrol von Schotten und seinem Sohne Friedebrand die Rede gewesen, so wie von der Anspielung, die sich im Wartburgkrieg auf die Sage von ihnen findet. Gehört auch dieses Gedicht dem dreizehnten Jahrhundert an, so muss doch die Sage älter sein, und Grimm urteilt (Haupts Zeitschr. 1, 8), das in der Gudrun erwähnte Land der Friedeschotten, das mit König Freidebrand von Schotten in Zusammenhang stehen müsse, sei schwerlich aus Wolframs Parzival in die Gudrunsage geraten, sondern schon im zwölften Jahrhundert, also vor Wolframs Werke, darin gewesen. Dagegen finde ich dort bei Grimm kein einleuchtendes Urteil über das Alter des andern größeren erzählenden Gedichts von K. Tyrol und Friedebrand, von welchem er erst a.a.O. wenige und zum Teil bis zur Unlesbarkeit zerrüttete Bruchstücke bekannt gemacht hat. Dass es älter ist als jenes Lehrgedicht, wird man gegen Grimm anzunehmen geneigt sein, weil aus ihm K. Tyrol von Schotten mit seinem Sohn Friedebrand schon bekannt gewesen sein muss, ehe das Lehrgedicht daran anknüpfend die Rätsel vorlegend und Rätsel lösend einführen konnte. Mir scheint aber die darin enthaltene Sage auch älter als der Parzival, weil das was dieser von Friedebrand erzählt, den Inhalt jener Bruchstücke voraussetzt. Im Parzival ist Friedebrand schon wieder nach Schottland heimgefahren; in den Bruchstücken finden wir ihn noch in dem heidnischen Lande, das schon darum dasselbe sein muss, worin auch das erste Buch des Parzival spielt, weil hier auch jene Halbleute auftreten, die schon Grimm für die sog. Elsternmenschen (negrepies, altn. hâlfslitumenn) nahm, zu welchen auch Feirefiß im Parzival gehörte. Zum Überfluss bieten dieselben Bruchstücke auch den Namen Amuret, wozu Grimm bemerkt, auf jener Spalte habe vermutlich der Name Gahmuret gestanden. In der Tat steht aber nur Amuret in der Handschrift und in dieser Form hat auch der Name echtern romanischen Klang. Es war wohl erst Wolfram, der ihn in Gahmuret wandelte, indem er ihm einen Anlaut gab, durch welchen er mit Gandin und Galoes, Gahmurets Vater und Bruder, alliterierte. Oder was ist wahrscheinlicher, dass ein Romane wie Kiot oder ein Deutscher wie Wolfram das Gesetz der alliterierenden Namengebung befolgt habe? Vgl. Anm. zu P. 496, 21. Und ist es wohl überhaupt einem Romanen zuzutrauen, dass er jene offenbar der deutschen Sage entnommenen Namen eingeführt habe? Es hieße dem Kiot eine höchst befremdende Kunde von deutschen Sagenverhältnissen zutrauen, wenn er alle jene oben noch nicht einmal vollständig aufgezählten deutschen Helden in das erste und dann auch in den Gruonlanden 48, 29 noch das Groenlands fylki der Landschaft Wik in Norwegen (Zeitschr. a.a.O. S. 8) in das zweite Buch des Parzival gebracht haben sollte. Wolfram dagegen konnte diese Namen kennen, da er unter allen höfischen Dichtern am meisten Bekanntschaft mit deutschen Heldensagen zeigt, eine Bekanntschaft, die sich bis zur Vertrautheit steigert und selbst seinen Ausdruck volkstümlich färbt. Vgl. die Anm. zu 143, 21-144, 4.

Zwei andere Namen, Sigune und Frimutel, sind schon Grimm a.a.O. wegen ihres deutschen Klanges aufgefallen. Sigune wird unten mit Sigyn verglichen werden; hier stelle ich den Namen Herzeleide hinzu, den freilich Wolfram gleich dem Gahmurets der deutschen Sprache angenähert haben könnte, während Frimutel umgekehrt durch romanische Endung entstellt scheint. Was die große Menge romanischer Namen anbetrifft, die Wolfram nicht aus Chrestien schöpfen konnte, so wird es nur darauf ankommen, ob wir ihm Erfindungsgabe und Kenntnisse genug zutrauen, sie zu bilden; die letzteren scheinen indes bei einem derselben nicht ausgereicht zu haben. Parzivals Gemahlin, bei Chrestien Blanchefleur genannt, heißt bei Wolfram Condwiramur. Was konnte den Dichter bewegen, hier den überlieferten Namen zu verlassen? Kannte er etwa den gleich lautenden der Mutter Tristans, und wollte der Verwechslung aus dem Wege gehen? Glaublicher ist mir bei des Dichters Vertrautheit mit deutscher Dichtung und Sage, dass in dem Namen Lufamur, den Parzivals Gemahlin in dem altenglischen Gedichte (§ 18) führt, die Grundlage zu Condwiramur gefundne ist. Die letzten Silbern (-amur) konnte er ihres für den Gegenstand der Liebessehnsucht seines Helden so höchst passenden Sinnes wegen unverändert beibehalten; die erste, unromanisch klingende, die sich dem Verständnis seiner Leser entzog, vertauschte er mit Condwir-, beging aber dabei einen Fehler, der wohl einem Deutschen, dem Provenzalen Kiot nicht begegnen konnte. Der Name Condwiramur ist gegen den Gebrauch der romanischen Sprache gebildet, welche Zeitwörter, die sie mit Hauptwörtern zusammensetzt, wohl in den Imperativ, nicht in den Infinitiv zu stellen pflegt. Der Name ist hiernach von Wolframs Präge, aus Kiot hat er ihn nicht geschöpft.

Eine ähnliche Bewandtnis hat es mit dem Namen von Gahmurets Vater Gandin, der mit Gahmuret und Galoes im Stabreimsverband steht. Vgl. die Anmerk. zu 496, 21. Gandin ist der Name einer steiermärkischen Stadt (498, 25), bei der Wolfram selbst an Parzivals Ahn erinnert, der nach ihr benannt worden sei. Wir dürfen das dem Dichter wörtlich glauben, denn er selber war es wohl, der den Namen der Stadt auf Gahmurets Vater übertrug. Was ihn dazu veranlasste, war vielleicht nur, dass er eines auf Gahmuret alliterierenden Namens bedurfte, da er aus seiner frühern Beschäftigung mit der deutschen Heldenpoesie die alliterierende Namengebung, die schon bei Hernant und Herlinde hervortrat, kannte. Der ihm überlieferte Name Amuret passte als ein Diminutiv von Amur (Amor) wenig für einen so mannhaften Helden: Das vorgesetzt G half dem ab und das zugleich eingeschobene h verlieh dem Namen halb deutschen Klang, was bei Gahmurets Auftreten mitten unter deutsch benannten Helden willkommen sein konnte. Den Namen Gandin zu wählen mochte den Dichter noch ein anderer Umstand bestimmen. Die Steiermark führte den Panter im Wappen und dem nach der steiermärkischen Stadt Gandin benannten König von Anjou gab der Dichter gleichfalls den Panter zum Wappenbild. Ob wirklich das Anjousche Geschlecht von Alters her den Panter im Wappen führte, darauf scheint mir wenig anzukommen: War es der Fall, so konnte dies dem Dichter ein Grund mehr sein, jenen Namen Gandin von der Stadt auf den König von Anjou zu übertragen. Ist es aber wahrscheinlich, dass der Romane Kiot das Wappen der steiermärkischen Stadt gekannt habe?

Die Annahme, dass Wolfram in Kiot einen Gewährsmann gehabt habe, beruht lediglich auf seinem Vorgeben, dem man bisher unbedingt Glauben geschenkt hat, der Würdigung des Dichters zu großem Nachteile und unserer Literaturgeschichte wahrlich nicht zur Ehre. Ich glaube dargetan zu haben, dass er schwerlich viel mehr als ein Übersetzer war, wenn er in den Teilen des Gedichts, die von Chrestien Darstellung abweichen, dem Kiot folgte. Aber auch die innere Unwahrscheinlichkeit seines Vorgebens habe ich nachgewiesen; vollen Beweis des Gegenteils kann niemand fordern, weil eine Negative sich überhaupt nicht beweisen lässt. Sollte Wolframs Vorgeben von Kiot darum für wahr gelten, weil er es vorgab, so müsste auch Kiot das in arabischer Sprache geschriebene Buch des Flegetanis (§ 10) in Toledo gefunden haben, das er nur lesen konnte, weil ihm die Taufe zu Gute kam (453, 11-22). Wenn wir Wolfram wörtlich zu glauben verpflichtet sind, der doch ein Dichter war, warum nicht auch dem Kiot, und warum nicht auch dem Flegetanis? Will man einmal eine Grenze stecken, so stecke man sie an den rechten Fleck, wodurch alle jene Rätsel (Anmerk. zu 496, 21) ihre Lösung finden.

Was Wolfram zu jenem Vorgeben bestimmte, lässt sich hier noch nicht ganz sagen (vgl. § 23); aber einen Grund habe ich schon aufgeführt: Er bedurfte Chrestiens großem Ansehen gegenüber eines Rückhaltes, um seine Umbildung der Sage zu rechtfertigen, da seine tiefere, geistigere Auffassung derselben den Autoritätsgläubigen jener Zeit seine Berechtigung, von dem berühmten Vorgänger abzuweichen, nicht dargetan hätte. Ihm war es nur um die Wirkung seines Gedichtes zu tun, und diese hing von dem Glauben ab, den man seiner Darstellung schenkte. Für seinen Ruhm brauchte er nicht besorgt zu sein, da die Originalität der Erfindung nicht zu den Ansprüchen gehörte, welche jene Zeit an die Werke ihrer Dichter stellte. Ganz anders verhalten wir uns jetzt zu ihnen: Uns ist es nicht gleichgültig, ob wir ein Original oder eine Übersetzung lesen und schon darum glaube ich nicht etwas Unnötiges zu tun, indem ich den größten deutschen Dichter des Mittelalters auf seine eigenen Füße stelle. Ich leugne aber nicht, dass dies nicht der einzige Antrieb war. es ist schon beschämend genug, dass unser nationales Epos durch die an den Höfen herrschende Vorleibe für britische und welsche Stoffe nur in den Nibelungen und etwa noch in der Gudrun, nicht in seinem übrigen großartigen Zusammenhang zu voller Ausbildung gelangen konnte, da alle namhaften Kunstdichter sich von ihm abwandten. Sollten wir auch noch einräumen müssen, dass sie in der neuen Gattung, zu der sie sich durch den herrschenden Zeitgeschmack gedrängt sahen, von den Erfindungen der Franzosen abhängig geblieben wären, es über deren Leistung nicht hinaus gebracht hätten?

Von Hartmann, dem ersten, der auf diese Bahn lenkte, mag dies zugegeben werden müssen, aber nimmermehr von Wolfram, und ich glaube auch nicht von Gottfried. In diesen beiden hebt sich unsere höfische Dichtung zu einer den Franzosen ungeahnten Höhe: Sie haben die uralten mythischen Sagen, die ihnen von jenen überliefert waren, aus der welschen Verflachung erlöst, indem sie den tiefsinnigen Gedanken, der ihnen zu Grunde lag, aufgegriffen, und die ganze Kraft ihres Geistes und Gemütes auf seine Durchführung und Darstellung wendend, Meisterwerke schufen, die für alle Zeiten gelten werden.

Ich habe mich, den Kiot zu leugnen, der bloßen Möglichkeit willen nicht bedacht, dass doch noch einmal ein Kiot an den Tag kommen möchte: Ich kann deshalb ruhig schlafen, denn diese Möglichkeit halte ich für unmöglich. Leicht aber kann es geschehen, da nicht einmal Chrestiens und seiner Nachfolger Werk gedruckt ist, geschweige die ganze nordfranzösische und provenzalische Literatur uns vorliegt, dass über einzelne Dinge, auf welche meine Ausführung sich stützt, wie z.B. die Namen Frimutel, Gahmuret, Gandin und Galoes, Blanchefleuer und Condwiramur usw. künftig neues Licht fällt: aber schwerlich dürfte sich Wolframs Verhältnis zu seinen Vorgängern dadurch ungünstiger stellen.

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